Montag, 13. Mai 2013

Hinter den Fassaden


Allen Jubelmeldungen über Jobwunder und allen Horromeldungen über Fachkräftemangel zum Trotze ist Arbeit ein knappes Gut. Immer, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, kann das für die Nachfrageseite übel enden. Wie es Tucholsky schon sagte: Es ist wie im Krieg – wer die Butter hat, wird frech. Daher gilt für den, der sich Arbeit suchen muss, erst einmal an sich zu arbeiten. Da bieten dann so genannte Bewerbungsberater, -coaches oder -trainer ihre Dienste an. Oder so genannte Karriereberater. Die Seminarangebote sind so zahlreich wie die Buchhandlungen voll sind mit entsprechender Lektüre.

Das Problem vieler solcher Bewerbungs- oder Karriereratgeber ist, dass sie oft, gewollt oder nicht, dem ratsuchenden Leser das Gefühl vermitteln, er sei im Zweifel nichts, die Firmen, bei denen er sich bewirbt, hingegen alles. Sie predigen Eigenmarketing, Selbstoptimierung und Anpassung an teils absurde Standards, nach dem Motto: Sie wollen schließlich was von denen. So stricken sie an der Legende mit, nach der ein bezahlter Job nicht etwa ein Geschäft zu beiderseitigem Nutzen ist, sondern eine Wohltat, eine Gnade, für die man sich den lächerlichsten Ritualen unterwerfen muss und für die man, wird sie einem denn zuteil, die Gnade, dankbar zu sein hat.

Zu den erfreulichen Ausnahmen gehört Martin Wehrle. Als einer der wenigen seiner Zunft ist er oft auf der Seite der Arbeitnehmer. Der langjährige Karrierecoach ist viel herumgekommen in deutschen Firmen und ist zum Schluss gekommen, der Fisch stinke vor allem vom Kopfe her. Dem entsprechend ist sein Urteil über die Arbeit vieler Führungskräfte vernichtend und sein Mitgefühl mit Arbeitnehmern, die unter ihnen zu leiden haben, groß. Firmen, in denen unfähige Chefs ihr Unwesen treiben, bezeichnet er rundheraus als Irrenhäuser. Zu lesen ist das in seinen Büchern 'Ich arbeite in einem Irrenhaus' (2011) und 'Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus' (2012). Letzteres fiel mir beim Besuch meiner bewährten örtlichen Stadtbibliothek in die Hände. Am Wochenende habe ich es zur Hand genommen und nicht mehr weglegen können. Was es dort zu lesen gibt, erfüllt einen mit einer Mischung aus Staunen, Lachen und Göbelnmüssen. Man will einfach nicht glauben, zu was erwachsene Menschen, die wählen, Auto fahren und einen Waffenschein beantragen dürfen, sich so alles hinreißen lassen, wenn man ihnen nur ein wenig Macht gibt.

Von Blöd-Sparern ist die Rede, deren blinder Sparwahn angeschlagene Firmen erst recht in den Abgrund reißt, von Sexprotzen, die kollektive Puffbesuche organisieren und die Kosten geschickt über Spesen abrechnen, vom Dieter-Bohlen-Prinzip bei der Bewerberauswahl, von den Abgründen der Leiharbeit, die er weitestgehend für verbrecherische Sklaventreiberei hält, von Gehaltsdrückern, die jede Frage nach einer Gehaltserhöhung als persönlichen Angriff betrachten, sich selbst aber generöse Prämien gewähren und so weiter. Besonders angetan hat es ihm die Branche der Unternehmensberater. Er lässt einen ehemaligen Berater zu Wort kommen und man fasst sich an den Kopf, wie ein gesunder Mensch auf diese Abzockerei hereinfallen kann. Jedes Kapitel wird garniert von O-Tönen, die Wehrle massenhaft per Brief und E-Mail bekommt. Zusätzlich gibt es ein Irrenhaus-ABC von A wie Angeberei bis Z wie Zahlengläubigkeit und einen Chefidioten-Test.

Selbstredend sind Horrorchefs und Irrenhausstrukturen nicht nur in der Privatwirtschaft zu finden. Ausfälle wie der Wolfgang Schäubles, der seinen Pressesprecher öffentlich demütigte oder wie Merkels Kettenhund Pofalla, der den krebskranken Wolfgang Bosbach, wohl mit Einverständnis der Chefin, in coram publico übelst zusammenfaltetete, bloß weil er es gewagt hatte, über die Euro-Schuldenbremse eine eigene Meinung zu haben, werden als Paradebeispiele für schlechte Führung in der Politik angeführt. Aber auch im öffentlichen Dienst herrscht längst die Zweiklassengesellschaft, weil neue Mitarbeiter vielerorts nur noch über ausgelagerte Leiharbeitsfirmen eingestellt werden. Dort machen sie dieselbe Arbeit wie die regulär angestellte Kollegen. Für ein Drittel weniger natürlich.

