Freitag, 25. Januar 2013

Zu Unrecht aus der Mode gekommene Wörter


Wenn es hier jüngst hieß, das einzig Konstante an Sprache sei die Veränderung, so bedeutet das keineswegs, dass diese Veränderung immer zum Besten der Sprache sei. Im Gegenteil: Es scheint sich ein Hang zu einem sprachlichen Extremismus breit zu machen, der nur noch schwarz und weiß kennt und dabei die tausend kleinen Zwischentöne und Nuancen plattwalzt, die die Sprache sonst noch bereit hält. Vor allem in Bezug auf eigene Empfindungen lässt man ja gern die Sau raus, heutzutage. Entweder es geht einem bombenobersuperprima oder man muss gleich kotzen, dazwischen gibt es nichts. Welch schönes Wort ist da zum Beispiel das vom Aussterben bedrohte 'blümerant'. Wenn jemand sagt, im werde gerade so blümerant, dann bedeutet das nicht, dass ihm übel oder gar kotzübel sei, sondern, dass er das Gefühl hat, ihm könnte eventuell gleich ein wenig flau werden.

Ein anderes Wort, über dessen zunehmendes Ausdermodekommen man mit recht trauern darf, ist 'Busengrapscher'. Das ist ein spezieller Typ Mann, meist in fortgeschrittenem Alter, oft von schmierig-pimmeligem Äußeren und mit entsprechenden Manieren, immer aber mit einer asthmatisch-öligen Lache am Leibe, der sich für unwiderstehlich und den weiblichen Teil der Menschheit für einen Selbstbedienungsladen hält, dessen Angebot nur darauf wartet, von ihm flachgelegt zu werden. Mann kennt das: Ab einem gewissen Alkoholpegel fangen diese Typen an, ihren Mitmenschen auf die Nerven zu gehen mit langatmigen Aufzählungen, in welchen Damen sie schon alles ihr Gemächt versenkt haben, bei welchen sie das in nächster Zeit zu tun gedenken und welche hundertprozentig bald an der Reihe sind. Wahrlich, keine Zierde unseres Geschlechts!

Nun muss man differenzieren: Viele dieser Typen verfügen immerhin über genügend Restanstand und -sensibilität, dass sie ihre Klappen halten, sobald eine Frau aus Fleisch und Blut in Hörweite ist. Ein echter Busengrapscher aber ist auch in dieser Hinsicht schmerzfrei. Gern verleiht er seinen Worten in handgreiflicher Weise Nachdruck, und wenn seine Avancen beim Opfer nicht sofortiges Aufdiekniefallen hervorrufen, dann wird der Betroffenen entweder unterstellt, es qua ihrer Kleidung doch gewollt zu haben oder es werden ihr gleich homophile Neigungen unterstellt. Letzteres passiert übrigens oft auch anwesenden Männern, die die rechte Begeisterung vermissen lassen über so was oder gar protestieren.

Wäre das Aussterben von Wörtern ein sicheres Zeichen dafür, dass die entsprechenden Denotate ebenfalls ausstürben, dann wäre das natürlich eine gute Nachricht. Ist aber leider nicht so. So wenig das passende Gefühl verschwindet, weil man nicht mehr 'blümerant' sagt, so wenig sterben Typen wie die oben beschriebenen offenbar aus, weil die durchaus angemessenene Bezeichnung 'Busengrapscher' immer weniger gebräuchlich ist. Wie die lebenden Fossilien safteln sie herum und merken nicht, wie weit der Zeitgeist sich gedreht hat (spätestens der Fall Strauss-Kahn hätte ihnen eine Warnung sein müssen). Das alles lässt am Ende nur einen Schluss zu: Die wahren Konservativen, diejenigen noch die alten Wörter leben, sitzen in Wahrheit bei den Liberalen.

Man muss keine direkte Parallele ziehen zwischen schandbaren Vorgängen, wie sie in letzter Zeit gehäuft aus Indien bekannt geworden sind, und der verbalerotisch begleiteten Altherrengrabbelei eines Rainer Brüderle, ohne das verharmlosen zu wollen. Dass solche Fälle zunehmend nicht mehr diskret unter den Tisch fallen – geh, stell' dich doch nicht so an! – sondern in aller Öffentlichkeit breit getreten werden, ist ein guter Anfang. Aber solange solche so genannten Alpha-Männchen sich noch im sicheren Gefühl wiegen können, ihr Tun sei gesellschaftlich zumindest geduldet, würde insgeheim auch noch bewundert, solange noch einem Macher- und Erobererkult gehuldigt wird und solange Männer, die ihre Pfoten bei sich zu behalten pflegen, in gewissen Kreisen als Weicheier gelten, so lange wird so etwas wohl leider immer wieder passieren.


1 Kommentar :

  1. Der, die, das Sexismus. Diese Debatte, die unbedingt wichtig ist, besticht durch, -zumindest mir, - ausgesprochen sympathische Vielfalt zwischen Weiß und Schwarz. Da ist so gut wie alles drin, was man als Widerspruch einer Seite des Grabens zur anderen, und zudem von Menschen bevölkert bezeichnen könnte. Von; "Die Tussi macht sich unnötig wichtig" eines männlichen Gläubigen an die korrekte weiblich rethorische Selbstverteidigung in der FR, - über ähnliches, aber weibliches, - mittels; "Frauen sind erwachsen und machen was sie wollen" im Spiegel, über "Macht und Gier des Mannes", welche nach Beseitigung zugunsten quotierter Frauen Utopien wahr werden lassen, in der SZ, - bis zur besonders stilvollen Doppelmoralität von Frauen, die überall hin gehen möchten ohne angemacht zu werden, - ausgerechnet im Tittenblatt Bild. Besonders spannend, finde ich illustre Frauenkreise im regionalen Kneipenbetrieb, die mit voll tönendem Charme, aber doch recht sabbernd, - zotige Witze reißen. Und durchaus auch mal unanständig zugreifen können. Gegenüberstehend von Damen, welche unsereins Halbanständigen, um Hilfe gegen potentielle obige Busengrabscher bitten, die noch gar nicht gegrabscht haben, aber trotzdem Angst vor ihm haben und befürchten, dass ihre Ablehnung ihn aggressiv machen könnte. Was wiederum unsereinem, Aggressionen von Seitens des Herrn genauso ein bringt, wie auch von der krakelenden Damenmannschaft mit gehobenem Selbstbewusstsein mittels Kopieren männlichem Verhaltens, - welches sie selber auch noch kritisieren. (Ist das überhaupt typisch männliches Verhalten?) Und auch ich, - habe mich als Sexist geoutet. Einfach nur durchs Wort "Titten". Und ich bin sogar noch schlimmer. Den Automatismus, die Augen rechtzeitig verschämt vom Dekoltee zu wenden, - hab ich auch noch nicht drauf. Ich schäme mich ganz furchtbar. Aber ich arbeite daran. Ich schau jetzt immer so hin, - dass es ja keinem auffällt und weise darauf hin, - dass ich ein Sexist bin. Bin ich das? Oder eher Eromane? Oder? Vielleicht ist auch alles viel einfacher. Wer ohne gegenseitiges Einverständnis grabscht, kriegt was auf die Finger. Das muss einfach klar sein. Stimme also voll zu. Trotzdem, gibt es auch hierbei, - eine klitzekleine Einschränkung ...... Habt ihr mal ein total ineinander verliebtes Pärchen gesehen, bei dem sich keiner der beiden traut, - auf den anderen zuzugehen?

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