Samstag, 16. Februar 2013

Fury In The Billigburger


Keine Panik, all ihr, die ihr euch von der Lebensmittelindustrie betuppt fühlt! Man hat euch in eure günstige TK-Lasagne und eure Fixundfertig-Burger Pferdefleisch unters Rinderhack geschmuggelt und ihr findet das total eklig? Langsam. Abgesehen von kulturellen Barrieren und davon, dass es schlicht Betrug im strafrechtlichen Sinne ist, gewolftes Hottehü nicht zu deklarieren, gibt es nichts, wovor man sich ekeln müsste: Pferdefleisch stammt normalerweise nicht aus industrieller Massentierhaltung, denn Zustände wie in der Rinderzucht würden die Tiere nicht lang genug überleben. Zudem ist es fett- und cholesterinarm. Dass Pferde keine Nieren haben und dass, was andere Tiere normalerweise unter sich gehen lassen, im Fleisch anreicherten, ist ein hartnäckiges Gerücht. Pferde haben genauso Nieren wie jedes andere Säugetier auch. Im Rheinland weiß man von jeher, dass ein richtig guter Sauerbraten nicht nur Printen braucht, sondern am besten auch vom Pferd ist.

Wir haben uns mehrheitlich angewöhnt, uns einen Kopf um das zu machen, was wir so essen. Das ist an sich, wie schon mehrfach gesagt, keine schlechte Entwicklung. Leider sind wir Gewohnheits- und Augentiere und neigen neigen daher dazu, uns allzu leicht blenden zu lassen. Jamie Oliver demonstrierte Schulkindern in einer seiner Sendungen, wie ungesund sie sich ernähren, indem er das, was sie so im Laufe einer Woche an Fritten, Cola und Burgern einpfeifen, auf einer riesigen Plane zusammenmischen ließ. Die Reaktion: Oh, mein Gott, großes Igitt! Wie konnten wir so was Ekliges nur essen? Der Satiriker Charlie Brooker demonstrierte daraufhin, dass auch teures Nobelfutter wie Scampi mit Rucola und Parmesanspänen plus Schampus nicht gerade appetitlich aussieht, wenn man es zusammenschüttet und gründlich vermischt.



Man muss gar nicht beim Fleisch anfangen. Nehmen wir Kartoffelchips. Die sind bekanntlich böses Unterschichtenfutter, zumindest, wenn man der regierungsamtlichen Propaganda glaubt. Angeblich fassen Chips, Cola, Süßigkeiten und Tiefkühlpizza das ganze Elend in vier Worten zusammen, das die Deutschen immer dicker und Sister Diabetes zur Volksseuche werden lässt. Der mündige, qualitätsbewusste Verbraucher hat natürlich den Imperativ verinnerlicht, sich gefälligst 'wertig' und 'bewusst' zu ernähren. Daher lässt er die ungesunden Chips für 59 Cent brav links liegen und greift zu Hand Cooked Kettle Chips with Sea Salt and Malt Vinegar. Die schmecken natürlich anders und auch die Verpackung sieht aus, als seien die Dinger geradewegs aus dem Viktorianischen London importiert worden (und Dinge aus der guten alten Zeit können unmöglich ungesund sein, nicht wahr?). Damit wären die Unterschiede auch schon zu Ende, denn ernährungsphysiologisch sind handgestreichelte Edelchips genau so ein Anschlag auf Blutwerte und Figur wie die billigen, wenn man sie sich in gleicher Menge zur Geräuschluke hineinschleust.

In Großbritannien, wo die ersten Fälle von Pferdeburgern auftraten, betraf das vor allem Fertigprodukte im Niedrigpreis-Sektor. Diese Produkte werden in der Regel nicht gekauft, weil sie  geliebt würden, sondern weil man entweder meint, keine Wahl zu haben oder glaubt, es werde schon nicht so schlimm sein. Wer so etwas kauft, tut das in den seltensten Fällen, weil er dem Hersteller vertraut, sondern weil er mit dem Hersteller ein Gentlemen's Agreement eingeht: Du verkaufst mir für ein paar Cents etwas, das nach Tierkadaver schmeckt, die Illusion, Hackfleisch zu essen, obwohl mir eigentlich klar ist, dass du auch Teile verwendest, die jeder brave Metzger nur noch zum Ansetzen von Fonds verwenden würde. Wenn du, Hersteller, bitte so nett wärst, alles fein genug zu schreddern, dann schaue ich auch nicht so genau hin und stelle vor allem keine dummen Fragen.

(via titanic-magazin.de)
 Nun könnte man es sich einfach machen und sagen, auch das sei ein Problem der Unterschicht, zu der man selbst sich auf keinen Fall zählt, oder von notorischen Geizhälsen, also derjenigen, die sich unbedingt so billig wie möglich ernähren wollen und nicht bereit sind, angemessene Preise zu zahlen. Langsam. Wer zum Beispiel glaubt, sich durch den Kauf von Geflügelwurst kalorienbewusst, gesund und vor allem Halal zu ernähren, sodass er auch dem muslimischen Kollegen guten Gewissens davon anbieten kann, sollte besser noch mal das Kleingedruckte lesen. Viele gekutterte Geflügelwurstsorten, egal ob Aufschnitt, Grill- oder Brat-, enthalten erhebliche Anteile an Schweinefleisch. Und zwar nicht nur der Billigkram: 2011 musste ein namhafter Markenhersteller zurückrudern, nachdem Foodwatch dahinter gekommen war, dass auch seine Produkte Schwein enthielten.

