Dienstag, 28. Mai 2013

Der Goldene Heißluftballon 2013 geht an...


... Foodwatch!

Grundsätzlich sind Organisationen wie Foodwatch mir sympathisch, weil sie Verbraucher an den Stellen aufklären, an denen Werbung und Selbstdarstellung von Nahrungsmittelkonzernen eher schweigsam zu werden pflegen. Einmal im Jahr verleiht Foodwatch den Goldenen Windbeutel für die dreisteste Werbelüge der Lebensmittelindustrie. Nun ist auch das mir sympathisch, denn ich bin für größtmögliche Transparenz, weil ich finde, dass auf einem freien Markt die Kunden die Möglichkeit haben müssen, auch fundiert entscheiden zu können. So halte ich es für wünschenswert, Hersteller dazu zu verpflichten, Nährstoffangaben auf ihre Produkte zu drucken, die kein aufwändiges Kopfrechnen verlangen. Und obwohl selbst kein Vegetarier und auch kein Veganer, will es mir nicht in den Kopf, warum in Deutschland immer noch keine  Kennzeichnungspflicht für vegetarische oder vegane Produkte existiert, wie das in anderen Ländern längst üblich ist. Das wäre nichts weiter als ein Gebot der Fairness. Man sollte nur nicht übers Ziel hinausschießen oder bei seinen Attacken jedes Maß verlieren.

Kaum vorstellbar scheint es heute mehr, dass noch in den 1970ern Schokoriegelhersteller ungestraft werben konnten mit dem Slogan, ihre Fett- und Zuckerziegel seien aufgrund des hohen Kohlenhydratanteils ein wertvoller Energielieferant. Heute stünde sofort eine Armada aus Ernährungsberatern Gewehr bei Fuß und würde mahnend darauf hinweisen, dass so ein Teil bereits ein Drittel des täglichen Energiebedarfs abdecke.  Obwohl, es ist noch gar nicht so lange her, da warb ein namhafter Hersteller von Fruchtgummis mit einer Dame, die hauptberuflich bei der Suche von Topmodels aktiv ist sowie mit der Behauptung, die beworbenen Leckereien seien fettfrei. Okay.

In diesem Jahr geht der 'Goldene Windbeutel' von Foodwatch an die Firma Rudolf Wild GmbH & Co. KG, Hersteller des vor allem bei Kindern beliebten Erfrischungsgetränks 'Capri-Sonne'. In der Begründung heißt es, das Gesöff enthielte schockierende sechseinhalb Stück Würfelzucker pro 200ml-Folienbeutel. Weiterhin wage das Unternehmen es, Kinder als bevorzugte Zielgruppe nicht nur mit Methoden klassischer Werbung, sondern auch im Internet und  als Sponsor unter anderem von Abenteuercamps und im Internet ins Visier zu nehmen. Ja Potz Blitz!

Ich will diesen Hersteller nun weiß Gott nicht heiligsprechen oder unnötig in Schutz nehmen, aber wenn es allein um den Zuckergehalt geht, dann steht 'Capri Sonne' im Vergleich zu anderen, als gesund apostrophierten Getränken gar nicht mal so schlecht da: Die meisten Fruchtsäfte – auch die Naturreinen und die aus dem Bioladen – enthalten von Natur aus meist deutlich mehr Zucker. Am meisten enthalten Multivitamin- und Traubensäfte mit zum Teil mehr als zehn Stück Würfelzucker auf 0,2 Liter. Von ebenfalls als gesund geltenden Kakaogetränken, die von Kindern ebenfalls meist heiß geliebt werden, sollte man lieber schweigen. Jetzt will ich nicht bestreiten, dass schonend verarbeitete Säfte noch andere segensreiche Substanzen enthalten, die man in Softdrinks vergeblich sucht. Aber Zucker ist Zucker. Und wenn man allein den Zuckergehalt als Aufhänger für eine ausgewachsene Kampagne nimmt, dann erscheint mir das ein wenig verlogen und vor allem als willkürlich.

