Dienstag, 19. März 2013

Alles völlig harmlos


Es kann viele Gründe geben, den ausgestreckten rechten Arm zu über Nasenniveau zu heben. Um als Rechtshänder auf etwas zu zeigen, das sich weiter oben auf der Tribüne eines Fußballstadions befindet zum Beispiel. Selbstverständlich gibt es hier und da auch begriffsstutzige Kellner, die die verbal vorgetragene Bestellung, bitteschön noch drei Bier zu bringen, nicht verstehen und die auf eine entsprechende Geste besser ansprechen. Etwas in der Art, auf jeden Fall aber etwas völlig Harmloses, hatte sicher auch Georgios Kantidis im Sinn, seines Zeichens Mittelfeldspieler beim AEK Athen, als er das Ärmchen hob. Schließlich hatte er eine harte Kindheit und kommt auch sonst aus problematischem Umfeld, wie sein Trainer Ewald Lienen zu bedenken gibt. Der griechische Fußballverband hat Kantidis lebenslänglich für Spiele der Nationalmannschaft gesperrt. Bei Vereinen kann er weiterhin sein Geld verdienen.

Selbstverständlich ist auch die 'Alternative für Deutschland', die neueste Parteigründung im Lande, keineswegs rechtspopulistisch. Ausstieg aus dem Euro, wieder mehr Souveränitätsrechte für die Nationalstaaten, was soll daran falsch sein? Natürlich ist es auch purer Zufall, dass die Ablehnung der "Gängelung der öffentlichen Meinung unter dem Deckmantel der sogenannten 'political correctness'", die man sich ins Programm geschrieben hat, geradezu ein rechtspopulistisches Mantra ist. Und nein, es ist auch nicht verboten, Unterstützer zu haben wie Karl Albrecht Schachtschneider, seines Zeichens Gastreferent bei 'Pro Köln' und Autor beim Kopp Verlag, letzterer auch nur rein zufällig eine der ersten Adressen für gut durchgebratene Verschwörungstheoretiker.

Dass solche politischen Bewegungen immer auch Sammelbecken für Glücksritter und Spinnerte aller Art sind, ist nichts Neues. Diese Erfahrung mussten in den Achtzigern die Grünen und zuletzt die Piraten machen. Bei der 'Alternative für Deutschland' musste der ehemalige Bundesvorstand Stefan Mikeleit zurücktreten, nachdem ruchbar geworden war, dass er im November die launige Einlassung "Multikulti-Gen führt zu Mutationen und damit zu Krankheiten, die vorher bei Reinrassigkeit nicht vorhanden waren. Wissenschaftlich erwiesen.", getwittert hatte.

Völlig zu recht hat Jakob Augstein die 'Alternative für Deutschland' die Partei der frustrierten Fünfzigjährigen genannt, die Partei der Grumpy Old Men. Das sind die, die andauernd auf Parkbänken zu sitzen scheinen, aufreizend gekleidete Mädchen sehnsüchtig anglotzen und gleichzeitig über den Sittenverfall der Jugend von heute herumgnatzen. Das sind die, die finden, früher sei grundsätzlich alles besser gewesen, ein kleines bisschen Adolf - nur die guten Sachen, versteht sich - täte uns allen gut und die auf sehr komplexe Fragen auch sonst sehr einfache Antworten haben. Grumpy Old Men sind Menschen, die irgendwann aufgehört haben bzw. nie damit angefangen haben, sich auf Veränderung, die nun einmal die einzige Konstante im Leben ist, auch nur gedanklich einzulassen. Das 'Old' hat übrigens nichts mit dem kalendarischen Alter solcher Leutchen zu tun, denn auch mit Mitte Zwanzig kann man im Kopfe schon sehr alt sein.

Nein, es ginge zu weit, die 'Alternative für Deutschland' pauschal als rechtspopulistisch zu bezeichnen. Bislang hat sie vielleicht ein paar braune Spritzer abbekommen. Doch manifestiert sich in ihr ein durch die Zumutungen einer modernen, komplizierter werdenden Welt hervorgerufenes Grundgefühl aus kulturpessimistisch befeuertem Überdruss, allgemeinem sich Bedrohtfühlen und trotzigem Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen. Das Echo auf Augsteins Kolumne hat - Wespennest ahoi! - übrigens einen sogar für seine Verhältnisse überdurchschnittlichen Sturm der Empörung ausgelöst. Positionen wie sie die 'Alternative für Deutschland' vertritt, sind in diversen Internetforen durchaus mehrheitsfähig. Tritt sie im September zur Wahl an, dann wird sich zeigen, wie groß ihr Potenzial außerhalb virtueller Räume wirklich ist. Gut möglich, dass sie sich als Scheinriese entpuppt. Zu wünschen wäre es.


1 Kommentar :

  1. Jens Berger hat sich unter dem Titel
    "Können Marktradikale und Nationalchauvinisten eine „Alternative für Deutschland“ sein?" Gedanken zur AfD gemacht:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=16524#more-16524

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