Sonntag, 24. März 2013

Was für Eltern...?


Es ist reichlich billig, sich über die Namen zu erheitern, die Kinder so mit sich herumschleppen müssen. Sie können ja nichts dafür. Nicht über Nachnamen natürlich. Für die können ja auch die Eltern nichts. Nein, es geht um Vornamen, bei denen Eltern mehr oder weniger die freie Wahl haben. Seit einigen Jahren existiert die These, gewisse Namen träten in gewissen sozialen Schichten gehäuft auf. Im Bildungsbürgertum sind demnach häufig bewusst traditionelle Namen zu finden, am besten welche, die eine gewisse Familientradition widerspiegeln. Dem verdanken zum Beispiel kleine Ludwigs, Sophias oder Maximilians ihre Benennungen. Eine Zeit lang wurden auch Namen von IKEA-Schränken wie Sören, Madita, Gunilla oder Torben in gewissen Kreisen gern genommen. 

Die Unterschichten, so sagt man seit einigen Jahren, sind die Zone der Kevins, Jacquelines, der Dennis' und Mandys. Erfahrene Grundschullehrerinnen können, so heißt es, schon vor den Sommerferien anhand der Klassenliste abschätzen, auf was sie sich bei ihren neuen ABC-Schützen gefasst machen müssen. Dieses Phänomen ist inzwischen als Kevinismus bzw. Chantalismus dokumentiert und entsprechend aufgearbeitet.

Nun geht irgendwie auch das ja noch, denn die Wahl solcher Namen mag zwar problematisch erscheinen, zeugt aber von einer eher traditionellen, durchaus gesund zu nennenden Phantasielosigkeit. Früher wählten Eltern für den Nachwuchs, der eh mit der Selbstverständlichkeit eines Amens in der Kirche sich einstellte, scheinbar willkürlich irgendwas aus einem Pool von zwanzig, dreißig gängigen Vornamen aus und fertig. Eventuell achtete man noch darauf, dass die lieben Kleinen wegen ihrer Namen in der Schule nicht andauernd unnötig verprügelt wurden. Irgendwann wurde dieser Namenspool halt durch Kevin, Mike, Vivian, Denise etc. ergänzt, also griff man auch hier einfach zu und machte sich weiter keinen Kopf.

Richtig geschlagen sind nämlich inzwischen die Kinder, deren Eltern offenbar der Welt demonstrieren wollen, welche Mühe sie sich bei der Namensfindung geben und wie ungeheuer cool, originell oder kreativ sie dabei doch vorgehen. In diesen Kreisen scheint eine Art Wettrüsten in puncto verkrampfte Originalität ausgebrochen zu sein. Aus ersten, unsystematischen Sichtungen lassen sich drei bis vier Maximen ableiten, nach denen offenbar vorgegangen wird:

Erstens: Zwei Vornamen sind das absolute Minimum. Je mehr, desto kreativer und cooler ist man.

Zweitens: Je exotischer und abgefahrener desto besser.
Drittens: Richtiges Schreiben fremdsprachiger Namen wird generell überbewertet, schreibe einfach wie du sprichst.

Viertens: Aktuelle Popkultur ist eine ebenso legitime wie unerschöpfliche Quelle.

(alle Bilder via chantalismus.tumblr.com)

Welch irritierende Formen das inzwischen angenommen hat, lässt sich unter anderem auf Internetseiten wie dieser nachlesen. Nun steht es ja weiß Gott jedem frei, sich selbst nach allen Regeln der Kunst zum Horst zu machen, aber muss man das unbedingt auf dem Rücken der Kinder austragen? Kapieren diese Leute nicht, dass ein Kind kein Motorboot und somit kein Privateigentum ist, sondern ein eigenständiger Mensch? Ist diesen Leuten nicht klar, dass das kleine, süße, knuddelige Wesen spätestens in ein paar Jahren aufhört, ein kleines, süßes, knuddeliges Wesen zu sein und dann ein paar Jahrzehnte lang mit dem jugendsündigen Gehirnfurz seiner Erzeuger im Pass herumlaufen muss?

Oder ich bin einfach nur ein altmodischer, kulturpessimistischer Meckersack, der in zwanzig Jahren mit seinem läppischen Zweisilbennamen blöd dastehen wird?



Kommentare :

  1. Julia ist der schönste Mädchenname. Mehr zum Thema auf meinem Blog.

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  2. Nüja, stell dir vor du hießest Tulpe und nicht Rose. Aber Spaß beiseite, mein Erzeuger hat sich mit seinem Eugen auch bitter an mir gerecht und Elmar draus gemacht. So gut überlegt war das dunnemals auch nicht. Ob ich mit einem Echnaton allerdings besser gefahren wäre, ist ebenfalls schwer in Frage zu stellen. Die heutige Namensgebung kann man wohl eher den Restbeständen einer Pop-Kultur zuschreiben, die das Corn in der Pfanne nicht knallen gehört haben.

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  3. Das Kind als umfassendes Projekt. Inklusive "Frühförderung".

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  4. Der Berufsspinner Udo Proksch ließ seinen Sohn seinerzeit auf den Vornamen Drusius Ingmar taufen, mit der Begründung: "So kann sich der Bub später Dr. Ing. Proksch auf seine Visitenkarten drucken lassen, ohne dass er dafür studieren braucht."

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  5. Na, da konnte der Jung' aber froh sein, seinerzeit nicht an uns geraten zu sein. Wir hätten ihn vermutlich regelmäßig daran erinnert, dass 'Dring!' kein Name sei, sondern ein Geräusch...
    @eb: Och schade, 'Echnaton' hätte doch was gehabt, auch vom Flow her. ;-) Insgesamt hat Curt Goetz solch schichtenspezifischer Namenshuberei bereits in 'Das Haus in Montevideo' ein ewiges Denkmal gesetzt ("Herr Vater, Lohengrin popelt!")

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