Montag, 11. Februar 2013

Hölle alaaf!


Nein, ich kann wirklich nicht behaupten, es schlecht getroffen zu haben. Ich kann mich nicht beklagen. Es könnte schlimmer sein. Weil ich in einer Gegend Nordrhein-Westfalens siedele, die nicht zu den so genannten Karnevalshochburgen zählt, besteht eine reelle Chance, den heutigen Tag in Ruhe verbringen zu können. Ein paar Vorkehrungen sind freilich vonnöten. Erstens: Auf keinen Fall Fernseher oder Radiogerät einschalten, denn der WDR kennt keine Gnade. Zweitens: Wenn man an einer Ausfallstraße Richtung Innenstadt wohnt und keine Garage zur Verfügung steht, sollte das Auto außer Reichweite der närrischen Ströme geparkt werden. Leider scheinen nämlich immer wieder ganz besonders ulkige Zeitgenossen Sachbeschädigung für gelebtes Witzigsein zu halten, wenn sie parkende Autos sehen. Drittens: Türen und Fenster fest geschlossen halten. Hat man sich dann noch mit einem guten Buch ausgerüstet und mit ein paar Berlinern, der mit Abstand erträglichsten Begleiterscheinung der Saison, dann steht einem geruhsamen und vor allem friedlichen Rosenmontag eigentlich nichts mehr im Wege.

Nein Stopp! Eines habe ich vergessen. Viertens und letztens: Auf gar keinen Fall eine Lokalzeitung aufschlagen! Das ist ganz wichtig. Die Lektüre einer Lokalzeitung zu Karneval ist der Laune von sprachlich sensiblen Menschen definitiv abträglich und kann schlimmstenfalls körperliche Schmerzen hervorrufen. An keinen anderen Tagen des Jahres ist das dort zu lesende Ausmaß an verkrampftem Bratwurstjournalismus größer. Es scheint, als wären alle Meldungen und Artikel zu Karneval seit Jahrzehnten dieselben und nur die Namen der jeweiligen Honoratioren würden nach Bedarf angepasst. Verbände man die Lektüre solchen Druckwerks mit einem Trinkspiel, würde man also zum Beispiel immer, wenn eine Floskel wie "närrisches/jeckes Treiben" auftaucht oder von Büttenrednern die Rede ist, die mit "beißendem Spott" irgendwas "aufs Korn nehmen", ein alkoholisches Getränk köpfen, man wäre in kürzester Zeit sturzbetrunken.

Ich kann ja verstehen, dass Kinder ihre helle Freude an Karneval haben. Mir sind bislang nur wenige Kinder begegnet, die keinen Spaß am Verkleiden gehabt hätten sowie daran, sich kiloweise knallsüße Bonbons einzupfeifen. Wer jene kindliche Freude am Mummenschanz ins Erwachsenenalter hinübergerettet hat, bitte sehr. Auch ich hatte meinen Spaß damals. In späteren Jahren allerdings ließ der Spaß rasch nach. Dazu muss man wissen, dass Frohsinn in meinem Heimatsprengel für nicht wenige darin besteht, sich in der Öffentlichkeit mittels scharfer Alkoholika das Großhirn maximal herunter zu dimmen, Hauseingänge vollzureihern und, so man noch in der Lage dazu und noch nicht vom freundlichen Rettungsdienst in die nächste Ausnüchterungszelle verbracht worden ist, weniger frohsinnige Mitmenschen wegen dieses Umstandes lautstark zu behelligen, wenn ihnen nicht gar Schläge anzudrohen.

Auch will ich niemandem den Spaß verderben, für den es das höchste der Gefühle ist, sich mit tausend anderen Scherzkeksen in eine überfüllte Halle zu quetschen, überteuerte Getränke zu konsumieren, sich zwecks Schunkeln bei wildfremden Pappnasen unterzuhaken, paramilitärischen Trachtengruppen zuzujubeln und – tatäh! – sich auf Kommando über größtenteils abgestandenes, untergriffiges, teilweise rassistisches und/oder misogynes Gewitzel vor Lachen schier einzunässen. Ich sags mal so: Wer sich über Brüderle aufgeregt hat, sollte sich so eine Veranstaltung nur nach reiflicher Überlegung antun, sicherheitshalber ein Antiemetikum griffbereit halten und unbedingt dafür sorgen, einen Platz in der Nähe des Notausgangs zu ergattern.

Eigentlich will ich nur meine Ruhe und, wie gesagt, es hätte mich schlimmer treffen können. Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt daher allen, die ähnlich empfinden wie ich und die ein gnadenloses Schicksal in eine oder ins Umland einer jener berüchtigten Hochburgen verschlagen hat. Wer davon betroffen ist und mit Narretei nichts anfangen kann, ist wahrlich arm dran. Denn dort bietet auch Verbarrikadieren in der heimischen Behausung keinen völligen Schutz mehr. Eigentlich hilft nur Wegfahren. Irgendwo in den hohen Norden, in eine seit der Reformation vom Protestantismus geprägte humorfreie Zone. Von Weiberfastnacht bis einschließlich zum darauffolgenden Dienstag. Dummerweise müsste man dazu ein paar Tage Urlaub nehmen. Die kriegt man aber nicht in einer Karnevalshochburg, weil da die ganzen Jecken schon Jahre im Voraus den Daumen drauf haben.

