Samstag, 23. Februar 2013

Versuch einer Ehrenrettung


Irgendwo hieß es letztens wieder, die CD sieche vor sich hin und sei bald mausetot, abgelöst wahlweise von Dateien ohne jedwede Haptik oder der wiedererstarkenden Vinylplatte. Natürlich wird die CD in Zukunft nicht mehr die Hauptrolle im Musikgeschäft spielen, aber sie wird so wenig ganz verschwinden wie das gedruckte Buch. Dafür gibt es immer noch viel zu viele Jäger und Sammler, die ihre Musik gern in irgendeiner manifesten Form besitzen wollen. Überhaupt ist das fashionable Gegreine darüber, was für ein inferiorer Tonträger die gute, alte CD doch sei, im höchsten Maße unfair. Denn sie war und ist längst nicht so übel wie sie seit einiger Zeit geredet wird. Dass die meisten DJs dieser Welt aus immer an den Vinylscheiben festgehalten haben, steht auf einem anderen Blatt, denn das hat kulturelle und technische Gründe. Zudem mag die CD im Mainstream-Sektor vielleicht an Bedeutung verlieren, in mehr oder weniger großen Nischen des Musikmarktes scheint sie das keineswegs. So kaufen die meisten mir bekannten, metallischen und progressiven Kram hörenden Leute die Dinger nach wie vor und nutzen die Dienste des Netzes zur Erweiterung ihres musikalischen Horizonts.

Wer sich als junger Mensch mit den Nebenwirkungen von Vinylschallplatten herumplagen musste, für den war die CD eine Erlösung. Sie war handlich, man konnte sie problemlos in der Jackentasche transportieren und vor allem konnte man sie ohne Bedenken auch an Grobmotoriker verleihen, ohne Angst haben zu müssen, sie in unhörbarem Zustand zurück zu bekommen. Man konnte plötzlich Musik hören ohne Tonträger mit Samthandschuhen anfassen und bei jedem Knackser die Wände hochgehen zu müssen. Das Knacksen und Knistern, heute von Vinylnostalgikern als 'Seele' verklärt, fand ich immer eine echte Qual. Das erste Abspielen einer jungfräulich frischen Schallplatte nach dem Kauf diente bei mir grundsätzlich dem Überspielen auf eine ebenfalls jungfräuliche Kassette. Kein Gedanke, mir jetzt wieder Schallplatten anzuschaffen. Die Nachteile der CD, etwa die nach wie vor unpraktische Verpackung, nahm und nehme ich gern in Kauf.

Dann das Argument mit dem Klang. Ich habe auf mehr oder minder durchschnittlichen Stereoanlagen, auch auf deutlich teureren als meiner, nie einen großen Unterschied hören können. Mag ja sein, dass mein Gehör nicht fein genug ist. Immerhin reicht es, um Feinheiten wahrzunehmen, wenn ein Orchester spielt und eine gute Produktion von einer schlechten zu unterscheiden. Mir scheint weniger die Frage entscheidend, ob Musik analog auf Vinyl gepresst oder digital daherkommt, sondern vielmehr die, wie gut Toningenieur und Masterer ihr Handwerk verstehen. Weil die meisten Vinylplatten, die während der Achtziger in den Läden standen, billigst fabrizierte Wabbelscheiben mit miserablem Klang waren, war die CD auch in akustischer Hinsicht eine Offenbarung. Als ich mit fünfzehn zum ersten Mal Brothers In Arms von Dire Straits in digitaler Form hörte, war ich der Silberscheibe rettungslos verfallen. Alles Sinnen und Trachten der restlichen Jugendjahre galt fortan dem Ziel, in den Besitz eines CD-Spielers zu kommen.

