Dienstag, 12. März 2013

Nationales Echo


1975 wurden in der Gegend, in der ich siedle, die Städte Wattenscheid und Wanne-Eickel zu Stadtteilen von Bochum und Herne, die Stadt Castrop-Rauxel ein Teil des Kreises Recklinghausen. Die Autokennzeichen WAT, WAN und CAS verschwanden und Autofahrer aus diesen Städten mussten bis vor kurzem Blechschilder mit BO, HER und RE drauf spazieren fahren. In allen diesen Städten gibt es Menschen, die die Eingemeindungen gern rückgängig machen würden. Seit diesem Jahr ist man ihnen ein wenig entgegen gekommen, indem man die alten Autokennzeichen wieder erlaubt hat. Ähnlich verhält es sich mit dem heutigen Essener Stadtteil Werden, bis 1925 eigenständig. Noch heute soll es dort Alteingesessene geben, die konsequent sagen, sie führen nach Essen, wenn sie in die Stadt fahren. Insgesamt hat man sich aber mit den Gegebenheiten weitestgehend arrangiert und von separatistischer Militanz gar ist nur wenig zu spüren.

Als westfälischer Flachlandtiroler, dessen Heimat zuletzt Anfang des 19. Jahrhunderts mal von einem Mitglied der verzweigten Bonaparte-Familie regiert wurde, ist lokalpatriotische Folklore mir fremd. Ich mag die Gegend, aus der ich komme, durchaus gern, weiß auch ihre Schönheiten zu schätzen, aber den Gedanken, irgendein unnötiges Gewese darum zu veranstalten, finde ich reichlich lächerlich. Das sehen freilich nicht alle so. Dass neben einigen anderen Alpenregionen auch Südtirol nicht mehr zu Österreich gehört, sondern zu Italien und dass Österreich selbst nur mehr die Form eines zusammengestutzten Koteletts hat, ist eine Folge des ersten Weltkrieges bzw. des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye von 1919. Von Minderheiten einmal abgesehen, lernen die Bewohner solcher Landstriche früher oder später mit kriegsbedingten territorialen Veränderungen zu leben, in der Regel nach ein paar Generationen. In Südtirol dagegen trommelt die Band Frei.Wild aus Bressanone gegen vieles, vor allem aber für ihre Heimat. Das tun sie inzwischen so erfolgreich, dass die Truppe dieses Jahr ein paar Tage lang für den Echo nominiert war.

Wer sich der Mühe unterzieht, sich auf ihrer Webseite kursorisch durch die Songtexte zu klicken, findet dort vor allem höchst schlichte Weltbilder in Reimform vor, eine Art vertonter Vertriebenentag. Schwülstig wird die Schönheit der Heimat besungen ("Heimat"), jegliche Kritik als Hetze denunziert ("Feinde deiner Feinde"), politisch anders Denkenden werden pauschal pädophile Neigungen unterstellt ("Gutmenschen und Moralapostel"), sich und sein Einfluss grandios überschätzt, sich mächtig in Opferpose geworfen, und überhaupt werden alle außer sich selbst und der eigenen Fangemeinde irgendwie voll doof gefunden ("Wahre Werte"). Neben dem Alpenlandgeschwummse nerven besonders das andauernde Rechtfertigen, das ewige sich Missverstandenfühlen und das permanente Gegnern Indiefressehauenwollen, die überhaupt nicht existieren und, wenn doch, reine Popanze sind.

Nun muss auch offensiv vorgetragene Heimatliebe ist, wie gesagt, noch kein Problem sein und ist in der Regel auch nicht weiter der Rede wert. Oft ist sie bloß sentimentaler Kitsch und damit allenfalls lästig. Bedenklich wird sie immer genau dann, wenn sie umschlägt in Blut-und-Boden-Geraune und wenn sie Hand in Hand daherkommt mit anderen Sentiments. Mit dem selbstmitleidigem Ressentiment des sich verfolgt und zu kurz gekommen dünkenden zum Beispiel (Was bei Frei.Wild schon im Namen steckt: Bloß weil wir unsere Heimat lieben, sind wir Freiwild - buhuuu, wir Ärmsten!). Oder dem Bewusstsein, allein qua Herkunft aus einer landschaftlich schönen Gegend etwas Besseres zu sein. Und mit pseudorebellischer Anti-Gutmenschen-Attitüde sowie einem die Vergangenheit romantisch verklärenden Kulturpessimismus. Wie bei Frei.Wild eben. Obwohl sie selbst sich wie ihre Vorbilder Böhse Onkelz als völlig unpolitisch bezeichnen – wer's extra hervorheben muss, hat es meist gewaltig nötig – dürfte ihnen das eine Menge Applaus einbringen von jenen Leutchen, denen man so gründlich ins Hirn geschissen hat, dass die Runkel von innen eine satte Brauntönung angenommen hat.

