Freitag, 10. Mai 2013

Drecksklamotten


„Es ist ein Märchen moderner Wirtschaftstheorie, dass Kapital dorthin fließt, wo man besonders effizient arbeitet. Tatsächlich fließt es dorthin, wo es die meisten Gewinne bringt. Wo man plündern kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.“ (Lalon Sander)
Im Zusammenhang mit Lebensmitteln hieß es hier bereits des Öfteren, es liege letztlich an der Kaufentscheidung jedes Einzelnen, womit Hersteller bestimmter Waren durchkommen und womit eben nicht mehr. Wenn mir das Geschäftsgebaren zum Beispiel der Fleischindustrie zuwider ist, dann habe ich als Verbraucher prinzipiell die Möglichkeit, dort einzukaufen, wo ich mir Halte- und Schlachtbedingungen anschauen kann. Ist mir das zu teuer, dann kann ich meinen Fleischkonsum reduzieren, sodass ich mir am Sonntag guten Gewissens etwas richtig Gutes leisten kann oder ich kann gleich ganz auf Fleisch verzichten. Möchte ich mich nicht gemein machen mit Erzeugern von Discountgemüse, die illegale Einwanderer unter menschenunwürdigen Bedingungen ausbeuten, kann ich auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen einkaufen. Oder einfach beim Discounter auf die Herkunftsangabe achten und entsprechende Ware liegen lassen.

Klar, man kann mir vorwerfen, bloß weil ich mich so verhielte, stürbe kein qualgezüchtetes Schwein weniger und kein Billigstarbeiter weniger müsse leiden, ich würde mir lediglich für ein paar Euro mehr ein gutes Gewissen kaufen wollen. Das mag sein. Nur bin ich damit längst nicht mehr allein, was der wachsende Anteil an Bio-Lebensmitteln in normalen Supermärkten beweist. Außerdem pflegen Hersteller und Anbieter inzwischen sehr sensibel auf so etwas zu reagieren. Man kann also schon etwas tun. Wie auch immer, es bleibt festzuhalten, dass man bei Lebensmitteln im Prinzip die Wahl hat, wen und was man mit seinen sauer verdienten Flocken unterstützen möchte oder nicht. Die Frage, ob man sich das im Einzelfall immer leisten kann, steht auf einem anderen Blatt und ändert daran nichts. Anders sieht es bei Kleidung aus.

Viele Textilien werden momentan in Bangladesh hergestellt. Der Textilsektor macht 75 Prozent des Außenhandelsvolumens von Bangladesh und 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Wegen fehlender Sicherheitsstandards starben im November 2012 100 Menschen beim Brand einer Kleiderfabrik. Am 7. Mai sind in Sabhar 900 Menschen beim Einsturz einer Textilfabrik ums Leben gekommen, Hunderte wurden verstümmelt und sind für den Rest ihres Lebens invalide, und das in einem Land ohne Sozialsystem. Nicht nur die Löhne der meist weiblichen Belegschaften sind auch für dortige Verhältnisse schandbar niedrig, auch die Fabriken werden zwecks Gewinnmaximierung so billig und so groß wie möglich gebaut und es werden so viele Arbeiterinnen wie möglich auf einen Quadratmeter gepfercht. Eine Wahl haben sie nicht. 81 Prozent der Bevölkerung Bangladeshs muss von weniger als zwei Dollar am Tag leben.

Matt Wuerker via Daily Kos
Wenn man als Verbraucher bei Lebensmitteln wegen vorgeschriebener Herkunftsangaben wenigstens ein bisschen Einfluss nehmen kann, ist das bei Kleidung anders. Abgesehen von einem einzigen großen Hersteller, der bekanntermaßen in Deutschland fertigt und einigen Ökolabels, die gerade mal lokale Bedeutung haben, lässt sich also kaum ermitteln, unter welchen Bedingungen die Ware gefertigt wurde. Es wäre theoretisch möglich, zum Beispiel T-Shirts in Bangladesh fertigen zu lassen, ihnen in Deutschland eine Applikation maschinell aufzunähen und sie dann als Made in Germany anzubieten. Ich trage gern schwarze T-Shirts. Die gibt es in mehreren Preisklassen: Zwei bis drei Euro zahlt man bei einem Textildiskonter. Es gibt Eigenmarken von Bekleidungsgeschäften für sechs bis acht Euro pro Stück, Markenprodukte liegen bei 20 bis 30 Euro. Das vorläufig obere Ende der Fahnenstange bildete ein Exemplar eines teuren Modelabels für nicht weniger als 150 Euronen, das ich letzten Herbst auf der Düsseldorfer Kö gesichtet habe.

