Dienstag, 7. Mai 2013

So eine kann doch nicht...


Klar, Beate Zschäpe ist nicht Adolf Eichmann. Doch wenn man sich das hilflose Gemenschel ihrer Nachbarn und auch einiger Medien anhört, von wegen, was für eine nette, kinderliebe Person sie doch gewesen sei und so eine könne doch unmöglich… - dann bekommt man Lust, Leonard Cohens Gedicht über Adolf Eichmann zu zitieren (umdichten ist nicht nötig, der Name Eichmann taucht nur im Titel auf):

Alles, was es über Adolf Eichmann zu wissen gibt 

Augen: . . . . . . . . . . . . . . Mittel
Haare: . . . . . . . . . . . . . . Mittel
Gewicht: . . . . . . . . . . . . . Mittel
Größe: . . . . . . . . . . . . . . Mittel
Besondere Kennzeichen: . . . . . . .Keine
Anzahl der Finger: . . . . . . . . . Zehn
Anzahl der Zehen: . . . . . . . . . .Zehn
Intelligenz: . . . . . . . . . . . Mittel

Was haben Sie erwartet?

Krallen?
Übergroße Schneidezähne?
Grünen Speichel?

Wahnsinn?

Natürlich ist Beate Zschäpe in der Nachbarschaft eine freundliche, umgängliche und hilfsbereite Frau gewesen. Was denn auch sonst? Was erwarten die, die sich darüber wundern oder die, die die Person, die Nachbarin, die Freundin damit vielleicht sogar in Schutz nehmen wollen, eigentlich? Oder ist es Scham darüber, die ganzen Jahre nicht bemerkt zu haben, mit wem man da Tür an Tür gewohnt hat? Wo aber steht geschrieben, dass eine Frau wie Beate Zschäpe, die höchstwahrscheinlich (ihr Urteil ist noch nicht gesprochen) eine Verbrecherin ist, auch privat ein brutales, dauerbesoffenes, Sieg Heil! bölkendes Scheusal mit Dolch zwischen den Zähnen sein muss?

Eine der unbequemsten Lektionen des blutigen 20. Jahrhunderts ist, dass Bildung und Kultur im Zweifel vor gar nichts schützen. Niemand, der in der Schule mit klassischer Bildung vollgestopft wurde, korrekt mit Messer und Gabel essen kann oder tiefgründig über Kunst zu parlieren versteht, wird allein dadurch zu einem edleren und besseren Menschen. 1914 ließen sich honorige Professoren zu infamen Hasstiraden gegen England und Frankreich hinreißen. Unter den übelsten NS-Mordbrennern waren gebildete, kultivierte Menschen, die seitenweise Goethe, Schiller, Shakespeare auswendig zitieren konnten. Es soll SS-Leute gegeben haben, die Kinder streng ermahnten, niemals ein Tier zu quälen, da es Schmerz empfinde. Dieselben SS-Leute waren bei Juden und anderem lebensunwerten Leben weit weniger sensibel.

Auch anderswo findet man immer wieder überführte Schwerverbrecher, die schier in Tränen ausbrechen, wenn sie irgendwo ein süßes Kätzchen leiden sehen. Irgendwann müsste doch mal klar werden, dass die meisten Verbrecher die meiste Zeit über ziemlich normale Menschen sind. Zumindest äußerlich. Auch Menschen, die Kinder missbrauchen, sind in den seltensten Fällen verhaltensauffällige Soziopathen vom Rande der Gesellschaft, die mit der Bonbontüte auf Spielplätzen herumlungern. Klar, so was gibt es auch, genau so wie es solche gibt, die in Chatrooms Minderjährige anbaggern. Aber die meisten Fälle von Kindesmissbrauch passieren immer noch in Familien und werden verübt von nach außen hin in jeder Hinsicht unauffälligen Bürgern. Bürgern, die ihre Steuern zahlen, ihren Müll herunterbringen, Familie haben, vielleicht sogar ein nettes Häuschen und immer den Rasen mähen. So jemand kann doch unmöglich ein Kinderschänder sein, heißt es dann. Oder ein Terrorist.

Denn natürlich waren Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Terroristen. Es gehört zum Mindset von Terroristen, felsenfest davon überzeugt zu sein, dass es eine gerechte und gute Sache ist, wahllos oder gezielt Menschen zu töten. Alle Terroristen fühlen sich als Guerilla, als Avantgarde, die sich inmitten einer Umwelt bewegen muss, die ihrem Denken und ihren Taten gegenüber feindselig eingestellt ist und sie als verbrecherisch ansieht. Sie hat diese Stufe des Bewusstseins eben noch nicht erreicht, die breite Öffentlichkeit. Daher gilt es, so inkognito wie möglich zu leben. Das hat die RAF so gemacht, wenn auch nicht immer gekonnt, das hat die Hamburger Zelle um Mohammed Atta so gemacht und jetzt eben die NSU, deren Gesicht nach außen Beate Zschäpe war.