Mögen Mainz, wo man auch zu Karneval zum Lachen in den Keller geht, oder Düsseldorf als Wohnorte für Faschingsallegiker schon übel sein, so ist Köln, jenes bedomte Epizentrum der organisierten Lustigkeit, unzweifelhaft die Höchststrafe. Zwei Städte in diesem Lande gibt es, die sich für die Zentren des Universums halten: München, diese zu groß geratene Kleinstadt am Nordrand der Alpen mit den exorbitanten Mieten, wo man den Fehler macht, das eigene PR-Sprech von der Weltstadt mit Herz ernst zu nehmen und eben Köln. Wohl nirgendwo in Deutschland ist man so besoffen von sich selbst wie dort. Das hat zum Teil seine Gründe. Mehr zivilgesellschaftliches Engagement findet man in kaum einer anderen großen Stadt, wie zum Beispiel der fröhliche Protest gezeigt hat, mit dem seinerzeit ein breites Bündnis dortiger Bürger den Islamophoben von Pro Köln und deren Gästen eine Nase gedreht hat. Zum Teil jedoch streift das kollektive Feiern und vor allem Selbstabfeiern, mit dem man dort ausnahmslos allem begegnet, die Grenze zur Lächerlichkeit. Egal, ob der Dom wackelt, wenn die U-Bahn bremst, egal, ob wegen baulicher Mängel ein Stadtarchiv einstürzt und Tausende wertvoller Handschriften unwiderbringlich verloren sind, die Kölner machen - et hätt noch immer joot jejange - erst mal Party und schunkeln alles weg. Das kommt davon, wenn man Korruption den Markennamen 'Klüngel' verpasst und es für eine Touristenattraktion hält

Was ne eschte kölsche Jeck ist, das denkt das ganze Jahr über an Karneval. Außer am Aschermittwoch, da wird der Kater auskuriert. Aber bereits am nächsten Tag sind die Gedanken bei der Vorbereitung der nächsten Session, die schließlich schon im November wieder beginnt. So wie es in Rothenburg ob der Tauber ein Geschäft gibt, in dem das ganze Jahr über Weihnachten ist, gibt es in Köln Läden, in denen das ganze Jahr über Karneval herrscht. Das wiederum könnte wirklich lustig sein, denn wer sich mit emigrierten Insidern unterhält, erfährt auch, dass die Stadt am Rhein sich während der fünf Februartage nicht nur in die größte Partymetropole, sondern auch in den größten Swingerclub der Republik verwandelt.

Es ist natürlich nur eine Hypothese, doch mir deucht, das könnte etwas damit zu tun haben, dass Köln schon zur Römerzeit eine Großstadt war. Zirka 2.000 Jahre Erfahrung im Umgang mit Zuständen wie im alten Rom sind eben schwer zu toppen. Bunga bunga tätera!




Kommentare :

  1. Nicht so verbissen, Mann, lach doch mal! Das ältliche Popcorn, das da geschmissen wird, kann man wirklich ganz hervorragend mit kleinem Feigling runterspülen, und wenn Du das ein paarmal gemacht hast, sieht alles gleich viel lustiger aus!

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  2. ...paramilitärischen Trachtengruppen...

    Besser kann man das nicht mehr beschreiben. Mich erinnert das schwer an eine uralte SF-Kurzgeschichte, wo in einer Endzeit-Welt die Karnevals- und Fasnachtsvereine die einzige Ordnungsstruktur bildeten, welche noch übrig war. Echt gruselig.
    Gruß und Respekt von einem Vollgeschädigten, - mitten in einer dieser Hochburgen aus dem Süden. Ich gönn dir deine Ruhe.

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    1. @eb: Alter, das ist hart! Halt durch, nur noch den morgigen Tag überstehen...
      @gnaddrig: Hmmm, Altes Popcorn und Schlüpferstürmer-Likörchen! Alternativ kann man sich auch eine Stunde lang mit einem Gummihammer auf die Murmel geben. Effekt ähnlich und die Leber freut sich...

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    2. Unverzichtbar sind in diesen Tagen jedenfalls gute Kopfhörer und gute Musik, damit man das Feiergewummere wenigstens ein bisschen ausblenden kann, wenn man dann schonmal in Hörweite der Feierlichkeiten muss. Hoppelhase Hans und diese ganze gummibärchenlikörgetränkte Musikantenstadl-auf-Steroid-Mucke wirken sonst akut verblödend.

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  3. Yadgar zum Stichwort "Köln" (im Assoziations-Blaster, www.a-blast.de):

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