Kaum ein Radikalinski, gleich ob rechts oder links, ist heute noch so blöd, jenseits schwarzer und grauer Märkte etwas unter Klarnamen zu veröffentlichen, für das er strafrechtlich unmittelbar belangt werden könnte. Braucht man auch nicht, denn auch mit Anspielungen und mit dem, was man eben nicht sagt, lässt sich wunderbar zündeln. Das beste Beispiel ist die nicht erst seit Sarrazin verbreitete rhetorische Figur: Wenn ich jetzt laut sagen würde, was ich denke, dann bin ich wieder der böse, böse Nazi, also sage ich mal nichts, aber du weißt schon, hihi.

Frei.Wild haben von ihrem letzten Album mehr als 100.000 Stück verkauft und weil beim Echo-Musikpreis Preiswürdigkeit in verkauften Exemplaren bzw. Downloads gemessen wird, war die Truppe in der Kategorie 'Rock/Alternative national' nominiert. Einigen anderen ebenfalls nominierten, unter anderem Mia, Kraftklub und Die Ärzte, hat das überhaupt nicht gefallen und sie haben damit gedroht, die glanzvolle Verleihung zu boykottieren. Das bewog die Veranstalter von der Deutschen Phono-Akademie letztlich, eventuell noch vorhandene Reste ihres Rückgrats zu entsorgen, die national befreiten Bergfexe von der Nominierungsliste zu streichen und sich damit endgültig zum Horst zu machen. Demokratie ist was Feines. Dort, wo sie hingehört und sinnvoll ist. Denn weder kann sie an den Registrierkassen stattfinden noch taugt sie zum Indikator für Geschmack und Stil. Sonst wäre nicht regelmäßig so ein gnadenloser Schrott an der Spitze der Charts und der Bestsellerlisten.

Zwei Fragen hätte ich dann aber noch. Erstens: Wenn es eh nur um Verkaufszahlen geht, warum braucht es für diesen Echo-Budenzauber noch eine sich als großartig als 'Akademie' aufblasende Wichtigmacherriege? Ein paar Statistiken von Media Control herunterzuladen, bekommt schließlich jeder Depp hin, der es in Mathematik über die sechste Klasse hinaus geschafft hat. Zweitens: Warum nominiert die 'Deutsche Phono-Akademie' eine italienische Band, die auf deutsch singt, weil sie großen Wert darauf legt, südtirolerisch zu sein, eigentlich in der Kategorie 'national'?

Die neuen alten Autokennzeichen hier in der Gegend werden übrigens gut angenommen.


Kommentare :

  1. Finde es erstaunlich dass in so einem fortschrittlichen Blog der Begriff Heimat wie in der Presse gewohnt verunglimpft wird. Als echter Demokrat bin ich unbedingt dafür dass die Menschen in ihrer Heimat Souverän sind. Man kann natürlich auch für die Fremdverwaltung aus Berlin (Rom) und Brüssel sein. Dann aber bitte nicht von Demokratie reden.

    "...so gründlich ins Hirn geschissen hat, dass die Runkel von innen eine satte Brauntönung angenommen hat."

    Sie reden hier über eine junge Rockband die einfach ihr Ding macht. Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner und charmanter?

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    1. Wo wird hier eigentlich der Begriff Heimat verunglimpft? Und was hat das mit der vermeintlichen oder tatsächlichen Fortschrittlichkeit des Blogs zu tun?

      Und die meisten Leute in Europa dürfen an ihrem Wohnort an demokratischen Wahlen teilnehmen, oder?

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    2. Und noch ein paar Worte zu Frei.Wild. Von denen heißt es im Text gar nicht, man habe ihnen ins Hirn geschissen, sondern es wird gesagt, dass ihnen viele Leute für ihr laut deklariertes vorgebliches Unpolitischsein großen Beifall zollen. Und von denen, so verstehe ich den Text, laufen ziemlich viele mit randvollgeschissenen Hirnen herum.

      Ob Frei.Wild dieses Publikum scheiße finden, ob sie selbst vielleicht doch auch ein bisschen Jauche im Kopf haben, oder ob es ihnen wurscht ist (Umsatz ist Umsatz und Geld stinkt nicht), das weiß ich nicht. Wäre vielleicht interessant zu erfahren.

