Montag, 4. März 2013

Neidgenossen


Jetzt auch noch die Schweizer! Ausgerechnet jenes tapfere, kleine Alpenvölkchen, das immer der kapitalistische Musterknabe war, mag nicht mehr recht mitmachen beim weiteren Öffnen der Gehaltsschere. Dabei wurde in kaum einem anderen Land Europas die alte Formel vom Geld, das nicht stönke, überzeugender in die Tat umgesetzt als in Helvetien. Generationen mordlüsterner Monarchen und raffgieriger Schweinediktatoren mit blutigen Stiefeln konnten auf absolute Diskretion hoffen, wenn sie ihre zusammengeraubten Reichtümer in einem der stillen Häuser am Züricher Paradeplatz in Sicherheit bringen wollten. Wer diese Schweiz immer für ein verschlafenes Nest gehalten hat, wo man sich gegenseitig so lange mit Nettigkeiten eindeckt, bis alle eingeschlafen sind, kann sich angesichts dessen, was am Wochenende dort passiert ist, nur überrascht die Augen reiben.

Denn die wackeren Eidgenossen haben im Rahmen eines Volksentscheids für die Regulierung von Managergehältern gestimmt. Nicht mehr die Vorstände von Aktiengesellschaften sollen in Zukunft über die Höhe der Bezüge der Manager entscheiden, sondern die Aktionäre – was auch irgendwie sinnvoll ist, denn wenn mein mageres betriebswirtschaftliches Wissen mich nicht täuscht, handelt es sich dabei um die Eigentümer. Ferner sollen ‚Goldene Handschläge’ und Begrüßungsgelder eingedämmt werden sowie das Verhältnis von Fixgehältern zu Boni gesetzlich geregelt werden.

Man muss sich klarmachen, dass in der Schweiz in puncto Einkommen und Sozialsysteme Zustände herrschen, von denen man bei uns nur träumen kann. Trotzdem scheint ein Großteil der dortigen Bevölkerung inzwischen so seine Probleme zu haben mit absurd hohen Spitzengehältern, die in keinerlei Verhältnis mehr stehen zu dem, was ein einzelner Mensch zu leisten in der Lage ist. Gleich, was am Ende in Form von Gesetzen dabei herauskommt, könnte das ein wichtiges Signal sein. Die Schweizer, denen man wahrlich keinen Hang zum Sozialismus nachsagen kann, haben offensichtlich die Nase voll von neoliberaler Propaganda. Von dem verlogenen Gerede, Großkopferte benötigten unbedingt Leistungsanreize in Millionenhöhe, damit sie freundlicherweise überhaupt einen Finger rühren und nicht auswandern, während kleine Arbeitnehmer sich anhören müssen, Geld sei nicht alles, nein, die Gnade, für diese oder jene Firma arbeiten zu dürfen, sei viel mehr Motivation.

Auch wenn hierzulande die Entscheidung angeblich von allen Parteien begrüßt wird - sogar die FDP soll sich eingereiht haben - wird man genau wissen, warum es besser ist, an der Linie festzuhalten, allzu viel direkte Demokratie eher lästig zu finden. An Widerstand gegen die Volksabstimmung hat es freilich auch in der Schweiz nicht gefehlt. Der einflussreiche Wirtschaftsverband Economiesuisse hat nichts unversucht gelassen, die Initiatoren und Sympathisanten in seinem Sinne zu bearbeiten. Wie dünn deren Argumente gewesen sein müssen, zeigt ein Kurzfilm, den man bei Regisseur Michael Steiner in Auftrag gegeben hat und in dem propagandistisch vor nichts zurückgeschreckt wird. Die Züricher Wochenzeitung hat das Storyboard des Filmchens freundlicherweise online gestellt.


Kommentare :

  1. Ich bin grad ziemlich fassungslos über dieses storyboard.Es scheint ja genügend Willige zu geben, die sich für keine Propaganda zu schade sind. Hr.Steiner hat sich damit würdig nominiert für den Veit Harlan - Filmpreis für abgeschmackte Machwerke.

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  2. Nicht nur du. Als ich das am Sonntagnachmittag gesehen habe, kamen mir auch Kaffee und Obstplunder hoch...

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