Mittwoch, 22. Mai 2013

Sie sind unter uns (1)


Heute: The Eye - der ICE-Hypnotiseur

Wer immer geglaubt hat, Superhelden mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten seien bloß eine Erfindung der amerikanischen Populärkultur und somit reine Fiktion, möge sich nicht täuschen. Auch in unserem Alltag tummeln sich entsprechend begabte Menschen. Nur sieht man es ihnen nicht auf den ersten Blick an. Daher muss man sie zu erkennen wissen. Nehmen wir zum Beispiel The Eye, den ICE-Hypnotiseur (das Schöne an der Sache ist ja, dass man als Entdecker den Namen auswählen darf). Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Ein ICE-Hypnotiseur ist nicht etwa in der Lage, einem ICE-Triebzug seinen Willen aufzuzwingen. Zwar gibt es Menschen, die das können, doch sind die allgemein bekannt unter dem Namen Lokführer. Nein, ein ICE-Hypnotiseur sieht im Prinzip aus wie ein ganz normaler Fahrgast, doch vermag er allein mit der Kraft seines Blickes, ohne ein Wort und ohne erkennbaren Einsatz technischer Apparaturen, jeden beliebigen Mitreisenden in einen zuckenden, willenlosen, amorphen Zellhaufen zu verwandeln. Ich muss es wissen, denn ich bin einem begegnet.

Es war vor einigen Jahren. Mein geliebter Arbeitgeber hatte mich und einige Arbeitskollegen abkommandiert, nach Köln zu reisen. Wir sollten uns in jenes bedomte Epizentrum des Frohsinns begeben, um dort die Bildungsmesse 'didacta' näher in Augenschein zu nehmen. Für die Reise vom heimischen Ruhrgebiet ins benachbarte Rheinland beschlossen wir, die Dienste der Deutschen Bahn in Anspruch zu nehmen. In einem Anfall von Großmannssucht verschmähten wir jedoch die Coladosen nicht unähnlichen Regionalzüge und nahmen stattdessen den ICE. Dieses Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst, das der große Jochen Malmsheimer einmal so unnachahmlich als schneeweißes, hochglanzpoliertes Mobilitätszäpfchen bezeichnet hat.

Nun sind meine Erfahrungen mit dem Fernverkehrsangebot des erwähnten Dienstleisters eher spärlich, um nicht zu sagen, kaum vorhanden. Als Student bin ich einmal per normalem Intercity nach München gereist. Zwei Dinge sind mir in unguter Erinnerung geblieben: Zu meinen hat sich die schmerzhaft grelle, gelbgrüne Polsterung der Sitze im Großraumwagen mir nachhaltig in die Netzhaut gefräst. Ich habe mich seitdem des Öfteren gefragt, welcher ausgemachte Spaßvogel aus den Reihen der damals noch so genannten Deutschen Bundesbahn dieses spontane Migräneattacken auslösende optische Schwerverbrechen wohl zu verantworten hatte. Immerhin hatte ich seitdem immer eine plausible Erklärung zur Hand, wenn mal wieder irgendwo gefragt wurde, warum die Bahn bloß mit stetig sinkenden Fahrgastzahlen zu kämpfen hat. Weiterhin haben die Rituale der im selben Waggon mitreisenden Kegelclubs beiderlei Geschlechts sich mir tief eingeprägt. Seit diesem Tag weigere ich mich bis heute standhaft, deutsches Vereinswesen pauschal unter Kultur zu subsumieren.

Als ich nun im Essener Hauptbahnhof mit einem Anflug von Ehrfurcht den ICE betrat, fiel mir sofort auf, dass sich inzwischen einiges verändert hatte. Nicht nur war die Inneneinrichtung jetzt in deutlich dezenteren Farben gehalten, nein auch die Zusammensetzung der Fahrgäste war eine andere. Schienen früher neben den erwähnten Kegelclubs vor allem Rentner durch die Republik zu rollen, so hatte ich jetzt das Gefühl, nicht etwa in einem Großraumwagen, sondern in einem Großraumbüro gelandet zu sein. Schön, damals, zur Zeit meiner Tour nach München, waren Laptops noch die große Ausnahme und Handys so gut wie unbekannt. Mittlerweile jedoch scheinen Fernzüge zur normalen Reisezeit komplett von werkelnden Büro- und Businessmenschen übernommen worden zu sein. Konzentrierte, nur durch das leise Klickern von Tastaturen unterbrochene Stille lag über der Szenerie. Es sollte die Ruhe vor dem Sturm sein.

Eines aber hatte sich nicht verändert: Der Gang zwischen den Sitzreihen bot nach wie vor lediglich Platz für eine Person. Zumindest in der zweiten Klasse. Als wir unsere reservierten Plätze aufsuchten, ging noch alles glatt. Kurz hinter Düsseldorf aber überkam mich das dringende Bedürfnis, den Coffee To Go, den ich in Essen eingenommen hatte, wieder zu los zu werden. So machte ich mich auf den Weg zur nächsten Entsorgungszelle am Ende des Wagens.

Und da begegnete ich ihm im Mittelgang. Ihm, dem ICE-Hypnotiseur. Äußerlich fiel er nicht weiter auf. Er sah aus wie ein normaler älterer Herrn mit schon ziemlich graumeliertem Haar. Sein feinzwirnener Anzug, sein über den Unterarm gelegter grauer Sommermantel, die zusammengefaltete FAZ in der Hand sowie der kleine Trolley, der Zwiebelporsche der Generation Easyjet, den er hinter sich herzog, wiesen auch ihn als jemanden aus, der in wichtiger Mission geschäftlich unterwegs war. Seine Mission muss wirklich ausgesprochen wichtig gewesen sein. So wichtig, dass die Wichtigkeit der Mission sich offenbar voll und ganz auf seine Person übertragen hatte.

