Freitag, 17. Mai 2013

Unterm Vordach qualmt's


„Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im wohlhabenden Bildungsbürgertum eine neue Bewegung, die gesunde Ernährung mit Lebensstil und Naturromantik verband, die Bewegung der Lebensreform. Man konnte es sich leisten, Natur als etwas grundsätzlich Gutes anzusehen und Lebensbedingungen einzufordern, die man als natürlichen Lebensstil definierte. Die Losung lautete: Zurück zur Natur. Es entstanden durchaus positive gesellschaftliche Neuerungen wie weniger steife Umgangsformen, bequemere Kleidung und ein entspannteres Verhältnis zum eigenen Körper. Aber wie immer, wenn sich Gruppenmoral bildet, setzen sich wirklichkeitsfremde Ideologien durch, zum Beispiel, wie die Naturvölker zu essen, nämlich angeblich vegetarisch und roh.“ (Gunter Frank)

„Eigentlich bin ich Kettenraucher, und dazu stehe ich. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen: Kommen Sie zu meiner Beerdigung und schmeißen Sie eine Schachtel Marlboro ins Grab.“ (Peter Zwegat)
Gestern Nachmittag war ich einkaufen. Selbstredend ist das eigentlich nicht der Rede wert, weil ich das jede Woche mache, wie Millionen andere auch. Eines war aber anders als sonst. Als ich bepackt die Niederlassung des Discounters meines Vertrauens verlassen wollte, kam gerade der heftigste Gewitterschauer des Jahres herunter. Das veranlasste mich und einige andere Kunden dazu, ein paar Minuten unter dem Vordach zu warten, bis der ärgste Regen nachließ, auf dass man nicht nass bis auf die Knochen beim Auto ankam. So weit, so normal. Doch dann zündete sich einer der Wartenden eine Zigarette an und dezentes Tabakaroma erfüllte bald den Zufluchtsort. Glaubt man offiziösen Verlautbarungen zum Nichtraucherschutz, dann handelte es sich dabei um nichts weniger als den Einsatz einer Massenvernichtungswaffe gegen Unschuldige. Und weil angeblich eine überwältigende Mehrheit dafür ist, dass in ihrer Gegenwart nirgends mehr geraucht wird, war zu befürchten, dass sogleich ein aufgebrachter Lynchmob sich formieren würde, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Vor Gericht wären dann später alle freigesprochen worden. Es war schließlich Notwehr! Und wir waren in Nordrhein-Westfalen, wo doch jetzt seit dem ersten Mai so gesund gelebt wird.

Und, was geschah? Nichts dergleichen. Niemand beschwerte sich, niemand machte demonstrativ „Öchö! Öchö!“, noch nicht einmal eine Nase wurde gerümpft. Es schien so, als sei es den acht bis zehn Leutchen, Männlein und Weiblein verschiedener Altersgruppen, komplett egal gewesen. Was war passiert? Hatte man all diesen bedauernswerten Menschen das Riechzentrum aus der Kalotte lobotomiert? War ich zufällig in die Jahreshauptversammlung des Clubs der Schmerzfreien geraten? Oder die der Anonymen Ignoranten e.V.? Ich meine, ich lebe in Nordrhein-Westfalen, wo doch diesbezüglich so dringender Handlungsbedarf bestand, dass jetzt in keiner gastronomischen Einrichtung mehr geraucht werden darf.

Vermutlich war es schlicht der ganz normale Alltag ganz normaler Menschen. Denn das Projekt einer komplett rauchfreien Umwelt ist das Projekt einer vergleichsweise kleinen, dafür umso lauteren und hervorragend vernetzten Minderheit, die sich Gehör zu verschaffen weiß und ihre Anhänger fast geschlossen mobilisieren kann. Darin ist sie vergleichbar mit der Hamburger Elterninitiative, die noch jeden Reformvorschlag im Schulwesen blockiert hat, damit ihre Sprösslinge weiterhin auf weitgehend migrantenfreie Gymnasien gehen können. Schaut man sich die Diskussionen unter einschlägigen Artikeln zu den Folgen des novellierten Nichtraucherschutzgesetzes in Nordrhein-Westfalen an, dann scheint die Stimmung inzwischen ein wenig zu kippen: Es finden sich mehr und mehr durchaus überzeugte Nichtraucher, die mit der alten Regelung, die Nichtraucher- und Raucherkneipen vorsah, sehr zufrieden waren, und denen die jüngste Verschärfung eindeutig zu weit geht. Dafür wird das selbstgerechte Geplärre der Ultras, jetzt auch noch die gezwungenermaßen vor den Kneipen stehenden Raucher zu verbannen von wegen Ruhestörung, immer lauter.