Nach allem, was man weiß, war sie unter anderem dafür zuständig, für ihre Kumpane Mundlos und Böhnhardt die Tarnung aufrecht zu erhalten: Wenn sie gefragt wurde, was die beiden eigentlich beruflich machten, sagte sie, sie würden für eine Computerfirma arbeiten. Das täten sie meistens zu Hause, daher säßen sie oft noch spät nachts am Rechner und müssten gelegentlich für ein paar Tage verreisen. Das genügte, um weitere Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ein bisschen rechte Symbolik fiel in dem Milieu, in dem sie sich bewegten, offenbar nicht weiter auf.

Die nach wie vor nicht nur auf dem Boulevard verbreitete Neigung, Verbrecher zu Monstern zu stempeln, zu entmenschten Bestien, das Nichtwahrhaben wollen, dass so eine die doch immer so nett gewesen ist, so was tun kann, zeigt, wie schwer sich immer noch viele tun, diese Menschen als Teil und als Produkt dieser Gesellschaft zu betrachten. Sie zu dämonisieren, lauthals zu fordern, sie wegzusperren und möglichst zu vergessen aber ist mindestens genau so gefährlich wie ihre Taten zu verharmlosen. Diese Leute sind im Zweifel weit normaler als viele denken.


Kommentare :

  1. Nun, während eines laufenden Prozesses widerstrebt es mir etwas bezüglich Zschäpe zu sagen. Aber bezüglich der Thematik kann ich dir nur absolut zustimmen. Eines der wohl am wenigsten aufgearbeiteten bzw. auch nur ansatzweise gesellschaftlich akzeptierten Umstände ist mit Abstand die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) inklusive der Ideologie der Sachlichkeit eines Adolf Otto Eichmann. Die pure Normalität in Person, - sachlich, objektiv, leistungsbezogen, systemintegriert effizienzdenkend, bei komplettem Verlust aller Menschlichkeiten, - ohne dies selber für sich zu empfinden. Das ist die Vergangenheit, die in Deutschland nie aufgearbeitet wurde. Und das macht mir Angst.

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    1. Stimmt, man lässt sich viel zu leicht von Fassaden blenden und hinterfragt zu wenig.

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  2. http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten887.html

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  3. Guter Artikel.

    "zeigt, wie schwer sich immer noch viele tun, diese Menschen als Teil und als Produkt dieser Gesellschaft zu betrachten."

    Wahrscheinlich ist genau das der Grund , warum es Vielen lieber ist , irgendwelche Monster-Merkmale zu suchen .
    Terror und Co. halten der selbstgefälligen Kleinbürgerlichkeit in allen Schichten allzu sehr den Spiegel vor, so mancher ahnt wohl mehr als ihm lieb ist , wie sein eigenes Verhalten hinter verschlossenen Türen und Phänomene wie der NSU zusammenhängen könnten...

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  4. Ein paar Anmerkungen zum Nachdenken.

    "Denn natürlich waren Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Terroristen."

    Drückt so ein Satz nicht schon das zweifelsfreie Urteil "Schuldig" aus?

    "Nach allem, was man weiß, war sie unter anderem dafür zuständig, für ihre Kumpane Mundlos und Böhnhardt die Tarnung aufrecht zu erhalten: Wenn sie gefragt wurde, was die beiden eigentlich beruflich machten, sagte sie, sie würden für eine Computerfirma arbeiten. Das täten sie meistens zu Hause, daher säßen sie oft noch spät nachts am Rechner und müssten gelegentlich für ein paar Tage verreisen."

    Ich vermute mal, dieses "man weiß" wurde Funk, Fernsehn und Zeitung entnommen. Oder hat hier jemand mit Frau Beate Zschäpe persönlich gesprochen, oder diese Informationen (z.B.im Fernsehen) aus ihrem Munde - mit eigenen Ohren - gehört?

    Ich bin der Meinung, um ein Urteil fällen zu können müssen alle Möglichkeiten, auch die eventuell entlastenden, durchdacht und alle Unwägbarkeiten ausgeräumt werden.

    Was, wenn die ganze Sache ganz anders abgelaufen ist?
    Wem nutzt dises NSU-Szenario eigentlich?

    Solte mir jetzt jemand das Etikett "rechte Ecke" anheften, bitte nur zu. Menschen diesen Formates kann ich nur bemitleiden.

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  5. Als Hr. von Schirach mal gefragt wurde,warum er solche Verbrecher verteidigt,hat er gesagt,dass diese in erster Linie Menschen sind.Von Vorverurteilungen hielte er nichts!So sehr mich diese Verbrechen erschüttern,so sehe ich es genauso.Solange es kein Urteil gibt,gilt die Unschuldsvermutung.Und das ist gut so!!Lynchjustiz,Todesurteile,Vorverurteilungen haben in einer gesunden Demokratie nichts zu suchen.Ich wünsche den Richtern,Staatsanwälten und auch den Verteidigern Weisheit und einen klaren Verstand,auf das sie sich von rechten/gerechten Weg ablenken lassen.

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    1. natürlich wünsche ich ,dass sich Richter/Staatsanwälte und Verteidiger nicht vom rechten/gerechten Weg ablenken lassen^^

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