Ahnungslos schritt ich auf ihn zu. Meistens lösen sich solche Konfrontationen ja in Wohlgefallen auf, weil irgendwann beide lachen müssen und dann beide beiseite gehen. Garniert vielleicht mit Sprüchen wie: „Alter vor Schönheit!“, oder so ähnlich. Einer Dame ließe der Kavalier alter Schule eh den Vortritt. Der Typ jedoch rührte sich nicht von der Stelle und als ich ihn anlächelte, verzog er keine Miene, sondern guckte mich an, als habe ich ihm soeben ins Gesicht gefurzt. Dann bekam sein Gesicht Ähnlichkeit mit dem von Clint Eastwood in Für eine Handvoll Dollar. Gleich würde er bestimmt sagen: „Hier ist kein Platz für uns beide, Fremder!“, und den getreuen Peacemaker aus dem Holster ziehen. Weil ich solch unfreundliche, verspannte und humorlose Zeitgenossen nicht abkann, ließ ich es mal drauf ankommen. Ich machte keine Anstalten, auszuweichen. Das war so schlau nicht. Denn ohne ein Wort der Warnung knipste er seinen tödlichen Blick an. Er traf mich mit voller Wucht.

Obwohl seine Lippen sich nicht bewegten, war da plötzlich diese Stimme in meinem Kopf. Sie erinnerte mich an alte Technicolor-Bibelfilme. In ähnlichem Ton pflegte der Herrgott da immer zu Moses zu sprechen. Und die Stimme, sie sprach zu mir: „Wie kannst du niederes Wurmgezücht es wagen, mir, der ich so wichtig bin, wie du es in deinem ganzen verpfuschten Leben niemals sein wirst, nicht auf der Stelle Platz zu machen und beiseite zu springen? Was bringt dich jeansbehosten, unbeschlipstsen Proletarier, dich übel riechenden Auswurf der niederen Stände bloß auf die Idee, sich mir bei meinem unermüdlichen Einsatz für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland in den Weg zu stellen?“

Auf der Stelle wurde mir schwerst blümerant und ich verspürte am ganzen Körper ein unerträgliches Kribbeln. Mir wurde schwarz vor Augen. Schon hatte ich den Eindruck, dass die Beine mir wegsacken mochten, weil Bindegewebe und Stützapparat ihren Dienst versagten. Bald schon würde ich wehrlos und bewegungsunfähig am Boden liegen. Der Rest wäre dann ein Leichtes für ihn, nur noch ein Haufen unappetitlicher Urschleim würde von mir übrig sein, wenn er mit mir fertig wäre. In einer letzten, verzweifelten Willensanstrengung nahm ich alle verbliebenen Kräfte zusammen. Es gelang mir, den Blick abzuwenden und mich mit einem seitlichen Hechtsprung, dem jungen Boris Becker nicht unwürdig, in Sicherheit zu bringen.

Ich landete auf dem Schoß eines anderen Geschäftsreisenden, dem ich damit beinahe den Laptop zerschrottet hätte. Die Sache war mir selbstredend furchtbar peinlich und ich entschuldigte mich vielmals. Doch der Mann sah mich nur aus müden, wissenden, umränderten Augen an und sprach mit sonorer, väterlicher Stimme: „Ist schon in Ordnung, Junge. Sei froh, du bist einer der ganz Wenigen, die das überlebt haben. Ich fahre die Strecke jetzt seit fünf Jahren zwei Mal in der Woche. Ich habe Dinge erleben müssen, die ich dir jetzt lieber nicht erzähle. Und wenn du jetzt freundlicherweise aufstehen würdest, wäre ich dir sehr verbunden.“

Ich tat, wie mir geheißen und erinnerte mich daran, wo ich eigentlich hinwollte. Ich peilte die Feindlage. Von The Eye, wie ich ihn spontan getauft hatte, war nichts mehr zu sehen. Schwankenden Schrittes in der Nasszelle angekommen, tat ich erst, was zu tun war und flutete danach mein Gesicht mit einigen Litern des immerhin gratis feilgebotenen Nicht-Trinkwassers. Ein Blick in den Spiegel offenbarte zu meiner Erleichterung, dass keine Narben zurück geblieben waren. Zumindest keine Äußerlichen. Auch auf der zweiten Intercity-Reise meines Lebens hatte ich also etwas Wichtiges gelernt: Leg dich nie wieder mit The Eye an, dem Mann, der niemals lächelt. Oder du zahlst einen hohen Preis.


Diese kleine Reihe über Superhelden im Alltag soll eine kleine Abwechslung zum üblichen Geschäft sein und wird in loser Folge fortgesetzt.


Kommentare :

  1. Sowas von treffend...herrliche Beschreibung einer Situation , die es so ähnlich auch in Nahverkehrszügen zu bestaunen und zu erleben gibt.

    Da gibt es zum Beispiel auch den " Tür zu!!! " - Typen , der sich bewußt neben die Abteiltür setzt und nur drauf wartet , bis er wen anblaffen kann , ebenfalls zumeist gut gekleidet , nicht etwa offensichtlich assig oder so.

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  2. Clint Eastwood in "Spiel mir das Lied vom Tod"? Muss ´ne Neuverfilmung sein...

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  3. Uups - 'Für eine Handvoll Dollar' natürlich. Ist korrigiert, danke.

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  4. Hmmmm. Bin schwer gespannt, auf weitere Episoden der Superhelden im Alltag. Wirklich schön erzählt.

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