Mag sein, dass 180-Gramm-Vinylscheiben wirklich hörbar besser klingen als noch die am besten produzierte CD. Nur dürfte das wiederum audiophile Technik erforderlich machen, die das Budget der meisten neu bekehrten Vinylnostalgiker bei weitem übersteigt. Was bleibt, ist in den meisten Fällen wenig mehr als wichtigtuerisches Gehabe von endlos Gelangweilten.

Nett kann es sein, ein wenig gegen den Strom zu schwimmen und einen unkonventionellen Lebenswandel zu führen. Nervig hingegen ist es, wenn Menschen es mit Geschmack verwechseln, das zu befolgen, was Lifestyle-Industrie und Inundoutlisten befehlen: Hey, welcher total abgefahrene, schwer angesagte Trend passt gerade wohl am besten zu meiner rasend interessanten Existenz? Wie kann ich mich und andere nachhaltig darüber hinwegtäuschen, dass aus mir ein spießbürgerlicher Normalo mit Reihenhaus und Vorgarten geworden ist, der Müll trennt und um halb elf im Bett liegt? Extreme Urlaube machen? In den angesagtesten Clubs verkehren? Hugo und Aperol Spritz süffeln statt Pils? Alles viel zu anstrengend und im Zweifel ungesund. Nein, wieder einen Plattenspieler anschaffen und allen, die es nicht hören wollen, mit Vorträgen über die überragende Tonqualität von Schallplatten auf die Nerven gehen – das ist es!




Kommentare :

  1. Richtig cool müsste es sein, wieder so eine uralte High-End-Tonbandmaschine zu fahren. Aufwändig, umständlich, exklusiv, und die Vorteile erschließen sich nur hartgesottenen Aficionados.

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  2. Gute Argumente für die CD! In einer Sache muss ich die gute alte LP aber deutlich verteidigen. Aus technischen Gründen passten auf die LPs maximal 60 Minuten Musik. Meistens warens aber nur so um die 45 Minuten. Diese 45 Minuten entsprachen ziemlich exakt meiner Aufmerksamkeitsspanne für die Musik auf der LP. Außerdem sorgte die geringe Speicherkapazität dafür, dass man nur die besten Songs aus einer Session genommen hat. Die durchschnittliche CD hingegen ist mindestens 60 Minuten lang. Das ganze Füllmaterial, das man früher aus gutem Grund weggelassen hat, landet mit auf der CD. Dazu kommen noch diverse Bonustracks, meistens Live-Aufnahmen von Studiosongs, die sich ebenfalls auf der CD befinden, was bedeutet, das man den gleichen Song innerhalb einer Stunde zweimal hört. Meistens bedeutet das, das man nach der Hälte der Spielzeit den Kaffee von der Musik aufhat.
    Außerdem sollte man das prima Artwork nicht vergessen, das auf der LP erheblich besser zur Geltung kam. Manche Scheiben hat man ja überhaupt nur wegen des Covers gekauft.

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  3. "Wie kann ich mich und andere nachhaltig darüber hinwegtäuschen, dass aus mir ein spießbürgerlicher Normalo mit Reihenhaus und Vorgarten geworden ist, der Müll trennt und um halb elf im Bett liegt?"

    Ganz einfach: auf Skinnyjeans-Körpermaße runterhungern, Bart wachsen lassen (aber nicht bloß so ein bisschen Verlegenheits-Gezausel, sondern die radikale Talibanmatratze nicht unter 30 cm Länge ab Kinn!), sich flächendeckend mit knallbunten und zusammenhanglosen Tätowierungen vollschmieren lassen, fortan nur noch mit gegeltem Hitlerpimpfenschnitt (auf Cooldeutsch: Undercut!) lattemacchiatoschlürfend durch die angesagten Hipsterviertel tigern, Fixie fahren (ohne Gänge, ohne Bremsen, aber natürlich mit Helm!) und AUF KEINEN FALL Sushi essen, weder zuhause noch gar in einer Sushi-Bar, denn das ist giga-, ach was, tera-uncool und nur noch für Prolls!

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