Dienstag, 5. März 2013

Institutionalisierter Sadismus


"Gewalt beginnt, wo das Reden aufhört." (Hannah Arendt)

Wer eine diagnostizierte Dyskalkulie hat, sollte es sich vielleicht etwas gründlicher als andere überlegen, ein Mathematikstudium zu beginnen oder eine Ausbildung, die viel mit Zahlen zu tun hat. Wer absolut nicht mit Menschen kann, sollte sich ernsthaft fragen, ob Verkäufer oder Sozialarbeiter wirklich der richtige Beruf ist. Auch ist es keine Schande, mit Kindern und Jugendlichen nicht recht umgehen zu können. Weil Menschen nun einmal verschieden sind, ist so etwas ist normalerweise auch kein Problem. Daher ist niemand, der von größeren Ansammlungen Kindern und Jugendlichen schnell genervt ist, prinzipiell ein schlechter Mensch oder muss sich irgendwie schuldig fühlen, so lange er seiner Wege geht und die Boys und Girls nicht unnötig terrorisiert. Zum Problem wird das nur, wenn so eine Person sich trotzdem in einem pädagogischen Beruf versucht, beziehungsweise in einem Beruf, der sie Tag für Tag mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert.

Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, aber für eine alleinstehende Frau ohne Familienanschluss konnte das Leben im adenauerschen Nachkriegsdeutschland ausgesprochen problematisch sein. Zwar galt eine eine Frau nur als vollwertig, wenn sie verheiratet war, doch fand längst nicht jeder Topf seinen Deckel, weil als Folge des Krieges ein Frauenüberschuss herrschte, und so etliche übrig blieben. Neben Hauswirtschaft standen ledigen Frauen ohne Abitur nur Krankenpflege und Kindererziehung als Tätigkeitsfelder offen, weil man ihnen qua Geschlecht grundsätzlich eine natürliche Begabung für solche vermeintlich weichen Berufe unterstellte. Vielen Ungelernten blieb nur der Gang ins Kloster oder, wenn sie evangelisch waren, in ein Diakonissenhaus. Dort herrschte oft ein strenges Regiment und die Frauen wurden normalerweise nicht gefragt, für welche Arbeit sie sich eigneten, sondern einfach eingeteilt, mit dem Hinweis, dies als göttliche Fügung zu akzeptieren. Will man über das hunderttausendfache Leid sprechen, das Kindern in kirchlichen Erziehungs- und Kinderheimen in Westdeutschland bis in die 1970er angetan wurde, muss man fairerweise berücksichtigen, dass viele der Erzieherinnen mit ihrer Arbeit in jeder Hinsicht heillos überfordert waren. Hier sollte die Fairness enden, denn vieles ist nicht entschuldbar. Eine Folge war, dass ein Satz wie "Wenn du nicht brav bist, dann kommst du ins Heim!", sehr lange Zeit eine veritable Drohung mit bitter ernstem Hintergrund war.

Die schlimmeren Auswüchse dessen, was man in Westdeutschland lange unter institutionalisierter Erziehung verstand, sind mir Dank einer intakten Familie und später Geburt erspart geblieben. Mit sechs Jahren war ich ein paar Wochen lang auf der Kinderstation eines Krankenhauses tyrannischen Ordensfrauen ausgesetzt, die die ihnen anvertrauten Kinder per Psychoterror zum Schweigen gebracht haben. Der Zufall wollte es, dass ich Jahre später in eben jenem Krankenhaus zum Zivildienst anzutreten hatte. Als ein Botengang mich eines Tages auf die Kinderstation verschlug, wollte ich es erst kaum glauben: Eine der alten Megären von damals war immer noch im Dienst und gerade dabei, ein vor Angst schreiendes Kind mit bewährten, mir vertrauten Methoden gefügig zu machen. Mein erster Impuls war, mich zu beschweren und die Sache an die große Glocke zu hängen. Immerhin schrieben wir das Jahr 1988. Ich ließ mich dann überzeugen, dass ich mich mit mächtigen Seilschaften anlegen und die Sache vermutlich ein Kampf gegen Windmühlen werden würde und unternahm nichts. War das feige? Ich denke ja. Zu meiner Entlastung kann ich nur anführen, dass ich damals kaum vernetzt war und auch nicht wusste, wie ich das hätte anstellen sollte. Alle, die ich deswegen gefragt habe, spielten die Sache herunter und meinten, so sei das nun mal im Leben, ich sollte mal erwachsen werden.

Normalerweise neigen Menschen dazu, ab einem gewissen Alter, auch unangenehme Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit zu idealisieren. Auch das ist menschlich und normal. Der überstrenge Lehrer wird da gern zum 'harten Hund', dessen eine oder andere Watschen letztlich nicht geschadet habe. Das nagende Heimweh im Ferienlager wird zur Schule des Charakters schönerinnert, die einen abgehärtet habe und so weiter. Sicher, Kinder halten im Zweifel weit mehr aus, als ratgeberlesende Eltern und ratgeberschreibende Pädagogen ihnen zutrauen. Wenn aber erwachsene Menschen auch nach vierzig oder mehr Jahren immer noch einen Hals kriegen oder in Tränen ausbrechen beim bloßen Gedanken an bestimmte Episoden ihrer Kindheit und Jugend, dann ist das ein einigermaßen sicheres Zeichen dafür, dass etwas gewaltig falsch gelaufen ist.

