Samstag, 4. Mai 2013

Szenen aus der Leistungsgesellschaft


Wir leben bekanntlich in einer LeistungsgesellschaftTM. So wurde es uns jedenfalls  von Jugend an, ach was, von Kind auf beigebogen. Das bedeutet, ungeachtet der Person zählt nur, was jemand leistet, was jemand kann bzw. auch, wie gut jemand für die Arbeit, die er tut, geeignet ist.

Apropos Jugend: Weil es mich damals an ein Gymnasium verschlagen hatte, auf das vornehmlich das besser gestellte Bildungsbürgertum seine Sprösslinge zu schicken pflegte, lernte ich bald, wie heimtückisch die im heimischen Nordrhein-Westfalen regierenden Sozis das Leistungsprinzip torpedierten. Es war ein Lieblingssport konservativ eingestellter Lehrer und Mitschüler, über den angeblich allgegenwärtigen dunkelroten Filz herumzujammern. Kein Posten im im öffentlichen Dienst über dem eines städtischen Friedhofsgärtners sei ohne entsprechende Beziehungen und das richtige Parteibuch zu bekommen, hieß es immer. Buhuuu! Die Bürgerlichen hingegen, ja, die würden aufräumen, die fragten nicht nach Parteibuch, sondern bei denen zähle nur Leistung und Eignung.

In letzter Zeit jedoch ist mein durch solcherart Sozialisation nachhaltig geprägtes politisches Weltbild schwer ins Bröseln gekommen. Haben die doch tatsächlich herausgefunden, dass Filz mitnichten nur eine Spezialität kungelnder Roter ist, sondern dass es so was auch bei den Schwatten gibt. Und bei den Gelben auch! Nicht genug damit, dass in Bayern vor allem CSU-Abgeordnete Eheparter und andere Familienmitglieder angestellt und sie dafür aus öffentlichen Mitteln bezahlt haben sollen. Nein, auch Entwicklungshilfeminister Dickie Niebel (FDP) soll nicht weniger als 40 Parteifreunden Posten in seinem Ministerium verschafft haben. In exakt jenem Ministerium übrigens, das seine Partei 2009 noch abschaffen wollte. Ich bin erschüttert. Filz und Vetternwirtschaft ausgerechnet bei denen, die uns seit Jahrzehnten das Hohelied von der LeistungsgesellschaftTM singen und stets wacker gestritten haben gegen dunkelroten Nepotismus? Das kann nicht sein. Das darf einfach nicht sein. Was finden die als nächstes raus? Am Ende vielleicht, dass auch Spitzenpositionen in der Wirtschaft nicht immer nach Leistung vergeben werden?

Nein, es kann sich nicht um Vorteilsnahme handeln, denn wir leben in einer LeistungsgesellschaftTM. Das haben die immer gesagt. Das lasse ich mir von leistungsfeindlichen, neidzerfressenen Schmieranten nicht ausreden. Daher kann solche Stellenvergabepraxis eigentlich nur eines bedeuten: Es muss eine schier übermenschliche, entsprechend fürstlich zu honorierende Leistung sein, einen CSU-Abgeordneten in der Familie zu haben oder mit Dirk Niebel parteibefreundet zu sein. Jawoll, so muss es sein. Es kann gar nicht anders sein.

Anderer Kontinent, gleiche LeistungsgesellschaftTM: Yahoo!-Suprema Marissa Mayer hat für ein halbes Jahr an der Spitze des kriselnden Internetportals satte 28 Millionen Euro kassiert, heißt es. Rechnet man das einmal herunter, wobei man großzügigerweise davon ausgeht, dass die Dame an 150 Tagen dieses halben Jahres gearbeitet hat, weil sie allenfalls sonn- und feiertags mal frei macht und auch nur sechs Stunden täglich für Freizeit und Schlaf braucht (was schon ziemlich unfair ist, denn diese Leistungsträger schlafen ja eigentlich nie, die arbeiten quasi immer, auch im Schlaf), dann kommt man auf einen Stundenlohn von 10.370,37 Euronen. Weil wir bekanntlich in einer LeistungsgesellschaftTM leben, kann es einen nur staunen machen, was die Frau offenbar so alles wegarbeitet. Da sollten sich diese ewig jammernden ostdeutschen Friseurinnen mal eine dicke Scheibe abschneiden!


