Donnerstag, 21. Februar 2013

Sechs fürs Sitzenbleiben


Nein, in der Schule eine Klasse zu wiederholen, a.k.a. sitzen zu bleiben, ist keine Katastrophe. Man befindet sich als betroffener Schüler durchaus in illustrer Gesellschaft und dass eine Ehrenrunde irgendwelche Auswirkungen auf Chancen oder Nicht-Chancen im späteren Leben hätte, lässt sich nicht nachweisen. Einigen hilft es tatsächlich, ihre Lücken in neuer Umgebung und mithilfe neuer Lehrer zu stopfen. Die meisten verbessern ihre Leistungen jedoch nicht. Das Sitzenbleiben abzuschaffen, wie es jetzt die neue niedersächsische Regierung vorhat, ist daher auch keine Katastrophe. Der Aufschrei dagegen kam mit Ansage, denn in Deutschland ist es immer noch verbreitet, Lernen und Schule als im Zweifel autoritäre Veranstaltungen zu begreifen.

Es ist eine Binse, dass fast alle eine Meinung dazu haben, wie Schule sein sollte, weil fast alle in ihrer Kindheit und Jugend eine Schule besucht haben und sich somit zu Experten berufen fühlen. Wohl nirgends ist so viel kulturpessimistisches Verteufeln der Gegenwart und so viel unreflektiertes Glorifizieren des Vergangenen auf einem Haufen zu vernehmen wie in Diskussionen über Schule. Manchmal, da frage ich mich, ob mein Vater eigentlich der einzige weit und breit ist, dem noch heute der Kamm schwillt vor Wut, wenn er an die körperlichen und seelischen Misshandlungen denkt, die ein seelischer Krüppel von Volksschullehrer ihm damals zugefügt hat und der sich bis heute konsequent weigert, solch nackte Gewalttätigkeit zu gesunder Härte oder ähnlichem Mumpitz zu verklären.

"Kuschelpädagogik!", quakelt man da gern. "Ein bisschen Härte hat uns auch nicht geschadet!", wird die eigene Schulzeit schöngeträumt. Die an allen Gebresten der Gegenwart die Schuld tragenden Achtundsechziger sind dann meist auch nicht weit. Wer so was behauptet, weiß in der Regel nicht, dass zahlreiche Formen offenen  Unterrichts mitnichten Hirngespinste von zotteligen, leistungsfeindlichen Achtundsechzigern sind, sondern aus der Reformpädagogik des 19. Jahrhunderts stammen. Handlungsorientierter Unterricht beruht auf Ideen von Pestalozzi (1746-1827), Freiarbeit auf Maria Montessori (1870-1952). Sitzenbleiben und  Hausaufgaben abzuschaffen, sind ebenfalls reichlich angejahrte Forderungen. Aber das ficht solche Leute nicht an, denn sie haben immer noch die Vorstellung intus, Lernen passiere am besten durch Anpassung und im Gleichschritt. 'Homogene Lerngruppe' heißt das im Pädagogendeutsch. Wer da nicht mitkommt, der ist nicht etwa in der Lage, anderweitig etwas beizutragen, sondern bekommt das Stigma der Unzulänglichkeit angeheftet. Wer kinnmuskelverspannte Leistungsfetischisten damit konfrontiert, es gäbe durchaus fundierte Erkenntnisse über die Ineffektivität des Sitzenbleibens, muss damit rechnen, mit Hohn und Spott überzogen zu werden.

Im hiesigen Schulsystem muss man sich nicht zwingend mit gezielter Förderung von Schülern mit Lerndefiziten aufhalten bzw. Ressourcen dafür bereitstellen, denn es besteht immer die Chance, sich schwachen Schülern die nicht ins Schema passen, schlicht zu entledigen. Sei es, indem man sie nicht versetzt oder indem man sie gleich an die nächstniedrige Schulform durchreicht. Wegen einer fünf zu viel werden Kinder unter Verdacht gestellt, einer faulen Kartoffel gleich, die die ganze Kiste infiziert, das Niveau der Klasse zu drücken. So werden sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen, die für Kinder und Jugendliche meist viel wichtiger ist als Erwachsene sich das bisweilen vorstellen. Auf ihrer Ehrenrunde sind sie zudem gezwungen, all jene Fächer, in denen sie nicht schlecht waren, auch mit zu wiederholen, was oft zu Langeweile führt.

