Donnerstag, 11. April 2013

Coole Erzieher


Wie praktisch, dass Mobiltelefone inzwischen eingebaute Kameras haben. So kann man alles Interessante und Skurrile, das einem so begegnet, immer gleich im Bilde festhalten. Vorige Tage zum Beispiel, da stiefelte ich durch meine örtliche Stadtbibliothek, das kamerabewehrte, smarte Endgerät lautlos gestellt, versteht sich, und stolperte im Treppenhaus über folgendes Plakat:


Hey, cool! Wer keinen Bock hat, sich fürs Büro einen lästigen Schlips umzubinden und in ein spießiges Sakko zu schlüpfen, soll doch einfach mal Erzieher werden. Hammeridee! Verantwortlich für diese Imagekampagne zeichnen die örtliche AWO und der Bildungsträger Rebeq, unterstützt vom Europäischen Sozialfonds. Das ganze Projekt nennt sich übrigens 'Kids At Work'. Dort gibt es noch mehr Bildmaterial in der Art.

Sehen wir einmal großzügig darüber hinweg, dass eine generelle Abneigung gegen formelle Kleidung allein noch nicht bedeutet, für einen Beruf geeignet bzw. nicht geeignet zu sein. Ignorieren wir ferner die Tatsache, dass es, vorausgesetzt, ich habe das richtig verstanden, entgegen dem Namen des Ganzen, wohl irgendwie nicht darum geht, die Kinderchen ans Arbeiten zu kriegen, sondern vielmehr junge Erwachsene dazu, mit Kindern zu arbeiten. Man darf annehmen, dass diese Details auch den Machern dieses Aufrufs klar sind. Dass es fürderhin noch eine ganze Reihe anderer Berufe gibt, in denen sich von Dresscodes unbehelligt seine Brötchen verdienen lässt, vermutlich auch.

Abgesehen von der Mäkelei an solch kampangnentypischen Inkonsistenzen, wird da in der Tat ein ernstes Problem angesprochen: Seit diesem Jahr haben Eltern bekanntlich einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz (den sie sich freilich per Betreuungsprämie wieder abkaufen lassen können, so sie mögen). Leider herrscht vielen Kindergärten, Kitas und ähnlichen in Frage kommenden Einrichtungen arger Personalmangel. Vor allem der männliche Nachwuchs mag sich einfach nicht für den ebenso schönen wie verantwortungsvollen Beruf des Erziehers entscheiden.

Nun ist es ja nicht so, dass Erzieher/in kein schöner und verantwortungsvoller Beruf wäre. Im Gegenteil. Weil zudem die Anforderungen an kindliche Frühförderung immer größer werden, wird auch diese Tätigkeit immer anspruchsvoller und ist längst viel mehr als Babysitten gegen Geld. Auch steht seit langem die Forderung im Raume, mehr Männer für pädagogische Berufe unterhalb des Gymnasiallehrers zu gewinnen. Es hat nämlich die Erkenntnis um sich gegriffen, dass es nicht nur für kleine Jungs durchaus gesund ist, mit Bezugspersonen beiderlei Geschlechts aufzuwachsen.

In der Tat steht der Beruf des/der Erzieher/in nicht im allerbesten Rufe: Die Frauen, die ihn mehrheitlich ausüben, gelten zu Unrecht immer noch als bessere Kinderaufpasserinnen, die für Blindekuh und Topfschlagen bezahlt werden. Wie in vielen klassische Frauenberufen, sind Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten äußerst begrenzt bis nicht vorhanden. Weiterhin ist die Ausbildung in vielen Bundesländern keine duale, sondern findet an Berufsfachschulen statt. Das bedeutet, dass es keine Ausbildungsvergütung gibt, man für die Zeit der Ausbildung also finanziell irgendwie abgesichert sein muss. Und wo wir gerade von Finanzen reden, winken nicht zuletzt nach erfolgter Ausbildung in der Regel keine Gehälter, mit denen sich auf dicke Hose machen ließe.

Natürlich ist Geld nicht alles. Nur leben wir eben in einer Gesellschaft, in der Geld inzwischen fast überall alles ist. Wie befriedigend und sinnvoll die Arbeit mit Kindern sein muss, lässt sich daran ablesen, wie viele Frauen plus ein paar Männer sich das gern antun, ohne zuvörderst auf die Flocken zu schielen.

Auf Dauer wird aber kaum ein Weg daran vorbeiführen, Erzieherberufe auch in finanzieller Hinsicht deutlich aufzuwerten. Weil das aber kaum zu erwarten ist, weil Geld ja schließlich nicht alles ist, und einem dann so gar nix mehr einfällt, dann macht man eben eine Imagekampagne. Nützt zwar nichts, schadet aber auch nichts. An dem grundlegenden Problem des Ganzen ändert das nämlich nichts: Niemand kann sich etwas dafür kaufen, dass ein mies bezahlter Beruf angeblich voll obercool ist und nur von voll tollen Typen ausgeübt wird, die ganz sie selber sind.


Kommentare :

  1. Vielleicht hilft diese Kampagne ja zumindest dadurch, daß sie potentiellen männlichen Nachwuchs überhaupt erst mal auf die Möglichkeit, Erzieher zu werden, aufmerksam macht? Schule, Familie und Freundeskreis dürften diese Berufsoption ja eher weniger auf den Schirm bringen...

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  2. Meine Freundin ist seit bald zehn Jahren Erzieherin, hat das Montessori-Diplom, ist Facherziehrin für Integration und Sprachentwicklung. Ich betone das nicht, um zu posen oder auf dicke Hose zu machen, sondern um zu zeigen, dass man diesen Beruf durchaus qualifiziert und kompetent angehen kann. Die versuchte schnelle Umschulung der Schlecker-Frauen zu Erzieherinnen zeigte, dass dies oft nicht so gesehen wird.

    Zunächst ist der Beruf völlig unterbezahlt, wie Stefan richtig erwähnt. Er ist auch deshalb unbeliebt, weil er nicht nur körperlich, sondern auch psychisch sehr anstrengend ist. Schon mal viele Erzieherinnen jenseits der 60 Jahre gesehen? Die meisten fallen wegen Depression oder Burnout vorher aus. Dafür gibts als Dank dann kräftige Rentenabzüge.

    Das mit den Männern ist auch so ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es völlig richtig und wichtig, das Kinder auch männliche Bezugspersonen brauchen, auf der anderen Seite haben es Männer in einem frauendominierten Beruf sehr schwer. Alle Welt spricht nur davon, dass es Frauen als Tischler, Informatiker oder auf dem Bau nicht leicht haben, sich durchsetzen müssen und so weiter. Als Mann in einem sozialen Beruf ist es oft ähnlich.

    Es passiert z.B. nicht selten, dass Mütter und Väter nicht wollen, dass der männliche Erzieher ihre Tochter wickelt, mit auf Kita-Reisen fährt oder mit den Kindern in der Kita kuschelt (das wollen und brauchen alle Kita-Kinder!). Es ist also nicht nur das Geld, dass Männer vor so einen Beruf abschreckt.

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