Donnerstag, 14. Februar 2013

Ideale Arbeitnehmer am Werk


Vor ein paar Jahren traf ich nach längerer Zeit einen alten Bekannten wieder, der in der Medienbranche gelandet war, genauer gesagt, beim Fernsehen. Noch genauer, bei einer Produktionsfirma in der Nähe von Köln. Irgendwann erzählte er über seine Anfänge in der Redaktion. Als er eines Morgens fragte, wo er denn hier einen Kaffee bekommen könnte, sagte man ihm, er solle doch einfach die Praktikantin losschicken, ihm einen zu holen, das gehöre zu ihrem Job. Zunächst hatte er noch Hemmungen, die junge Dame, die sich eh schon für ein Taschengeld die Hacken blutig lief, wegen einem Becher Kaffee oder einer Flasche Wasser zu bemühen, aber sie erweckte so überzeugend den Eindruck, sie täte nichts lieber als alles stehen und liegen zu lassen um ihm, dem kleinen Redaktionsassistenten sogleich zu Diensten zu sein, dass er seine Vorbehalte schnell überwand.

Er gewöhnte sich schnell an den ungewohnten Service. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich vom schüchternen Selbstversorger zum herrischen Sklaventreiber gewandelt, der aus der Haut fuhr, wenn alle nicht sofort sprangen, sich außerstande sahen, seine Gedanken zu lesen und man es etwa wagte, ihm einen zu kalten, zu heißen, zu süßen, zu wenig süßen Kaffee zu kredenzen, keinen Latte Macchiato, wo er doch Cappuccino wollte und so weiter. Es dauerte nicht lange, dann wurde er laut, wenn ihm das nicht flott genug ging und es konnten schon mal Tränen fließen. (Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er mittlerweile zusammen mit einem Freund selbst eine kleine Produktionsfirma betreibt, in der alle, auch die Chefs, sich um ihren Kram gefälligst selbst zu kümmern haben.) Nach diesem Gespräch war mir klar, wie unter anderem amazon funktioniert.

Zu Anfang war es ja toll, Bücher, CDs und DVDs ganz bequem übers Internet bestellen zu können. Zu Anfang mag bei nicht wenigen das Staunen über die neue Kommunikationstechnik sogar größer gewesen sein als die Freude an den gelieferten Produkten. Mittlerweile ist amazon ein Riesenkaufhaus für alles und jedes. Sexuelle Dienstleistungen sucht man noch vergebens. Aber das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, zumal facebook da schon gut vorgelegt hat. Wie der genannte Redaktionsassistent, neigen wir dazu, Services, die bei ihrer Einführung noch etwas Besonderes waren, nach kürzester Zeit für Selbstverständlichkeiten zu halten, auf die wir gefälligst ein gottgegebenes Anrecht haben. Und bekommen wir sie aus irgendwelchen Gründen einmal nicht, reagieren wir wie der Lehnsherr, wenn die Leibeigenen nicht recht spuren.

Hand aufs Herz: Wer hat sich nicht schon geärgert, wenn er beim Bäcker am späten Nachmittag kein Brot mehr bekommen hat? Wer findet es nicht angenehm, in den meisten Läden wenigstens bis 20 Uhr einkaufen zu können, auch am Samstag? Ist es nicht schön, sich alles bequem ins Haus liefern zu lassen? Ist es nicht toll, auch am 23. Dezember ein Weihnachtsgeschenk ordern und sicher sein zu können, dass es, dank Overnight Express am nächsten Tag garantiert da ist? Ja, klar, alles schön. Ich kann und will mich weiß Gott nicht freisprechen davon. Nur zahlt eben immer irgendwer den Preis für so was.

amazon kann seinen  Service zum Teil durch innovative Logistik gewährleisten, zum Teil, weil man sich kostengünstige Praktikanten durch die Arbeitsagentur vermitteln ließ und jetzt, weil man billige Leiharbeitskräfte aus krisengebeutelten EU-Staaten angeworben hat, vornehmlich, um das Weihnachtsgeschäft zu stemmen. Nach Recherchen der ARD erhalten diese Menschen noch niedrigere Löhne als eh schon zugesagt, werden in über den Winter unbewohnten Feriendörfern quasi kaserniert und durch private Sicherheitskräfte überwacht. Ein schöner Einblick übrigens, wie gewisse Arbeitgeber sich offenbar den idealen Mitarbeiter vorstellen und wie lästig man Gesetze findet.

