Freitag, 8. Februar 2013

Die Titelverteidigerin

"Che bel' colpo, che bel' caso! / E cresciutto a tutti il naso."
(Lorenzo da Ponte, La nozze di Figaro)
"Es gibt nichts Schöneres, als wenn Selbstgerechtigkeit eins aufs Dach kriegt."
(Kenneth Tynan)
Man möchte Bildungsministerin Schavan packen und schütteln und ihr eindringlich sagen, dass wer im Loch sitzt, tunlichst aufhören sollte zu graben. Selbst wenn ihre Klage gegen den Entzug ihres Doktorgrades Erfolg hat, es wird eine Art Freispruch zweiter Klasse werden. Ihre akademischen Meriten werden immer noch einen Beigeschmack haben. Dass Frau Merkel ihrer Ministerin volles Vertrauen ausgesprochen hat, erinnert ein wenig an Pressekonferenzen vom Abstieg bedrohter Bundesligavereine. Wenn da das Präsidium verlauten lässt, man stehe voll und ganz hinter dem Trainer, dann sollte der Coach sich schon mal nach einem neuen Job umsehen. Nebenbei lässt sich an dieser Geschichte aber auch sehr schön studieren, wie unsere Eliten, vor allem die sich konservativ nennenden, es mit den von ihnen progagierten Werten und Maßstäben halten.

Es mag an mir liegen, aber mir scheint, als sei die Vorstellung, Regeln, die man für andere aufstellt, für einen selbst keinesfalls zu gelten haben, und wenn schon, dann aber bitte nicht gar so hart, vornehmlich eine konservative Spezialität. Haben wir gerne: Anderen strengste Standards aufbrummen, und wenn es einem selbst wegen eben dieser Standards ans Leder geht, dann darf man das alles nicht so eng sehen. Wir sind doch – hihi – alle nur kleine Sünderlein und wir machen alle unsere Fehlerchen, nicht wahr? Überhaupt: Was für eine kalte Welt wäre dies doch, wenn sich keiner mehr einen Lapsus erlauben dürfte. So seht ihr aus! In der Tat, so viel Menschlichkeit rührte das Herz, wenn die, die sie so gern für sich in Anspruch nehmen, grundsätzlich bereit wären, sie immer auch anderen angedeihen zu lassen.

Erbärmlich die Versuche, sich damit herauszureden, damals hätten schließlich andere Zitierregeln gegolten. Interessanterweise hat die Kommission, die Frau Schavans Arbeit geprüft hat, zur Sicherheit auch Literatur aus den 1970ern über wissenschaftliches Arbeiten zu Rate gezogen. Lächerlich auch, der Universität Düsseldorf eine Mitschuld geben zu wollen. Ein Doktorand versichert an Eides Statt, sich an die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens gehalten zu haben. Sicher muss sich auch die Uni mit der unangenehmen Frage befassen, warum eine solche Doktorarbeit damals so anstandslos durchgewunken wurde. Ihr aber die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen ist in etwa so, als würde jemand, der alkoholisiert Auto gefahren ist und dabei ein Kind überfahren hat, der Polizei die Schuld geben, weil sie ihn nicht daran gehindert hat, sich ans Steuer zu setzen.

Welch beunruhigende Ausmaße solche gedanklichen Deformationen annehmen können, hat zuletzt Tilman Krause eindrucksvoll vorgeführt. Der wrang sich folgende steile These aus dem grauen Modder, der ihm im Schädel herumdümpelt: Frau Schavan ist mitnichten Täterin, sondern in Wahrheit Opfer. Opfer der Sozialdemokraten, denn die Sozis hätten damals die Bildung verwässert, weil sie wahnsinnigerweise geglaubt haben, man könne so mir nichts, dir nichts innerhalb von zwei, drei Generationen ins Bildungsbürgertum aufsteigen. Genau! Wo kämen wir auch hin, wenn einfach so jeder Ungewaschene ohne angeborenen Geistesadel meint, studieren zu müssen? Man sagt, Schizophrenie sei inzwischen recht gut mit Medikamenten therapierbar.

Annette Schavan hat sich im Rahmen der Affäre um Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit zur moralischen Instanz aufgespielt, zur Hüterin und Verteidigerin wissenschaftlicher Ethik. Dabei hat sie den Eindruck erweckt, ihre Doktorarbeit sei, im Gegensatz zu der des Barons mit dem Münchhausen-Sydrom, über jeden Zweifel erhaben. Mit einer Wissenschaftsministerin, der aufgrund einer unsauberen Doktorarbeit der Titel entzogen wurde, verhält es sich ähnlich wie mit einem Justizminister, der als notorischer Ladendieb auffällig wird oder mit einem Finanzminister, der der Steuerhinterziehung überführt wird. Oder meinethalben mit dem Enthaltsamkeit predigenden Pfarrer, der im Puff erwischt wird. Was glaubt diese Dame, welches Gewicht ihre Worte in Zukunft haben werden, wenn sie vor Wissenschaftlern und Forschern über Wissenschaft und Forschung redet?

Ein Gutes hat die Sache immerhin: Die Titelgeilheit gewisser Kreise dürfte in Zukunft merklich abnehmen. Und Ghostwriter, bei denen nicht nur titelgeile, sondern auch faule Zeitgenossen ihre Doktorarbeiten in Auftrag geben, werden in Zukunft genau wissen, was zu tun ist: Ordentlich Geld abknöpfen und gezielt Plagiate einbauen.


Nachtrag in eigener Sache:

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Kommentare :

  1. Das mit den Regeln könnte ein Problem des Blickwinkels sein. Bei mir selber weiß ich ja, wie ich es meine, was ich dabei gedacht habe, und es ist immer sehr vernünftig, nachvollziehbar und überhaupt. Dasselbe bei anderen wirkt ganz anders auf mich. Darum gelten die Regeln für andere immer ein bisschen mehr als für mich selbst. Das kann man sehr schön beim Autofahren beobachten. Mir geht es so, dass ich den Abstand zum Fahrzeug vorne als zu knapp empfinde, wenn ich Beifahrer bin, nicht aber wenn ich selbst fahre.

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  2. »Dummheit, die man bei andern sieht,
    wirkt meist erhebend aufs Gemüt.«
    (Wilhelm Busch)

    (hierorts eine treffliche Illustration zu besagter Causa)

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  3. Auch das "Volk" ist ein Stück mitschuldig an solchen Phänomenen .

    Ist es - auch im Alltag - doch allzu gerne bereit , den Herrn und die Frau Doktor ( leichte Verbeugung ) ein bißchen besser zu behandeln und als höherwertig zu betrachten, auch das trägt zur Titelgeilheit bei.

    Paradebeispiel der treffend so bezeichnete "Baron von Münchhausen".

    Ein offensichtlicher Blender , schon vor seiner eigenen Plagiatsaffäre , ein Teil des Volkes aber lag sabbernd im Staub und sah so eine Art Sonnenkönig am Horizont emporsteigen.

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