Erfreulicherweise beherrscht Wehrle die Kunst der zynischen Sottise und des fiesen Vergleichs, was das Lesen oft zu einem Vergnügen macht. Sein Anliegen aber ist ernst und geht deutlich über das bloße Sammeln von Anekdoten hinaus. Wenn Interessenverbände von Arbeitgebern zum Beispiel über hohen Krankenstand herumjammern, dann sagt Wehrle ihnen: Selbst schuld! Schaut erst mal in den Spiegel. Es könnte nämlich an euch liegen, dass eure Leute reihenweise krank werden. Die Führungsetagen vieler deutscher Unternehmen betrachten ihre Mitarbeiter seiner Ansicht nach meist nicht als Kapital, erst recht nicht als Menschen, sondern als lästige Kostenfaktoren und beliebig austauschbare Schachfiguren. Sie verfahren allzu oft nach dem Prinzip Wasser predigen, Wein saufen und machen Millionen Arbeitnehmer krank. Und da hört der Spaß auf. Ist der Karrierecoach Wehrle am Ende gar ein Linker? Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Überraschend ist aber, wie nahe er oft linker Kapitalismuskritik ist, die schon lange auf solche Missstände hinweist.

Wer das Glück hat, von inkompetenten Führungskräften weitestgehend verschont zu sein, trotzdem aber von seinem Job gelegentlich genervt ist, dem vermögen Wehrles Irrenhaus-Geschichten das Weltbild wieder ein wenig gerade zu rücken und so tatsächlich so etwas wie Dankbarkeit aufkommen zu lassen. Wer von Praktiken wie den im Buch beschriebenen betroffen ist, dem bietet es den Trost, nicht allein und vor allem nicht verrückt zu sein. 'Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus' ist keine Wissenschaft und auch kein Ratgeber, dafür sind die Ratschläge, die es bietet, schlicht zu dürftig. Geplagten Angestellten, die den Absprung in eine andere Firma nicht hinbekommen, bliebe nur, sich mit Humor zu wappnen und eine emotionale Distanz aufzubauen. Man kann das ein wenig mager finden. Dennoch, ein teilweise schockierender, auf jeden Fall aber erhellender Blick auf das Elend, das sich täglich hinter deutschen Firmenfassaden abspielt.
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Martin Wehrle: Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus. Berlin: Econ 2012. 313 S., 14,99 €.


Kommentare :

  1. Die Führungsetagen vieler deutscher Unternehmen betrachten ihre Mitarbeiter seiner Ansicht nach meist nicht als Kapital, erst recht nicht als Menschen, sondern als lästige Kostenfaktoren und beliebig austauschbare Schachfiguren.

    Vor Jahren schrieb ich in einer Satire:

    "Mit großer Genugtuung müssen wir Ihnen nun mitteilen, dass wir Sie nun wirklich nicht brauchen. Selbst für umsonst, sind sie zu teuer. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Schließlich sind unsere Mitarbeiter ein Kostenfaktor, den es zu reduzieren gilt. Da wären wir ja schön blöd noch jemanden einzustellen, selbst für umsonst."

    Die Realität holt mittlerweile jede Satire ein.

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  2. Fürchte , viele Chefs haben gar nicht so sehr die Kohle im Sinn (das auch ) , sondern häufig die blanke Herrschsucht.
    Die Art , wie insbesondere in Deutschland mit Mitarbeitern verfahren wird , läßt sich anders nur schwer erklären.

    Aber auch erhebliche Teile der Arbeitnehmerschaft sind selber mit schuld an der Misere.
    Wer - im Kollegenkreis! - mal was Kritisches sagt , bekommt sehr häufig zuerst Ärger mit den lieben Kollegen und kann es durchaus erleben , abgeblockt oder sogar ausgegrenzt zu werden.

    Das gilt nicht für alle , aber sehr wohl für einen bestimmten , leider weit verbreiteten Typus , der das Arbeitsleben vor allem betrachtet als Rattenrennen um die Gunst der Oberen.

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  3. @Art: Ja, Herrschsucht und die Lust am Kujonieren ist tatsächlich eine Erklärung. Denn das meiste Gebaren, das da beschrieben wird, ist gegen jede Vernunft...
    @epikur: Teilweise hat die Realität die Satire nicht nur eingeholt, sondern überholt.

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