Mittwoch, 3. April 2013

Alles eine Frage des Willens



Konservative und neoliberale Kreise nehmen ja gern für sich in Anspruch, als einzige einen klaren, schonungslosen Blick auf die Wirklichkeit zu besitzen, wohingegen verblendete Linke als geborene Utopisten die Augen vor eben dieser Wirklichkeit verschlössen und sich die Welt so lange zurechtträumten, bis sie zu ihren spinnerten Vorstellungen passe. So ist aus diesen Kreisen ebenfalls recht häufig zu hören, wer nur wolle, der fände auch Arbeit. Denn Arbeit gäbe es sehr wohl für alle Willigen, das wahre Übel unserer Zeit sei jedoch, dass die faulen, überversorgten Arbeitslosen sich lieber vom aufgeblähten Sozialstaat alimentieren ließen, anstatt sich mal zu bewegen. Es ist immer wieder nett, wenn solches ideologisches Blabla mit der Wirklichkeit kollidiert.

Großbritannien zum Beispiel ist längst nicht mehr das Land der Teetrinker. Seitdem amerikanische Kaffeevertickerketten mit ihren monströsen To-Go-Gebinden höchst erfolgreich auf der Insel aufgeschlagen sind, haben sich die dortigen Heißgetränkvorlieben drastisch gewandelt. In den meisten britischen Städten ist es inzwischen weit schwieriger, eine Tasse Tee zu bekommen als einen trinkbaren Cappuccino (sofern man keinen Wert auf kulturelle Mindeststandards wie eine Prozellantasse legt, versteht sich).

Weil es sich um einer der letzten auf der Insel noch boomenden Branchen handelt, hat vor kurzem die Kaffeebarkette Costa Coffee für eine neue Filiale in Nottingham acht Stellen ausgeschrieben, davon fünf in Teilzeit. Es ging dabei um Jobs als Barista. So nennen diese hippen, urbanen Kaffeevertickerketten ihre Kaffeesieder, die in schicken schwarzen Schürzen die dampflokgroßen Maschinen zu bedienen und diverse Heißgetränke in Halbliterpappbecher zu füllen haben. Der Einstiegslohn liegt bei 7,15 Pfund pro Stunde, was bei einem momentanen Umrechnungskurs von 1,18 8,44 Euro entspricht.

Bevor nun hierzulande jemand zu träumen anfängt: Selbst wenn man London mit seinem teils grotesken Immobilienpreisen außen vor lässt, sind die Lebenshaltungskosten in Großbritannien alles in allem höher als bei uns, sodass ein nominell höherer Lohn durch geringere Kaufkraft weitgehend neutralisiert wird. Die eigentliche Pointe ist nun aber, dass für diese drei Vollzeit- und fünf Teilzeitstellen in einer mittelenglischen Provinzstadt innerhalb von zwei Monaten nicht weniger als 1.701 Bewerbungen eingegangen sind, also 212,63 pro Stelle. Es kommt nicht eben häufig vor, dass ich Mitleid mit Personalern bekomme.

Sicher, ein Einzelfall, doch vielleicht eine kleine Argumentationshilfe, wenn das nächste mal wieder jemand herumschwadroniert von arbeitsscheuem Gesindel und man müsse halt nur wollen.


Kommentare :

  1. Genau dieses Gelaber ist politisch gewollt , der Stammtisch ist natürlich zu bescheuert , um zu merken , daß er selber nur eingespannt wird , um "höhere" Interessen zu bedienen.

    Wohin führt denn der ganze Arbeitswahn?

    Ökologische Ressourcen werden geplündert , in existenzbedrohender Weise , der Mensch geht vor die Hunde , die vielbeschworenen Familien und alle anderen menschlichen Beziehungen ebenfalls , aber ein Teil der Leute redet dem Arbeitswahn das Wort - das ist nicht nur dumm , sondern sozial behindert.

    Die fleißigen Bienchen sind unser Problem , nicht die "Arbeitsscheuen".

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  2. "...ist die massenhafte Erfahrung, dass es die Realpolitiker in allen Machtzentren der Gesellschaft, den Banken ebenso wie den Regierungen, gewesen sind, die eine hochentwickelte Gesellschaftsordnung an den Rand der Katastrophe getrieben haben – nicht die Utopisten, nicht die mit dem Vorwurf der Realitätsferne geschlagenen Konstrukteure einer besseren Welt.

    - Oskar Negt, »Das Europa von heute und die Wirklichkeit von morgen«, Blätter, Ausgabe August 2012, S. 75

    Bringt es sehr gut auf de Punkt.

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    1. In der Tat, epikur. Auch die Selbsttäuschung so genannter Realpolitiker, als einzige ordentlich mit Geld umgehen zu können und keine Schulden zu machen, während Linke immer alles auf Pump finanzieren wollen, spricht zwar allen Fakten der letzten zwanzig, dreißig Jahre Hohn, wird aber immer noch gebetsmühlenartig wiedergekäut...

      @Art: Siehe dazu auch das jüngste Menschel-Geschmuse der Springerpresse, in denen wortreich ausgebreitet wird, wie rührend sich Mutti Merkel um den Kellner an ihrem Urlaubsort sorgt, der infolge des Sparkurses seinen Job verloren hat. Man kann gar nicht so viel fressen wie man kotzen möchte...

      http://www.bildblog.de/48040/bild-laesst-merkel-keine-privatsphaere/

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    2. Schon krass , wie leicht manche Leute auf dieses "Die ist eine von uns "- Ding hin geeicht werden können.

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    3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Tut mir leid, mein Post war eigentlich als Antwort und nicht als Kommenat gedacht. Habe mich wohl verklickt. Hier nochmals korrekt:

    Ich finde diese Aussagen von wegen "arbeitscheu" sehr diskreditierend für die Arbeitslosen. Im Blog wurde das Thema England angesprochen, diese Einstellung treffe ich aber leider auch bei mir auf der Strasse immer mal wieder an. Das traurigste finde ich, dass diese Aussagen meistens von Leuten kommen, die schon in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren wurden. Bei ihnen ist nämlich das Glück, dem sie ihren Wohlstand zu verdanken haben, noch viel offensichtlicher. Und auch wenn jetzt einer ankommt und behauptet, dass er sich selber hochgearbeitet habe, dann hat er wahrscheinlich einfach eine Riesenportion Glück abbekommen.

    Übrigens ein sehr guter Eintrag. Habe deinen Blog erst gerade entdeckt und werde mich wohl noch weiter darauf umsehen.

    peace out

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