Ich mache mir längst keine Illusionen mehr darüber, Menschen erreichen zu können, denen so was komplett egal ist. Es bringt nichts, mit Konsumzombies zu diskutieren. Mit denen, die in jungen Jahren schon aufgegeben haben und meinen, man könne eh nichts machen. Die meinen, verkaufsoffene Sonntage seien toll, weil sechs Tage zum Shoppen nicht reichen und die den Hinweis auf die Verkäufer, die sich deswegen ihren Sonntag um die Ohren schlagen, mit der Bemerkung abbürsten, das könne ihnen doch egal sein, sie seien schließlich keine Verkäufer. Mit solchen Leuten zu diskutieren, bringt im Zweifel nur Stress und Ärger, außerdem steht man als verbiesterter Missionar da. Solche Menschen lernen, wenn überhaupt, erst dann, wenn sie selbst oder die Familie von solchen Arbeitsbedingungen betroffen sind.

Nein, es geht, kann nur um die gehen, die zwar Skrupel haben, weiter bei amazon zu bestellen, aber es dennoch nicht lassen mögen, weil es doch schließlich so bequem ist. Ich verstehe ja, dass es auf dem platten Land schwierig sein kann, Alternativen zu finden, aber wenn bewusster, verantwortlicher Konsum niemals bedeuten darf, auf die kleinsten Annehmlichkeiten zu verzichten, dann wird sich in der Tat nie etwas ändern. Wer in der Stadt wohnt, hat keinen Nachteil, wenn er seine Bücher beim Händler um die Ecke bestellt, so es ihn noch gibt. Bestellungen gehen per Telefon und die Ware liegt am nächsten Tag bereit. Bestellt man bei amazon, dann muss man als Berufstätiger in den meisten Fällen auch am nächsten Tag zur Post. Multimedia lässt sich woanders genau so gut ordern, wenn nicht sogar besser.

Mag sein, dass ich sentimental bin. Ich mache mir keine Illusionen, dass der kettenunabhängige, inhabergeführte Buchhandel auf dem absteigenden Ast ist und sich dessen Verschwinden auf lange Sicht genau so wenig verhindern lassen dürfte wie sich das Verschwinden der Pferdekutschen durch das Aufkommen des Automobils hat verhindern lassen. Aber man kann sein Verschwinden wenigstens abbremsen. Ich bin froh und dankbar, dass es bei mir keine zehn Gehminuten entfernt eine unabhängige Buchhandlung gibt, in der freundliche, fachkundige Menschen arbeiten. Wenn es sentimental sein sollte, ein Interesse daran zu haben, dass das noch möglichst lange so bleibt und mit seinem Kaufverhalten dazu beizutragen, dass das möglichst so bleibt, dann bin ich halt sentimental. Menschen, die bereit sind, für ein paar Cent mehr und ein paar Schritte weniger ihre Großmütter und ihre Ideale zu verscheppern, gibt es schließlich genug.

Ich habe mein amazon-Konto übrigens schon 2011 gelöscht. Ich habe seitdem nichts vermisst.

Kommentare :

  1. Es bringt nichts, mit Konsumzombies zu diskutieren. Mit denen, die in jungen Jahren schon aufgegeben haben und meinen, man könne eh nichts machen. [...] Nein, es geht, kann nur um die gehen, die zwar Skrupel haben, weiter bei amazon zu bestellen, aber es dennoch nicht lassen mögen, weil es doch schließlich so bequem ist."

    Schön zusammengefasst!

    Fatalisten, Nihilisten und Hedonisten - sie alle sorgen dafür, dass alles so bleibt, wie es ist.

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  2. "Konsumzombie"... Sehe ich anders. Ich bestelle sehr gerne nach Feierabend und am Wochenende und freue mich über jeden verkaufsoffenen Sonntag.

