Samstag, 6. April 2013

Ode an den Unrentablen Regionalflughafen


Eine Antwort auf Georg Diez

Am Donnerstag wurde feierlich der 271 Millionen teure Flughafen Kassel-Calden in Betrieb genommen. Abgesehen davon, dass dieses Projekt ausnahmsweise pünktlich fertig gestellt wurde, gab es freilich auch Anlass zur Kritik. Der Airport wurde mit öffentlichen Mitteln in die Landschaft gepflastert und wird vor 2020 nicht kostendeckend arbeiten. In nächster Zeit werden wohl nur wenige Maschinen am Tag starten und landen. Unerhört! Verschwendung! Für so was zahlen wir Länderfinanzausgleich!, wird da geprötert. Solch spießiges Gemopper ist nicht nur kleinkariert, sondern auch im höchsten Maße unfair. Denn Flughäfen wie Kassel-Calden sind für den Flugreisenden ein Segen.

Internationale Flüge, vor allem das Drum und Dran auf Großflughäfen können eine echte Pest sein. Stundenlanges Schlangestehen, knüppelvolle Terminals, Sicherheitskontrollen, eine absurder und schikanöser als die andere, zu Tode rationalisiertes, überfordertes Personal, endlose Gänge, Warterei an der Gepäckausgabe und und und. Dabei geht es doch auch anders. Es gibt nämlich sehr wohl Flughäfen, auf denen sich wunderbar entspannt reisen lässt, wahre Oasen der Entschleunigung in diesen hektischen Zeiten. Und das Tollste: Man muss weder schwerreich noch ein Flugmeilen sammelnder Geschäftsreisender mit Williwichtig-Überflieger-Erzsenator-Status sein, um in diesen Genuss zu kommen. Im Gegenteil, ein so genannter Billigflug reicht völlig aus. Wer es also mit seinem ökologischen Gewissen vereinbaren kann, sollte überlegen, seine nächste Flugreise, wenn möglich, unbedingt auf einem Unrentablen RegionalflughafenTM anzutreten.

Nehmen wir nur den von mir aus nächstgelegenen Flughafen Dortmund. Was soll ich sagen, das Reisen dort ist ein Traum! Weil dort nur eine Handvoll Flüge pro Tag abheben, herrscht überall eine entspannte, fröhliche, geradezu herzliche Atmosphäre. Schlange stehen beim Check-in? Stunden vorher eintrudeln müssen? Kann man alles vergessen. Rein in die Abflughalle und sofort eingecheckt, so einfach geht Fußball. Man möchte die hübsche junge Frau, die einem beim Einchecken so strahlend zugelächelt hat, gern wiedersehen? Keine Sorge, sie wird sich nach Schließen ihres Schalters in aller Ruhe zum Gate begeben und dort das Boarding mit der gleichen Freundlichkeit abwickeln, weil Stress und Hektik ihr fremd sind. Sogar berufsunfreundliche Zeitgenossen wie Zollbeamte und Sicherheitskräfte versehen dort ihren verantwortungsvollen Dienst mit einem Lächeln auf den Lippen, ohne jeden Kommandoton am Leibe und beherrschen Vokabeln wie bitte und danke.

Sicher, es gibt ein paar Nachteile. Im Fall von Dortmund wäre das zum Beispiel, dass Stadt und Betreibergesellschaft es immer noch nicht hinbekommen haben, das Teil vernünftig an den öffentlichen Nahverkehr anzubinden. Auch die begrenzte Zahl an Flugzielen ist sicher nicht jedermanns Sache. Überhaupt funktioniert das bislang nur innereuropäisch. Wer aber die andere Seite des internationalen Flugverkehrs kennen gelernt hat, zum Beispiel wer von Luton eingeflogen kommt und dortselbst das volle Programm an Widrigkeiten abbekommen hat, der küsst im beschaulichen Dortmund den Boden vor Glück. Wenn es nach mir ginge, dann könnte es gar nicht genug Unrentable RegionalflughäfenTM geben.

Sicher, man könnte einwenden, die Dinger seien alles andere als wirtschaftlich und somit wahre Millionengräber für die öffentlichen Haushalte. Das mag sein, aber das ist, wie gesagt, nicht nur unfair, sondern auch kurzsichtig. Immerhin leben wir in einem Land, das genug Geld übrig hat und großzügig genug ist, um sich eine halbfertige, überflüssige Luxusphilharmonie, einen halbfertigen, überflüssigen Riesen-U-Bahnhof und einen fast fertigen Monsterflughafen vor den Toren der Hauptstadt zu leisten, auf dem auf absehbare Zeit überhaupt nichts los sein wird. In so einem Land dürften ein paar Unrentable RegionalflughäfenTM mehr oder weniger wirklich kein Problem sein.

Zudem sollte man auch Ersparnisse im Gesundheitswesen in die Rechnung einbeziehen: Unrentable RegionalflughäfenTM sind nicht nur Beton gewordene Antithesen zur völligen Durchkapitalisierung der Welt, zum allgemeinen Immer größer/höher/schneller/weiter!, sondern auch äußerst schlechte Biotope für Herzinfarkte und Burn Out.


Kommentare :

  1. Das mit der mangelnden Wirtschaftlichkeit dieser Flughäfchen ist so eine Sache, die verblasst aber wohl neben den genannten Projekten, die sich sehr gut auf der langen Bank eingerichtet haben.

    AntwortenLöschen
  2. Der Technologismus soll nicht ganz beseitigt, aber stark begrenzt werden. Es gibt viele Alternativen, siehe dazu meinen Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

    AntwortenLöschen