Sonntag, 24. Februar 2013

Cucina povera


Wir wissen natürlich nicht, ob sich Hartwig Fischer (CDU) und später auch Dirk Niebel (FDP) einen Moment lang ganz christlich, geradezu barmherzig vorgekommen sind. Nein, das wäre eine reine Unterstellung. Dennoch haben sie ihre Idee, die pferdefleischhaltigen Produkte, die jüngst aus dem Handel genommen wurden, an Bedürftige abzugeben, allem Anschein nach für eine sehr gute gehalten. Lasagne und Tortellini satt für alle! Sind wir nicht irre nett? Vermutlich kommen sie sich wirklich so vor. In Wahrheit haben sie lediglich die Jubelrhetorik jener Regierung, in der genau die politischen Kräfte sitzen, denen die beiden wiederum entstammen, endgültig und damit quasi offiziell als die Propaganda entlarvt, die sie von Anfang an war.

Angesichts des Fischer-Niebelschen Vorschlags kommen Bilder in Erinnerung wie auf alten Kupferstichen, die man im Europa des 21. Jahrhunderts längst vergessen glaubte: Zerlumpte Arme, die sich prügeln um die Essensreste, die ihnen aus dem Dienstboteneingang einer Villa hingeworfen werden. Aber so einfach ist es nicht. Bei der betreffenden Ware handelt es sich weder in hygienischer noch in ernährungsphysiologischer Hinsicht um Abfall, der die Gesundheit gefährdet. Auch wenn das in den Fertiggerichten enthaltene Pferdefleisch überdurchschnittlich hohe Spuren von Medikamenten enthält, so handelt es sich um Beimischungen im einstelligen Prozentbereich. Der ein- oder mehrmalige Verzehr solcher Produkte dürfte die Gesundheit der Esser kaum nennenswert belasten. Zumindest nicht mehr als der von anderem industriellem Fertigpampf aus unseren Supermärkten. Abgesehen vom Etikettenschwindel, handelt es sich also aller Wahrscheinlichkeit nach um einwandfreie Ware.

Zudem ist es ein alter Hut, Lebensmittel an finanziell bescheiden aufgestellte Menschen verbilligt abzugeben. Generationen von Westberlinern füllten ihre Speisekammern gern aus Altbeständen der Senatsreserve auf. Bis Mitte der Neunziger gab es, wie in vielen Städten, auch in meiner bescheidenen Heimatstadt noch eine Freibank. Dort wurde Fleisch von notgeschlachteten Tieren zu günstigen Preisen verkauft. Grund, sich irgendwie zu ekeln gab es keinen, denn paradoxerweise war das Freibanksortiment erheblich gründlicher untersucht als Fleisch aus Normalschlachtung und in jeder Hinsicht unbedenklich. Freibanken waren seit dem Mittelalter in vielen Städten eine normale Erscheinung und ein Weg für Menschen, die sich das normalerweise nicht hätten leisten können, an Fleisch zu kommen. Der allgemeine Preisverfall auf dem Fleischmarkt hat die Freibanken letztlich zur Aufgabe gezwungen.

Ernährungshygienisch spricht also wenig gegen das Abgeben der aus dem Verkehr gezogenen Ware. Was soll man sonst machen? Das Zeug entsorgen? Es ist verlogen, sich einerseits darüber zu empören, dass in Deutschland jedes Jahr tausende Tonnen einwandfreier Lebensmittel im Müll landen, andererseits aber ein Problem darin zu sehen, solche Waren unter bestimmten Voraussetzungen in den Handel zu bringen. Zum verbalen Vorschlaghammer zu greifen a'la 'Schrottessen für Menschenschrott' erscheint daher, so verständlich das im ersten Moment erscheinen mag, ab dem zweiten Moment vielleicht ein wenig zu dolle.

Was also stößt an der Sache so sauer auf? Fischer hat ganz offen eingeräumt, dass in diesem Land zirka 1,5 Millionen Menschen auf die Tafeln angewiesen seien. Und hier offenbart sich die ganze Verlogenheit von Teilen des Politikbetriebes. Fischer und Niebel sind Mitglieder exakt jener Regierung, die uns seit Jahren einzureden versucht, Deutschland ginge es so gut wie nie. Aus deren Reihen auch schon mal die Existenz von Hartz-IV-Empfängern als anstrengungsloser Wohlstand diffamiert wurde. Wo man sich überhaupt nicht mehr einkriegen mag darüber, dass so viele Menschen Arbeit haben wie noch nie zuvor. Wo man auch Urteile des Bundesverfassungsgerichts, in denen es heißt, der ALG2-Regelsatz sei deutlich zu niedrig, geflissentlich ignoriert. In diesem von der Welt beneideten Superland mit seinen überpamperten Arbeitslosen gibt es tatsächlich Menschen, die auf die Leistungen karitativer Organisationen angewiesen sind? Unfassbar!

Sollte am Ende tatsächlich so etwas wie soziales Gedankengut Einzug halten bei meiner geliebten Bundesregierung? Die Anzeichen mehren sich. Immerhin ist sogar schon Guido Westerwelle, einem gefürchteten Blitzmerker vor dem Herrn, aufgefallen, dass drei Euro fünfzig Stundenlohn – man höre und staune – mit Leistungsgerechtigkeit nichts mehr zu tun hätten. Bleibt zu hoffen, dass die Truppe niemals ein höchst aufrührerisches, vermutlich linksradikales Pamphlet aus dem ersten Jahrhundert nach Christus in die Finger bekommt. Dort heißt es unter anderem: „Selig, ihr Armen. Denn euch gehört das Reich Gottes. […] Aber weh euch, die ihr reich seid! Ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ (Lk 6, 20/24)

Waaas? Die Armen sollen selig sein? Einfach so? Ohne Gegenleistung? Obwohl sie nach Recherchen namhafter Boulevardmedien bekanntlich den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen und nichts arbeiten für ihre Seligkeit? Sofort weiterreichen ans Wirtschaftsministerium, die Schwarte! Die wissen, wie man so was regelt.



Kommentare :

  1. Eigentlich ziemlich sozialdemokratisch aus den Reihen der CDU, dass Menschen, die uns auf unserer aller Taschen liegen, weil arbeitsmarktpolitisch nicht verwertbar, trotzdem mit Pferdefleisch gefüttert werden. Ihnen wird der frühe Hungertod erspart, sie werden länger leben und somit in der Lage sein, sich in der sozialen Hängematte ins Alter zu schaukeln.
    Da hat wohl wieder die CDU die SPD links überholt.

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    1. Tja, wer hätte das gedacht - wenn die nicht aufpassen, dann überholen die sich selbst noch links. Wehrpflicht, Ausstieg aus dem Ausstieg des Atomausstiegs, Homo-Ehe und jetzt auch noch soziales Gewissen. Es scheint, als wolle man die brave Union zu einer Art Microsoft der deutschen Parteienlandschaft umbauen...

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  2. beati pauperes spiriti... also: "Selig die geistig Armen"... was aber bei der Regierung auf´s gleiche zielt.

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