Es ist so einfach wie im Falle amazons: Wem das alles egal ist und wer keine Probleme mit all dem hat, möge so weitermachen wie bisher und gut. Der Verzehr solcher Produkte wird ihn höchstwahrscheinlich nicht umbringen. Wer hingegen möchte, dass sich an der Panscherei der Großindustrie was ändert, wer Massentierhaltung und -schlächterei widerlich findet, wird nicht umhin kommen, über sein Konsumverhalten persönliche Konsequenzen zu ziehen. Wer nur die Backen aufbläst und schimpft, am nächsten Tag aber brav weiter zur SB-Ware beim Discounter greift, weil er ernsthaft glaubt, es sei nur eine Frage des guten Willens, Qualitätsrindfleisch aus tiergerechter Haltung ohne Einsatz von Medikamenten und handwerklich verarbeitet, für acht Euro das Kilo in der SB-Theke feilzubieten, möge bitte aufhören, sich zu beschweren.

Übrigens, eines noch: Ich habe mich eingangs geirrt. Pferdefleisch ist total eklig und minderwertig. Also bitte auf keinen Fall kaufen. Denn wenn jetzt zu viele auf den Geschmack kommen, dann muss am Ende der Pferdemetzger meines Vertrauens seine Preise wegen gestiegener Nachfrage empfindlich anheben, und das fände ich wirklich nicht schön. Da bin ich Egoist.


Kommentare :

  1. Wie werden denn Chips "hand cooked"? Wird da das Kontrollpanel der Produktionsstrasse noch von Hand bedient?

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    1. Ignorant! Da steht natürlich ein pausbäckiger Onkel mit Schnurrbart und Schürze am Herd und legt die Kartoffelscheiben liebevoll einzeln ins heiße Öl, rührt bedächtig und nimmt sie wieder einzeln genau zum richtigen Zeitpunkt wieder heraus. Die Kartoffeln hat er vorher selbst beim Bauern ausgesucht, von Hand geschält und in Scheiben geschnitten.

      Von wegen Produktionsstraße, der hat nicht mal ein Telefon!

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    2. Ja aber natürlich doch! Genau so wie bei gewissen Großmolkereien die dralle Magd am Bottich steht und den Joghurt liebevoll mit dem Holzlöffel rührt...

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    3. Genau so ist es. Die fährt mit dem Fahrrad durch sonnendurchflutete Landschaften, grüßt hier, lächelt da, hat Zeit für ein Pläuschchen am Zaun und kennt jede Kuh, deren Milch sie verarbeitet, beim Namen. Darum ist das Zeug dann ja auch so einzigartig gut. Und weil sie einen einfachen Lebensstil pflegt, ist das Zeug außerdem so unvergleichlich billig.

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  2. Och Möönsch. Hab mir grade ne Tüte Bio-Gummibärchen gekauft. Dachte eigentlich schon, dass da jetzt jemand liebevoll jedem Bärchen die Augen einsticht, die Nase mit dem Lötkolben ziseliert, den Mund mit der Rasierklinge zieht und den Bierbauch mit der Klistierspritze aufbläht. Ihr könnt einem aber auch ....

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    1. Ui, wenn dich das frustriert, dann habe ich jetzt eine richtig schlechte Nachricht: Für Kinderschokolade werden KEINE Kinder verarbeitet...

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  3. Gebe Dir völlig Recht, nur das Beispiel der Geflügelwurst ist meiner Meinung nach ein schlechtes Gegenbeispiel.

    Geflügelwurst gehört meines Wissen auch in die Kategorie Industrie-Futter. Zumindest kenne ich keine traditionelle Geflügelwurst, sondern nur zusammengebastelten "Diät"-Kram. Vermutlich ist Geflügelfleisch nicht für Wurst und Salami geeignet, sonst hätten unsere Vorfahren das schon entdeckt. Also braucht es wahrscheinlich einige industrielle Tricks oder aber eben den gehörigen Anteil Schwein um das Geflügel in die Wurst zu bekommen. Der einzige auf der Hand liegenden Vorteil von Geflügelwurst ist ja halt auch, dass Geflügel billig ist und dank intensivem Marketing jeder meint es wäre auch besonders gesund.

    Wenn es ums Essen geht, gibt es meiner Meinung nach 2 wichtige Grundsätze:

    1. Esse nichts dem etwas furchtbar gesundes zugesetzt wurde und nichts dem etwas furchtbar schlechtes entzogen wurde (frei nach Udo Pollmer)

    2. Am besten bleibt man bei dem, was die Menschen schon seit Generationen essen.

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    1. Mnja, man kann nicht behaupten, dass Geflügelwurst Tradition hätte, aber es ging mir auch eher darum, wie schnell wir uns übers Ohr hauen lassen.
      Den beiden Maximen kann ich mich vollumfänglich anschließen - wie ich überhaupt sehr viel von Pollmer halte (hörenswert immer sein sonntägliches 'Mahlzeit'-Feature auf dradio Kultur). Heute übrigens eine sehr schöne Droste-Kolumne in der 'jungen Welt'. Zitat:
      "Wenn der Mensch sich zu der Kulturleistung, das Rohe ins Gekochte zu wandeln, nicht mehr aufraffen will und sie den Herstellern von Massenabfüllpamps überläßt, darf er sich nicht wundern, wenn er bekommt, was er bekommt."
      http://www.jungewelt.de/2013/02-19/017.php

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  4. Ich habe zwar noch nie (bewusst!) Pferd gegessen, finde es nach entsprechender Lektüre ("Tiere Essen", z.B.) inzwischen deutlich weniger eklig als verseuchtes Gefängnistumorschwein oder gar -huhn. Und esse trotzdem meinen Schinken (wenn auch weniger als früher, immerhin). Der Kopf isst halt nicht mit.

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