Ferner wird moniert, es sei geradezu unmoralisch, sich im Rahmen von Sponsoring und Marketingaktionen an Kinder heranzuwanzen, um ihnen die Zuckerplörre möglichst früh schmackhaft zu machen (Foodwatch spricht in diesem Zusammenhang von „anfixen“ – bin ich der Einzige, dem bei solchen Analogien ein wenig unwohl wird?). Also bitte! Abgesehen von der Frage, ob irgendein Anbieter von Produkten, die speziell auf Kinder schielen, eigentlich irgend etwas anderes macht: Lauert der Capri-Sonne-Onkel etwa, wie einst Onkel Dittmeyer, Kindern auf, um ihnen das Zeug aufzunötigen? Nein, diese Aktionen finden an Schulen, Kindergärten, in Ferienlagern und Sportvereinen mit Zustimmung bzw. Billigung der Erziehungsberechtigten statt. Und wenn nicht, dann haben die Eltern alle Möglichkeiten, sich zu beschweren. Wie reagierten Foodwatch und alle besorgten Verbraucher, wenn ein überregional tätiger Hersteller von Bio-Fruchtsäften ähnliche Aktionen veranstaltete? Müsste die brave Ökokelterei auch einen 'Goldenen Windbeutel' fürchten? Vermutlich nicht.

Man kann es natürlich anrüchig finden, ein zuckerhaltiges, künstlich aromatisiertes Getränk speziell für Kinder unter dem Motto zu vermarkten, das Zeug sei gesund und das auch noch mit entsprechenden Marketingaktionen zu flankieren. Ferner ist es sicher korrekt, darauf hinzuweisen, dass es Gesünderes geben dürfte als den täglichen Konsum von 'Capri-Sonne'. Nur sollte das dann bitte auch für alle anderen, ähnlich zusammengesetzten Fruchtsaftgetränke gelten, wie sie zum Beispiel als Handelsmarken bei Discountern stehen. Und eben auch für Bio-Fruchtsäfte.

Nicht zuletzt hat man sich mit dem 'Capri-Sonne'-Hersteller ein leichtes Ziel gesucht. Es ist im weitesten Sinne ein mittelständisches Unternehmen, das durch schlechte Presse und Imageverlust sehr schnell in ernste Schwierigkeiten geraten kann und schon zu Kreuze kriechen wird. Weit Größere haben es schon vorgezogen, vor einer Empörungswelle in die Knie zu gehen, mochten die Vorwürfe auch noch so falsch und fragwürdig sein. Was ist eigentlich mit den ganz großen der Branche, deren Produkte für Kinder mindestens genau so attraktiv sind und dabei noch süßer? Mag man sich mit denen nicht anlegen? Warum eigentlich?

Nein, Kampagnen wie die von Foodwatch gegen 'Capri-Sonne' sind inhaltlich sicher nicht falsch, aber man sollte sie auch nicht überschätzen. Im Zweifel macht ein Preis wie der 'Goldene Windbeutel' vor allem mächtig Lärm und liefert  Zeitungsredaktionen einmal im Jahr eine Meldung, mit der sie sich als kritisch und verbraucherfreundlich darstellen können. Bestenfalls bringt so was vielleicht ein paar von denen ein wenig zum Nachdenken, die sich noch nie ernsthaft Gedanken gemacht haben über den Zuckergehalt der Getränke, die sie ihren Kindern so verabreichen. Solche Aktionen erreichen vor allem jene Leute, die diesbezüglich eh nicht mehr aufgeklärt werden müssen, es mit Engagement verwechseln, wenn sie im Internet irgendwas liken oder für etwas voten und sich vor allem ein gewaltiges  Ei kloppen auf ihren Gratismut und ihr Bessermenschentum.


1 Kommentar :

  1. Mir geht es ähnlich, grundsätzlich finde ich foodwatch und deren Ziele gut, aber sie vergreifen sich oft im Ton und schießen über das Ziel hinaus. Das wirkt manchmal irgendwie bösartig-hysterisch und macht die Leute unsympathisch.

    Und was an Capri-Sonne so furchtbar schlimm sein soll, dass man da förmlich Schaum vor dem Mund kriegen muss, erschließt sich mir auch nicht so richtig.

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