Von zwei solcher Schicksale handelt Dror Zahavis Film Und alle haben geschwiegen, der vorgestern im ZDF lief. Die allein erziehende Mutter der 16jährigen Luisa (Alicia von Rittberg) muss sich 1962 einer Operation unterziehen und tritt auf Drängen des örtlichen Jugendamts das Sorgerecht für ihre Tochter an die Diakonissen des Kinderheims Falkenstein ab. Von Anfang an bekommt das hoch intelligente und eigenständige Mädchen die entmenschte Härte des Systems Kinderheim und den frömmelnden Sadismus der verhärmten Erzieherinnen (Anke Sevenich, Birge Schade) zu spüren. Ihre Beschulung sei einzustellen, heißt es und so arbeitet sie zwölf Stunden am Tag als Büglerin (mit der Arbeit der Kinder verdient das Heim gutes Geld). Heiraten, Kinder hüten, Haushalt führen, Mann bekochen, das ist von nun an ihre Zukunft, wird ihr beschieden. Zu Anfang klammert sich Luisa noch an die Hoffnung, in spätestens drei Monaten, wenn ihre Mutter wieder gesund ist, wäre sie wieder draußen. Diese Illusion zerfällt, als ihre Mutter eine zweite Operation nicht überlebt. Sie verliebt sich in den verschlossenen Stotterer Paul (Leonard Carow) und den beiden beiden gelingt es zu fliehen. Sie werden wieder eingefangen. Luisa stürzt sich aus dem Fenster, woraufhin die im Heim arbeitende Doktorandin (Jasmin Schwiers) es schafft, sie an einen externen Vormund zu vermitteln.

Sicher, Und alle haben geschwiegen ist keine künstlerische Offenbarung und vieles wirkt, trotz gelungen eingefangener Atmosphäre, eher glatt gebügelt, konventionell geschnitten und bleibt damit weit hinter den visuellen Möglichkeiten zurück, die Fernsehen im Jahr 2013 bietet. Die schlimmsten Grausamkeiten werden ausgespart, mit Rücksicht auf den Sendeplatz und vielleicht auch auf die Gefühle der Betroffenen. Doch gemessen am üblichen Stromlinienprogramm, das sich sonst auf diesem Sendeplatz tummelt und das immer zu befürchten ist, wenn die Öffentlich-Rechtlichen mit einem Fernsehfilmereignis drohen, ist das hervorragend gemacht und durchaus vielschichtig. In einer Tour ertappt man sich dabei, das unbändige Verlangen zu verspüren, in diesem Saustall aufzuräumen und Selbstverständlichkeiten wie etwa Menschenrechten nachdrücklich zur Geltung zu verhelfen.

Weil der Film wirklich nicht übel ist, belässt er es auch nicht bei einer platten Konfrontation Gut gegen Böse. Als tragische, weil gebrochene Figur entpuppt sich ausgerechnet die Heimleiterin (Marie Anne Fliegel). Obwohl sie ein strenges Regiment führt und alle Anfechtungen, zum Beispiel die der jungen Doktorandin, so brüsk wie dogmatisch hinwegwischt, muss es dieser eigentlich intelligenten und sensiblen Frau zumindest dämmern, dass das, was da unter ihrer Ägide und mit ihrer Duldung geschieht, nicht richtig sein kann. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie es mit teuflischer Geschicklichkeit versteht, das Heim nach außen hin als klösterliche Idylle und sich selbst als strenge, aber gütige Muttergestalt zu inszenieren und Außenstehende systematisch zu täuschen? Auch Senta Berger und Matthias Habich führen als die gealterten Luisa und Paul, die vor dem parlamentarischen Ausschuss des Bundestages aussagen sollen, überzeugend vor, dass die Zeit keineswegs alle Wunden heilt.

Wer dazu neigt, Empathie für Gedöns und Respekt für überbewertet zu halten, wer die Nachkriegszeit als gute alte Zeit glorifizieren möchte, wer moderne Pädagogik gern als Kuschelei belächelt und wieder mehr Härte fordert, sollte sich diesen Film ansehen. Und möge sich genau ansehen, wogegen die Generation von 1968 auch auf die Straße gegangen ist und wogegen unter anderem eine Ulrike Meinhof mit ihrem Bambule-Projekt angegangen ist. In den Heimen machte eine seelisch zerstörte Kriegsgeneration nahtlos da weiter, wo sie 1945 aufgehört hatte und praktizierte an 500.000 Kindern das, was sie am besten konnte. Wer das, was in diesem Film zu sehen ist, nonchalant als dramaturgische Zuspitzung abtun will und achselzuckend meint, damals sei es eben so gewesen, möge sich klar machen, dass es in Wahrheit wohl noch viel schlimmer war.

Und alle haben geschwiegen. D 2012 (90 min.). Regie: Dror Zahavi. Mit: Alicia von Rittberg, Leonard Carow, Senta Berger, Matthias Habich u.a. (bis 11.03. online in der ZDF-mediathek zu sehen)


Kommentare :

  1. Zu dem Thema fällt mir spontan mal wieder "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" von Peter Høeg ein, dass (unter anderem) die Heimkindererziehung sehr eindringlich schildert

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  2. Ich hatte mich des Themas mal angenommen, bevor die ganzen Mißstände auf die wirklich öffentliche Bühne kamen. "Erlebnis"-Literatur (in kleinen Verlagen, Titel müßte ich nochmal schauen) dazu gab es nämlich schon seit einigen Jahren. Bambule nahm sich in den Alltagsbeschreibungen noch eher harmlos aus. Das Schlimme und Verbindende an den Geschichten war, daß die Menschen ja schon oft aus einer traumatischen Situation kamen und eigentlich Fürsprache und -sorge gebraucht hätten und dann so gemein gebrochen wurden. Beim Rückblich schüttelt´s mich immer noch.

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