Selbstverständlich muss man anmerken, dass es zahlreiche Schulen gibt, die sich, teils mit erheblichem Engagement, um individuelle Förderung bemühen und lernschwachen Schülern mit pädagogischen Mitteln helfen wollen, anstatt mit Sanktionen. Nun dient aber Schulbildung nicht nur der Entwicklung junger Persönlichkeiten und der Aneignung zentraler Kulturtechniken sowie berufsvorbereitender Lerninhalte, sondern mehr und mehr auch der sozialen Abgrenzung nach unten. Unter anderem an der Hamburger Initiative 'Wir wollen lernen' lässt sich sehen, woher der wahre Wind weht und wer vor allem fordert, Schule müsse keine integrierende, sondern vor allem eine selektierende Funktion haben.

Es wäre ja schön, wenn es tatsächlich so wäre, wie die Befürworter des Sitzenbleibens es gern schildern: Dass es eine große Ausnahme sei, eine Ultima Ratio, die, wenn überhaupt, im Einvernehmen aller geschieht. Im Schuljahr 2008/2009 sind 250.000 Schüler in Deutschland nicht versetzt worden. Das legt den Verdacht nahe, dass Nichtversetzung in Wahrheit allzuoft bloße Drohkulisse ist und als Sanktion missbraucht wird. Weiterhin hätte es eine gewisse Logik, wenn Sitzenbleiben wirtschaftlich sinnvoll wäre, doch auch das ist keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Weil Sitzenbleiber, wie gesagt, eben nicht gezielt ihre Defizite aufarbeiten, sondern allen Stoff des vergangenen Schuljahres per Gießkanne erneut verabreicht bekommen, werden jedes Jahr Ressourcen in Milliardenhöhe verpulvert.

Es ist paradox. In allen möglichen Lebensbereichen predigt man permanente Veränderung und Umstrukturierung als Wert an sich. Wer sich nicht ändert, nicht flexibel ist, so heißt es, wird abgehängt und kann bald einpacken. In der Schule hingegen soll es möglichst zugehen wie vor fünfzig Jahren. Auch wird woanders immer gern darauf geschaut, wie Dinge im Ausland gelöst werden und wie man im internationalen Vergleich dasteht. Geht es aber um Schule, zum Beispiel darum, dass Dinge wie ein mehrgliedriges Schulsystem und Sitzenbleiben im Ausland kaum üblich sind, dann heißt es plötzlich: mia san mia und man müsse wirklich nicht alles nachmachen, was das Ausland so macht.


1 Kommentar :

  1. Das mit der individuellen Förderung ist tatsächlich so eine Sache. Viele Schulen versuchen es, aber da sie in aller Regel mit Personal sehr knapp ausgestattet sind und es oft kaum schaffen, die Pflichtstunden tatsächlich anzubieten, haben sie dafür ziemlich oft einfach keine Ressourcen. Es ist ein Jammer, dass gerade an der Bildung der Kinder gespart wird. Dabei klagen sie über den Fachkräftemangel und über die hohen Schulabbrecherquoten und den miesen Bildungsstand der Hauptschulabsolventen und, und, und.

    Dass Qualität Geld kostet und gute Lehrer nicht für Hungerlöhne zu kriegen sind, sollte so selbstverständlich sein, dass man es nicht extra sagen muss. Das scheint aber bei den Entscheidern nicht wirklich präsent zu sein. Natürlich ist überall das Geld knapp, und niemand erwartet goldene Wasserhähne in den Lehrerzimmern. Aber wenn man Abermilliarden in wirkungslose oder kontraproduktive Familienförderungsprogramme steckt und sich beharrlich weigert, die mal auf Herz und Nieren zu überprüfen, kann man nicht gut anderswo über Geldmangel jammern, ohne sich vollends zum Deppen zu machen. Es ist schon zum Kotzen...

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