Sonntag, 17. März 2013

Car Crash TV


Katja Riemann war in den Neunzigern einmal eine sehr gefragte Schauspielerin. Sie hat in gefühlt 80 Prozent dieser gefürchteten Liebeskomödien mitgespielt, in die man damals immer von seiner Freundin unter Androhung des Beziehungsabbruchs hineingeschleppt wurde. Darin gab sie eigentlich immer denselben Typ Frau: Den der aufdringlich sich als 'starke Frau' bezeichnenden, penetrant modernen, entweder in Köln oder Berlin lebenden Großstadtschnalle, die in einem Loft von irgendwas Freiberuflichem lebte, das kaum Arbeit machte, und die von ihrem wahlweise von Til Schweiger oder Thomas Heinze gespielten Machofreund betrogen wurde, bevor dann am Ende war alles wieder gut war. Irgendwann war sie dadurch so festgelegt, dass der Begriff Filmemitkatjariemann-Gutfinder es fast auf eine dieser zuletzt vor zirka zehn Jahren leidlich komischen Weichei-Warmduscher-Schmunzellisten geschafft hätte. Das letzte, das ich mitbekommen habe, war, dass sie sich künstlerisch unterfordert fühlte und unter anderem auch Musik macht.

DAS! auf NDR ist ein werktägliches Boulevardmagazin, in dem Promis auf einem roten Sofa Platz nehmen und dortselbst von wechselnden Moderatoren verbal begrabbelt werden. Als Zuschauer bleibt man gelegentlich dort hängen, weil man ein paar Minuten bis zu den Achtuhrnachrichten zu überbrücken hat, die Birne zu leer ist für Kulturzeit auf 3sat, aber noch genügend Selbstachtung übrig, um nicht zu den Privaten zu schalten und man ansonsten zu faul ist, sich zu etwas anderem aufzuraffen. Eine bessere Geräuschkulisse eben. Ohne mich dicke tun zu wollen, kann ich sagen, dass mir das nur ganz selten passiert. So kommt es, dass ich schon mal was verpasse. Zum Beispiel, wie die Riemannsche dort aufgetreten ist und Moderator Hinnerk Baumgarten volles Rohr hat auflaufen lassen. Zum Glück gibt es das Internet und Stefan Niggemeier. Der hat freilich den Vorteil, das im Zweifelsfall nicht jeden Tag gucken zu müssen, weil er genug Leser hat, die ihn mit entsprechenden Tipps versorgen.

Es gibt diese Situationen, in denen hat man das Gefühl, absolut nichts Wichtiges zu erledigen zu haben, obwohl eigentlich ein paar Hemden des Gebügeltwerdens harren, ein angefangenes Buch einen anlächelt und in der Küche der Abwasch winkt. Mir passiert so was übrigens meist zwischen frühem und spätem Nachmittag. In solchen Situationen kann es schon einmal vorkommen, dass man so ein Video anklickt (es handelt sich übrigens um einen auf gnädige elf Minuten eingedampften Zusammenschnitt, aber auch den habe ich nicht zu Ende angesehen):


Tja, was will sie der Welt damit sagen? Angeblich hat der Tod ihrer Kollegin Rosemarie Fendel sie sehr mitgenommen. Das ist zwar menschlich zutiefst verständlich, lässt sich aber auch professionell kommunizieren. Wollte sie zeigen, was für eine irre exzentrische und schwierige Diva sie doch ist? Scheidet aus, denn eine echte Diva würde sich gar nicht erst auf dieses Sofa setzen. Dass es kein Kunststück ist, einen Moderator, der fünf nichtssagende Sendungen pro Woche wegmoderieren muss, weil er außer Kärtchenablesen und Seitenscheitel nicht viel gelernt hat im Leben, wie einen Deppen aussehen zu lassen? Ja danke, aber das war auch ohne Riemannsche Pionierarbeit schon klar. Wollte sie schonungslos entlarven, welch belangloses Minutenvollmachen DAS! ist und dass dort nichts, aber auch gar nichts von irgendeiner Relevanz verhackstückt wird? Hui, was macht sie als nächstes? Das Rad erfinden? Oder wollte sie uns zeigen, dass sie sich in all den Filmen, in denen sie diese humorlosen, ironiefreien, uncoolen, egozentrischen und oberflächlichen Tussen gespielt hat, nicht groß verstellen musste? Hat sie gar ernsthaft geglaubt, so ein Sendeformat sei der Ort für lange, tiefsinnige Gespräche? Da wäre sie in bester Gesellschaft, denn das passiert auch Eugen Drewermann regelmäßig. Oder ist Baumgarten ihr im Vorgespräch doof gekommen und sie wollte sich rächen?

Kunst, so sagt man, lasse einen grundsätzlich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Wenn ich also bedenke, wie viele Frage mir nach dem Anschauen dieses Auftritts im Kopf herumgehen, dann ziehe ich meinen Hut, weil Katja Riemann demnach eine wahrhaft große Künstlerin sein muss. Niggemeier attestiert dem Interview die Faszination eines Autounfalls in Zeitlupe. Man wolle eigentlich nicht hinsehen, könne aber auch nicht weggucken. Im englischen Medienjargon gibt es für so was übrigens die schwer übersetzbare Bezeichnung Car Crash TV.

Nicht auszudenken übrigens, was passieren würde, wenn die Dame mit Nena in einer Sendung auftritt. Oh, ich muss Schluss machen, das Teewasser kocht.



Kommentare :

  1. Die Nummer, welche Frau Riemann da abgezogen hat, ist überaus läppisch, um nicht zu sagen jämmerlich. Ein journalistisches Würstchen (was dieser Herr Baumgarten ja offenkundig ist) als journalistisches Würstchen vorzuführen, ist keine großes Kunst. Dumme Fragen mit dummen Antworten entgegnen kann jeder, damit geriert sich niemand als herausragende Darstellende Künstlerin. Auf läppische Fragen mit klugen Antworten zu kontern wäre einer klugen Frau (was Frau Riemann gewiss ist) wesentlich besser angestanden.
    Der österreichische Fußballer Anton Pfeffer*) hat einmal bei einem Länderspiel in der Pause (beim Halbzeitstand 0:5 für den Gegner) die dumme Frage eines Journalisten: "was in der zweiten Spielhälfte noch möglich sei?" mit der pfiffigen Antwort pariert: "Hoch gewinnen werden wir nimmer." Das war hohe Antwortkunst, und dafür gebührt ihm mehr Applaus als für seine fußballerische Leistung an jenem Tag.
    Diese Chance hat sich Frau Riemann ohne Not entgehen lassen, und mit ihrer niveaulosen Vorführung nicht allein diesem Moderatoren-Würstchen, sondern zugleich ja auch dem Fernsehpublikum einen Affront geliefert.

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  2. Ach...naja. Medien. Wer weiß, ob sich Frau Riemann wirklich produzieren wollte oder ob sich wirklich nicht an Abmachungen gehalten wurde, und sich der Moderator produzieren wollte. Ich kann das gar nicht beurteilen, auch wenn sich der Twitter-Shitstorm-Mob dazu berufen fühlt. Wie bei so vielen anderen Themen (leider) auch.

    Viel interessanter finde ich die Reaktionen der großen Leitmedien, das aus dem Rahmen-Springens des "business as usual - Mediengeschäftes" als großen Skandal zu inszenieren.

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