    Es gibt tatsächlich Leute, die -nun ja- arbeiten, während der Buchladen um die Ecke geöffnet hat. Und direkt nach Feierabend macht es auch keinen Spaß, durch das Gedränge zu hetzen, die Zeit verbringe ich lieber mit meinen Kindern. Also doch lieber bequem shoppen, wenn die Familie schläft :-)

    Das gleiche gilt doch auch für die Vorweihnachtszeit - schonmal an einem Adventssamstag in einer Fußgängerzone gewesen?

    Übrigens, soweit ich weiß wird derzeit niemand zur Arbeit bei Amazon oder im Einzelhandel gezwungen. An einem verkaufsoffenen Sonntag gehe ich mit dem gleichen guten Gewissen im Supermarkt einkaufen wie ich an einem Sonntag Pizza bestelle oder ins Kino gehe.

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    1. "Übrigens, soweit ich weiß wird derzeit niemand zur Arbeit bei Amazon oder im Einzelhandel gezwungen." - klar doch! *kaputtlach*
      Übrigens, Marko: Freut mich sehr, dass Sie so ein eifriger und zufriedener Online-Besteller sind, der gern Zeit mit der Familie verbringt. Ich will auch niemanden verdächtigen, aber Leute, die in Foren und Kommentaren einseitige amazon-Loblieder singen, sind mir irgendwie verdächtig:
      http://www.bilderhoster.net/1/2m8tzy3g.jpg.php
      Ich weiß nicht, ob das ein Fake ist, aber ich halte es im Rahmen des Möglichen für denkbar, dass das keiner ist...

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    2. Ahja, und jeder der auf Amazon schimpft ist dann von Thalia gekauft? ;-)

      Mir ging es nur darum, der einseitigen Sichtweise des Blogposts etwas Lebensnähe einzuhauchen.

      Letzten Endes entscheidet hier wieder einfach der Markt. Die Läden hätten Sonntag nicht auf wenn es sich nicht rentieren würde.

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  3. Also in meiner Rosa-Blumenkohl-Wolken-Utopie einer besseren Welt mit 8-16 Wochenstunden Arbeit für jeden wäre es kein Drama, am Sonntag zu arbeiten; abgesehen davon, dass dann wohl kein Bedarf mehr an verkaufsoffenen Sonntagen bestünde.
    Gibt halt kein richtiges Leben im Falschen.

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  4. Der Gedanke, inwieweit man durch das eigene Konsumverhalten ausbeuterische Arbeitgeber unterstützt, ist schon berechtigt. Es ist auch ganz sicher nicht abwegig, sich zu überlegen, inwieweit man das vermeiden kann. Viele schimpfen zu recht über Elektronikzulieferer und Textilfabriken in Fernost mit ihren unmenschlichen Arbeitsbedingungen und versuchen, Produkte zu meiden, die unter solchen Umständen entstanden sind. Andere sagen, die verdienen so immerhin überhaupt was. Wenn die Firmen anständige Löhne zahlen müssten, würden sie schließen und die Belegschaften wären arbeitslos. Es ist also nicht so einfach, es gibt kein schwarzweißes richtig oder falsch. Gnadenloses Schnäppchenjagen ist aber sicher nicht der richtige Weg.

    Ob es was bringt, wenn man amazon und ähnliche Firmen vollständig meidet, weiß ich nicht. Markos Argument mit den vollen Läden und der Zeit mit den Kindern leuchtet mir völlig ein, mir geht das genauso. Ich versuche, möglichst viel direkt im Laden zu kaufen, aber nicht alles lässt sich so besorgen. Bevor ich mir einen Samstag mit dem Suchen nach einer bestimmten Sache um die Ohren schlage, bestelle ich es auch lieber.

    Dafür schicke ich selten Sachen zurück, weil ich sowieso nur Dinge bestelle, von denen ich weiß, dass sie passen. Schuhe beispielsweise kaufe ich nur im Laden, weil ich da neun von zehn Paaren zurückgehen lassen müsste, und das wäre eine unsinnige Aufblähung des logistischen Aufwandes. Und Leute in der Stadt haben beim Einkaufen ganz andere Möglichkeiten als jemand, der am Ende der Welt wohnt, vielleicht kein Auto hat, und erstmal ewig durch die Lande eiern muss, bis er mehr als einen ALDI und eine Kneipe findet.

    Die ideale Lösung gibt es wohl nicht, aber so völlig hemmungsloses Onlinekaufen dürfte eher nicht so gut sein.

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