Kommentare :

  1. Eben, die Friseurinnen hätten ja bei der Berufswahl ein bisschen vorausschauender und leistungsorientierter agieren können. Dann wären sie jetzt vielleicht auch Yahoo!-Supremae oder so und hätten ihr derzeitiges Ostdeutsche-Friseurinnen-Jahresbrutto lange vor der ersten Mittagspause am ersten Arbeitstag bei Yahoo! schon in der Tasche. Das haben sie offensichtlich nicht gewollt, also sollen sie nicht meckern. Wozu hat man denn so eine Leistungsgesellschaft™, wenn Leistung™ sich nicht mehr lohnt?

    AntwortenLöschen
  2. Immer dieser Neid...

    AntwortenLöschen
  3. Pfff ...

    28 Mio. Euro per anno, also 56 Mio. im Jahr. Peanuts. Echte "Leistungsträger" sehen anders aus.

    Mein Klassiker (aus dem Kopf): Der Super-Leistungsträger der Superleistungsträger, ein Hedgefondsmanager aus den US & A, hatte umgerechnet knapp 3 Mrd. Euro (2010?) verdient. Selbstverständlich mit seiner eigenen Hände harter Arbeit. Im Schweiße seines Angesichts.

    Die aktuelle Liste der Supersupersuper-Leistungsträger übrigens hier: http://www.fondsprofessionell.de/news/bank-fonds/nid/22-milliarden-dollar-jahresgage-die-25-erfolgreichsten-hedgefondsmanager-2012/gid/1009362/

    Um überhaupt in die Liste der 25 bestverdienenden Hedgefondsmanager reinzukommen, musste man mind. 200 Mio. Dollar verdienen. Was sind da 56 Mio.? Die Spitzenkraft aller Leistungsträger hatte übrigens 2,2 Mrd. Dollar. Da kann man mal sehen, wieviel diese Leute leisten. Eine Putzfrau, mit ungewöhnlich hohem Stundenlohn von 10 Euro bei einer 40-Stunden-Woche und ohne Urlaub 52 Wochen im Jahr arbeitend, hätte vor über 200.000 Jahren, also beim Übergang vom Homo heidelbergensis zum Neandertaler, ihre Arbeit aufnehmen müssen, um diesen Verdienst (in der Gesamtsumme) zu erreichen.

    Beim gerade frenetisch gefeierten Mindestlohn im Friseurhandwerk, müsste die ostdeutsche Friseuese bei ihrem Mindestlohn von 6,50 noch so rund 100.000 Jahre FRÜHER angefangen haben zu arbeiten, um dasselbe wegzuarbeiten. Da kann man mal sehen, wieviel Leistungsträger leisten.

    AntwortenLöschen
  4. @gnaddrig/Art: So isses, verdammte Neidgesellschaft - wenn nur alle alles so proper richtig machen würden, dann wär auch Schluss mit dem ewigen Gejammer...
    @Lutz: Ja, Hedgefond-Manager scheinen so eine Art Superleistungsträger zu sein. Immerhin brauchen ja auch Leistungsträger einen Grund, darüber zu jammern, wie schlecht es ihnen im Vergleich zu anderen doch ginge und dass sie eigentlich für eine Handvoll Erdnüsse arbeiten...

    AntwortenLöschen
  5. Leute, Leistungsträger haben ganz andere, sehr viel kostenaufwändigere Bedürfnisse als die normalsterblichen Lumpenproletarier. Einmal wöchentlich (bei manchen täglich) müssen ausgiebige Drogen-Nutten-Partys bezahlt werden. Eine Villa, ein Grundstück oder eine Yacht ist was für Hängengebliebene - so richtig cool sind ein ganzer Fuhrpark an geilen Schlitten, eigene Flughäfen und Flugzeuge, Panzer, Jets sowie gleich eine ganze Insel sein Eigen zu nennen.

    Und falls man immer noch nicht weiß, wohin mit dem ganzen Schotter, dann wird halt im Welt-Casino gezockt. Und wenn dabei ganze Staaten, durch Bankenrettungen bankrott gehen, drauf geschissen. Hauptsache es macht Spass. Und dafür ist Geld ja da, oder?

    AntwortenLöschen