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    3. Noch mehr auf "gut deutsch" gesagte Obszönitäten. Wenn man die moralische Lufthoheit zu haben vermeint wirds eben schnell häßlich. Ob neos gegen schwächere oder pcs gegen "rechts" spielt keine Rolle. Ich finde den wiederholten Sprachgebrauch in diesem Artikel und Kommentar unangebracht und hetzerisch und ich denke dass Sie mir dabei sogar, bei nüchterner Betrachtung, zustimmen.
      Wir reden heir über ein junge Rockband und ihr junges Publikum. Wenn man nun meint deretwegen kommen die Nazis auf Dinosauriern aus der Gruft geritten und man muss jetzt in die verbale Fäkalienresistance (ad hominem) gehen ist man auf dem Holzweg. So werden nur Resentiments projeziert.

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    4. @Anonym:
      Hey, wir reden hier auf einem jungen Blog mit jungem Publikum, das einfach sein Ding macht! Da wird man doch wohl noch sagen dürfen, was man fäkalesk findet!

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    5. @ Anonym: Falls Sie hier noch mitlesen, bei Kopfregie gibt es sehr einen lesenswerten Artikel über Frei.Wild und die Frage, wie mit der Band und den Fans am Besten umgegangen werden sollte. Fair, unvoreingenommen und völlig ohne Unflat. Was meinen Sie dazu?

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  2. Ein "echter" Demokrat? Weißt Du überhaupt, wovon Du redest?

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    1. Ja, das weiß ich. Sie könnten zwar anderer Meinung sein, aber ich definiere Demokratie für mich als ein in der Region beginnendes politisches System das auf Abstimmungen beruht. From bottom to top sozusagen. Andersherum, von oben nach unten regiert, so wie wir es jetzt kennen, kann ich keine wirkliche demokratische Teilhabe erkennen.

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  3. Konditionierte Reflexe. Sagst du das Wort "Heimat" ohne jeden Kontext, passiert es schon mal, - dass die Leute nicht abwarten was noch folgen könnte, sondern von links gleich das Nationalist, (und das ausgerechnet mir), und von rechts gleich das Vaterlandsverräter kommt. Letzteres, muss an der Frisur liegen, - was ich als Namensgebender Abkömmling eines Frauenstiftes in Lippstadt, (wunderschöne Gegend) aufgrund Widukinds verlorener Feldzüge gegen Karl den Großen,- ganz besonders wenig verstehe. Diese Möchtegern-Germanen des tatsächlichen Sachsentums heute, haben wirklich keinen Stil mehr. Da man selber zudem im Neandertal geboren wurde, (wunderschöne Gegend), legt man doch ganz besonders ein wenig Wert auf die Frisur. Hier im Süddeutschen, (wunderschöne Gegend), sieht das auch nicht besser aus. Hier regieren die Römer. Ich glaub's nicht. Schwäbische Fastnacht mit römischer Legende, bis zum Übermaß als Heimat karikiert, die einen germanisierten Neandertaler dann fragen ober er ein Deutscher ist, nur weil ihm das ganze Gehopse ganz einfach sakrisch auf den Nerv geht. "Konsch nit recht doitsch schwätze?"

    ....wenn sie umschlägt in Blut-und-Boden-Geraune und wenn sie Hand in Hand daherkommt mit anderen Sentiments

    Der Satz ist einfach Gold wert. Danke dafür.

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  4. Unpolitisch macht hirntod.Freiwild ? Ich kauf mir lieber nen Tiroler Hut. Schön aber zu sehen, daß egal in welchen blogs etwas zu den Honks publiziert wird, die Heimatvertriebenden nicht weit sind und rumjammern. Stefan, kennst Du die 7-teilige Serie aus Anfang Achziger "Hans im Glück aus Herne 2" ? Vonwegen Wanne-Eickel. Fiel mir grad dazu ein. Unbedingt sehenswert,weil größtenteils Laiendarsteller aus´m Pott, die sich mehr oder weniger selbst spielen. Und überhaupt südtirol ich mir keinen runter auf ha,ha, Frei ha,ha, wild ha, ha.

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  5. @piet
    Heimatvertrieben? rumjammern?
    Du hast die Ironie nicht verstanden.

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  6. @eb - wenn ich dich gemeint hätte, hab ich aber nicht. Mir gings um den anonymen Demokraten.

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  7. @piet Oh, - sorry. (das ist diese bloggerparanoia, - weißt du ;-)

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  8. eb - keine Angst, ich steh hinter dir :)!

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