Montag, 29. April 2013

Obersturmführer D.



Wenn es je eine televisionäre Verkörperung des korrekten deutschen Beamten gegeben hat, dann war es der von Horst Tappert gespielte Münchner Oberinspektor Stephan Derrick. Von 1974 bis 1997 taperte der glupschäugige Kriminaler mit dem schnarrig-markigen Nachnamen durch noble Villenvororte, klingelte an Türen („Robert, die Herren sind von der Polizei!“), spulte hölzerne Dialoge herunter („Frau von Markewitz, Ihr Mann ist tot.“ „Tot?“ „Er wurde ermordet.“ „Ermordet?“), spürte gefallenen Töchtern und untreuen Männern nach, stets in Begleitung seines treuen Adlatus Harry, der immer das neueste Produkt eines ortsansässigen Autoherstellers holen musste.

Stephan Derrick war offenbar exakt so, wie nicht wenige Deutsche ihre Beamten gern gehabt hätten: Unbestechlich, korrekt bis zur Langeweile, mausgrau und insgesamt so aufregend wie trocknende Wandfarbe. Als er auf späten PR-Fotos mit Dienstpistole posierte, wirkte das eher unfreiwillig komisch. Wie Etwa so, als drohte ein Achtjähriger mit einer Wasserpistole. Doch die freitäglich ausgestrahlte Betulichkeit schien anzukommen, denn Derrick blieb über zwanzig Jahre im Programm. Auch im Ausland war das biedere Gespann recht beliebt. Nicht nur schien das Gespann Derrick und Klein gewisse Sehnsüchte beim Publikum zu bedienen, sondern ihre Ermittlungen hatten möglicherweise auch so etwas wie eine befriedende Funktion: Kriminalität erschien meist nicht als Unterschichtenphänomen, sondern es wurde gezeigt, dass auch hinter der schmucken Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit gewaltig Mist gebaut wird.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit war es durchaus üblich, dass die, die beim Adolf was zu sagen und zu entscheiden hatten, relativ bruchlos ihre Karrieren fortführen konnten. Man meinte, keine Alternative zu haben, weil man glaubte, vor allem im Staatsdienst erfahrene Kräfte, ungeachtet ihrer Vergangenheit, dringend zu benötigen, um die junge Bundesrepublik aufzubauen. Die Beispiele sind zahlreich: Staatssekretär Globke war nur die Spitze des Eisbergs. Zahlreiche ehemalige Wehrmachtsoffiziere kamen in der Bundeswehr unter und der ehemalige Generalmajor Gehlen wurde erster Chef des Bundesnachrichtendienstes.

Kaum eine andere Figur im deutschen Fernsehen wurde so zum Alter Ego ihres Darstellers wie Derrick. Der zuvor mäßig bekannte Tappert verschmolz förmlich mit Derrick und versah seinen Schauspieldienst mehr als zwanzig Jahre und 281 Folgen lang so gewissenhaft wie der von ihm verkörperte Oberinspektor. Jetzt kam heraus, dass Tappert, wie 'Derrick'-Drehbuchautor Herbert Reinecker, in seinen jungen Jahren bei der Waffen-SS war. Zeit seines Lebens hat er die Öffentlichkeit im Dunkeln darüber gelassen. Es fragte auch niemand groß, weil die Privatperson Horst Tappert in der Öffentlichkeit eh nicht stattzufinden schien.

Das muss noch nichts bedeuten. Obwohl die Wahrscheinlichkeit hoch ist, war längst nicht jedes Mitglied der Waffen-SS zwangsläufig ein Kriegsverbrecher und muss nicht zwingend in die Shoah involviert gewesen sein. Möglicherweise findet sich ein Historiker, der die Akten aufarbeitet und Näheres darüber herausfindet. Auch steht es jeder mehr oder minder prominenten Person frei, sich öffentlich über ihre Vergangenheit zu äußern oder eben auch nicht. Eines aber wird schon jetzt deutlich: In Horst Tappert steckte wohl noch mehr westdeutscher Nachkriegsbeamter als man eh schon angenommen hat.

Irre mutig und ein echtes Zeichen aber die Entscheidung des niederländischen Fernsehsenders Max, die geplante Wiederholung von 'Derrick'-Folgen aufgrund der Vergangenheit des Hauptdarstellers abzusagen. Das wird Millionen hartgesottene niederländische Fans von Obersturmführer D. in Zeiten von DVD-Boxen,
Youtube und Video On Demand sicher empfindlich treffen. Sie werden sich schon noch besinnen, wen sie da gut finden.

 

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen