Dienstag, 19. Februar 2013

Doppelte Fallhöhe


Sportler, vor allem Spitzensportler gelten als Vorbilder, zu denen wir tunlichst aufschauen sollen. Wegen ihrer Disziplin, ihrer Selbstüberwindung und ihrer Härte gegen sich selbst. Wegen ihrer Ausdauer, ihrer Bessessenheit, immer wieder ein kleines Bisschen besser werden zu wollen. Noch eine Hundertstel schneller, noch eine Körpertäuschung mehr. Spitzensport hat nichts mehr zu tun mit frisch-fromm-fröhlich-freier Leibesertüchtigung. Seine Protagonisten sind zu Ikonen eines grassierenden Selbstoptimierungswahns geworden, in millionenteuren Werbespots von Sportartikelfirmen werden sie zu einer Art höherer Wesen aufgeblasen und in nicht wenigen Sportarten mit absurden Salären entlohnt. Schaut man sich die Auswüchse dieses Treibens an, kommt es einem zuweilen vor, als habe die halbe Welt beschlossen, Kaltblutpferde kultisch zu verehren. Und als ob das noch nicht schon seltsam genug wäre, reicht es vielen offenbar nicht, deren Fähigkeit zu bewundern, Bierkutschen zu ziehen oder Pflüge, nein, sie interessieren sich auch noch brennend dafür, was die Tiere so treiben, wenn sie wieder im Stall sind.

Dabei sind Spitzensportler nichts weiter als Menschen, die eine Sache besonders gut beherrschen. Wie Bären, die Fahrrad fahren oder Seelöwen, die Bälle auf der Nase balancieren können. Daher ist es ziemlich gaga, sie zu Vorbildern zu stilisieren, nur weil sie Kunststückchen können, die aufgrund einer vorübergehenden Laune der Geschichte momentan ziemlich gut bezahlt werden. Denn auch Menschen, die in der Lage sind, mithilfe der richtigen Medikamente besonders schnell und ausdauernd Rad zu fahren, können Tyrannen und notorische Lügner sein. Ex-Footballer können jenseits ihres Wurf- und Laufvermögens pathologische Gewalttäter sein, die ihre Ex-Frauen brutal umbringen. Und Leichtathleten, die mithilfe von Hightech-Prothesen genauso schnell laufen wie welche ohne, vermutlich auch. Manchmal muss offenbar erst ein Mensch sterben, um an so etwas Banales zu erinnern.

Unter Vorbehalt kann man sagen, es sei kein Zufall, dass der Fall Oscar Pistorius – zumindest nach dem, was bislang durchgesickert ist, an den Fall O.J. Simpson vor knapp zwanzig Jahren erinnert. Der ehemalige Footballstar stand in Los Angeles vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wurde, seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson ermordet zu haben. O.J. Simpson stand in vieler Hinsicht für den amerikanischen Traum. Nach seiner sportlichen Karriere war es es ihm gelungen, sich auch als Schauspieler zu etablieren. Der Sport war seine Eintrittskarte in bessere Kreise und alles schien ihm zu gelingen. Im Prozess dann sprachen alle Indizien gegen ihn und nur seinem Anwaltsteam hatte er es zu verdanken, dass er nicht schuldig gesprochen wurde. Seine Anwälte verstanden es geschickt, die Geschworenen zu manipulieren und die Anklage als rassistische Verschwörung gegen ihn erscheinen zu lassen. Die Schrecken der Rodney-King-Unruhen von 1992 wirkten noch nach damals. Nicht eben wenige, die mehr von US-amerikanischem Recht verstehen als ich, gehen davon aus, dass der Prozess zu anderen Zeiten und unter anderen Umständen höchstwahrscheinlich anders ausgegangen wäre. Freispruch oder nicht, das Stigma eines gefallenen Engels blieb. Ein paar Jahre später wurde er zu einer Entschädigung an die Hinterbliebenen im zweistelligen Millionenbereich verurteilt und nach einem bewaffneten Raubüberfall 2006 sitzt er in Nevada im Gefängnis.

Bei Oscar Pistorius ist die Fallhöhe nun doppelt so hoch. Wäre er einfach nur einer der besten 400-Meter-Läufer der Welt, er wäre wohl bald vergessen. Weil er aber als erster Paralympics-Sieger überhaupt geschafft hat, nach langen Auseinandersetzungen auch bei den regulären Olympischen Spielen zu starten, wurde er zu einer Ikone, zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie ein Mensch dank Talent, Willenskraft und Ausdauer sogar das Fehlen seiner Unterschenkel vergessen machen kann. Eine Inspiration für alle körperlich Gehandicapten dieser Welt. Leider könnte es sein, dass dieser Mann privat keineswegs das ist, als das seine Leistungen auf der Tartanbahn ihn erscheinen lassen. Schon vor seiner Festnahme wegen des Verdachtes, seine Lebensgefährtin Reeva Steenkamp erschossen zu haben, soll es bei Pistorius daheim mehrfach Szenen häuslicher Gewalt gegeben haben, so heißt es. Häme und Schadenfreude sind fehl am Platze, aber es könnte durchaus passieren, dass dieser strahlende Held unserer Zeit sich am Ende entpuppt als krankhaft eifersüchtiger Zwangscharakter, als Waffennarr und gewalttätiger Kontrollfreak, mit dem man privat nicht gern zu tun hätte.

Sport in Maßen mag gesund sein, aber rationale Gründe, Spitzensportler auf eine höhere Stufe des Menschseins zu hieven, gibt es keine. Die Menschheit ist nach dem Verschwinden der antiken Olympischen Spiele hervorragend damit gefahren, sportliche Betätigung entweder als Sache des Militärs oder der Zunft der Gaukler anzusehen. Wobei Gaukler auch Sonderformen wie Gladiatoren im Alten Rom mit einschließt. Oder jene Menschen in untergegangenen mittelamerikanischen Kulturen, die zum Lohne für ihr siegreiches Ballspielen den Göttern geopfert wurden. Jahrtausende lang ärgerte sich ein Großteil der Menschheit damit herum, alles zu Fuß erledigen zu müssen. Und wer immer das nicht mehr tun musste und nicht völlig auf den Kopf gefallen war, tat einen Teufel, daran jemals wieder etwas ändern zu wollen.


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