Wie aber kann ich als Kunde, der sich mit Ausbeutung nicht gemein machen will,  herausfinden, ob ich nicht nur bessere Rohstoffe, Verarbeitung, umweltfreundliche Färbemittel und ordentliche Löhne für die Arbeiter kaufe oder ob ich einfach nur ein paar Leute noch reicher mache, wenn ich zur teureren Ware greife? Kaum. Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der großen Hersteller sind oft nicht mehr als Feigenblätter. Die einzige Möglichkeit ist, Bekleidungsgeschäfte nur noch mit einer Informationsbroschüre bewaffnet zu betreten und dann auch bereit zu sein, alle möglichen Läden abzuklappern.

Der Konsument hat es also in der Hand? Nicht immer. Außerdem dient das Konsumentenverhalten vielen Anbietern von unter fragwürdigen Bedingungen hergestellter Ware inzwischen als bequemer Schwarzer Peter: Ja, wir sind uns im Klaren, dass es da Probleme gibt, aber leiderleider will der Kunde es nun einmal billig. Wir würden ja gern, aber die Lohnkosten wären dann so hoch, dass wir unsere günstigen Preise nicht mehr halten könnten. Denken Sie doch auch mal an die sozial Schwachen im Lande. Eine Näherin in Bangladesh bekommt für ihre Arbeit umgerechnet 20 bis 30 Euro pro Monat. Das reicht dort gerade einmal, um die Miete für die Hälfte eines engen Zimmers zu bezahlen. Die Lohnkosten schlagen bei Kleidung mit etwa einem Prozent zu Buche. Würde man den Näherinnen, wie von Hilfsorganisationen gefordert, 50 Euro bezahlen, dann stiege der Ladenpreis zum Beispiel für ein T-Shirt am Ende vielleicht um ein, zwei Cent. Zwänge man die Hersteller, halbwegs menschenwürdige Standards in den Fabriken umzusetzen, vielleicht noch einmal um ein paar Cent.

Zudem das Preisargument eh lachhaft ist. Der bereits erwähnte Boom von Bio-Lebensmitteln zeigt, dass es durchaus nicht wenige Verbraucher gibt, die bereit sind, mehr als unbedingt nötig für bestimmte Waren auszugeben, wenn sie ihnen denn auch angeboten wird.

Kommentare :

  1. Ich ärgere mich vielmehr über den grundsätzlichen Gedanken, der Verbraucher solle es durch seine Kaufentscheidung selbst in die Hand nehmen, wenn er ethische Standards haben will. Weshalb? Auf diese Weise wird Moral zu einem Artikel wie jeder andere auch. Höherwertiger Stoff? Ok, kostet aber extra. Ohne Ausbeutung hergestellt? Ok, kostet aber extra. Und am Ende soll allein der (selbst unter mitunter erheblichen finanziellen Zwängen stehende) Konsument freiwillig für die Moral bezahlen, wenn der Hersteller schon nicht freiwillig zahlen will. Oder aber keiner zahlt und Schwamm drüber...
    Da sind mir im Grunde harte gesetzliche Regelungen und Kontrollen lieber.

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  2. Ich finde das ehrlich gesagt auch zu einfach und wird der Realität nur schwer gerecht. Auch wenn es die linksgrünen Bestverdiener nicht wahrhaben wollen: es gibt genug Menschen in unserem Land, die können nicht ständig Bio und Öko einkaufen. Und das ist auch keine Entschuldigung, sondern finanzielle Tatsache.

    Davon abgesehen hat die gekaufte Besser-Esser-Konsum-Moral auch eine Kehrseite. Wie oft habe ich erlebt, dass sich besagte Menschen, dann nicht mehr groß politisch interessieren oder engagieren. Vorbei sind die Zeiten aktiven politischen Protests, wo man sich regelmäßig getroffen hat, sich in Themen eingearbeitet hat, Flyer verteilt, Menschen mobilisiert, Demos organisiert etc.

    Heute kaufen sie Bio-Lebensmittel und Öko- bzw. Fair Trade Klamotten. Sie kaufen sich damit ein vermeintlich gutes Gewissen. Einfach ein bisschen mehr Geld ausgeben, bei Facebook eine Petition ausfüllen, via Twitter einen Einzeiler raushauen und abends mit dem smartphone ein bissl shitstormen oder bei Facebook "liken" - und schon ist man ein besserer Mensch. So einfach geht das heute. Ohne großen persönlichen Aufwand.

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  3. @Thomas: Interessanter Aspekt. Habe ich so noch gar nicht gesehen. Mir kam es jedenfalls darauf an, dass dieses "Der Kunde will es so" meistens eine arg vorgeschobene Sache ist, um solche Zustände zu rechtfertigen.
    @epikur: Ja, das stimmt, diese Besser-Esser-Biokunden können zuweilen ausgesprochen nerven, das ist zweifellos die Kehrseite der Medaille.

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  4. Die immerwährende Frage:

    Können wir uns eine bessere Welt herbeikaufen?

    http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2012/07/kann-ich-eine-bessere-welt-herbeikaufen.html

    Grüße, Duderich

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