Deren Logik geht in etwa so: Angenommen, in einer beliebigen Innenstadt gäbe es unter zehn Kneipen nur eine einzige Raucherkneipe. Eine muffige, angeschmuddelte Spelunke, wie sie früher fast normal war. Alle anderen Läden wären komplett rauchfrei. Eine überwiegende Mehrheit würde sich mit der Situation vermutlich arrangieren. Auch die meisten Raucher haben inzwischen eingesehen, dass der Zeitgeist sich gedreht hat und verpfeifen sich weitgehend klaglos dorthin, wo sie noch dürfen. Nicht so der Antirauchtaliban: Er wird sich sich lauthals darüber beklagen, wie empfindlich man ihn in seiner Bewegungsfreiheit beschneide, bliebe ihm doch diese eine spezielle Kneipe verwehrt, wenn ihm plötzlich einmal der Sinn danach stünde, dort etwas zu trinken. Das findet er voll diskriminierend, irgendwie. Denn er ist schließlich ein besserer Mensch, der seiner Lebenserwartungsstatistik ein paar statistische Jährchen abpresst, das Gesundheitssystem weniger belastet und daher findet, jedes Recht darauf zu haben, stinkende, willens- und charakterschwache Süchtlinge als minderwertig ansehen. Dazu bieget er sich die aberwitzigsten Statistiken zusammen, wenn es Not tut.

Woran erkennt man Ideologen? Man könnte eine große theoretische Abhandlung verfassen, die einiges an systematischer Recherche erfordern würde. Das sprengt hier vielleicht ein wenig den Rahmen. Begnügen wir uns mit ein paar wenigen, eher wahllos zusammengestellten Gesichtspunkten. Ideologen erkennt man unter anderem an folgenden Anzeichen:
  • An der Überzeugung, es gebe so etwas wie eine unumstößliche, absolut richtige, vor allem ganz einfache Wahrheit und am aggressiven Vertreten derselben, wobei man selbst sich freilich ihrem Besitz dünkt.
  • An der Verwendung von Formeln wie: „Alle Experten sind sich einig.“ oder: „Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass...“
  • Am Anspruch, dass alle Welt sich gefälligst nach dieser einen, als unumstößlich postulierten Wahrheit zu richten hat
  • An der Generalunterstellung, alle, die diese Wahrheit nicht oder auch nur nicht ganz teilen mögen, seien im schlimmsten Fall gehirngewaschen oder haben im milderen Fall die Erleuchtung nur noch nicht erlangt. Verblendet sind grundsätzlich immer nur die anderen. 
  • An der völligen Weigerung, irgendeine abweichende Meinung auch nur gelten zu lassen bzw. jegliche abweichende Meinung als manipuliert oder von der Gegenseite gekauft zu betrachten.
  • An der Unterstellung, Zweifler pickten sich nur das heraus, was in ihr vorgefertigtes Weltbild passt, wohingegen das für einen selbst kategorisch ausgeschlossen wird.
  • An der Denunziation von Gegenargumenten als Gejammer.
  • An autoritärem Rumbrüllen oder an Gewalt- und Krankheitsphantasien („Ich hoffe, Sie bekommen Krebs und sterben unter Qualen daran, dann werden Sie schon sehen, wie recht ich habe!“), wenn der Gegner so überhaupt nicht spuren will und die Argumente ausgehen.
Man könnte sicher noch das eine oder andere finden, aber das sollte fürs Erste genügen. Wir reden hier, wie gesagt, nicht über die große Zahl der Menschen, die nicht rauchen und es zu schätzen wissen, dass sie abends unbelästigt ausgehen können, ohne sich Qualm auszusetzen und Rauchern ansonsten ihre Refugien gönnen. Nein, wir reden über die paar Fanatiker, die glauben, sie hätten ein Anrecht darauf, dass kein einziger Takakrauchpartikel mehr irgendwo ihre Schleimhäute streift und es sei ein Verstoß gegen elementarste Menschenrechte, wenn es doch einmal passiert.

Die obigen Punkte sind übrigens problemlos auch auf andere Bereiche des öffentlichen Diskurses anwendbar. Bin ich der einzige, der das beunruhigend findet?



Kommentare :

  1. Nee, bist du nicht der Einzige. Diese Grabenkampf-Extremisten findet man überall. Und ja, - sie haben etwas eindeutig fanatisch ideologisches an sich. Ob das nun der vollgläubige Wünschelrutengänger, ZweihunderProzent-Makrobiote, schwäbischer Dialekt an allen Schulen-Enthusiast, oder die mit Kunstpelz behängte 4711-Kölnisch-Wasser-Grüne, die in der einzigen Raucherkneipe unter 20 anderen Nichtraucherbeizen im Städtle, entrüstet nach dem Handy greift und den Bürgermeister persönlich anruft. Manchmal hab ich das Gefühl, dass so ein Hang nach religiösem Fanatismus für irgendwas, was man selber durchsetzen kann, ein purer Minderwertigkeitskomplex ist. Weil man endlich mal was gefunden hat, mit dem man sich komprimiert wichtig und mächtig fühlen kann, - oder aber, - weil ansonsten aufgrund mangelnder Beschäftigung mit irgendwas anderem, nur gähnende Leere herrscht.

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  2. Das Thema "rauchen" ist emotional sehr aufgeladen. Ich glaube auch nicht, dass viele Nichtraucher eine komplett "rauchfreie Umwelt" fordern, wie Du es formulierst (einige Spinner gibs überall), sondern einfach ein bisschen mehr Rücksicht verlangen. Etwas, dass Drogensüchtige (und nichts anderes sind Raucher, wie euphemistisch es man auch umschreiben mag), bekanntlich eher selten machen. Sie brauchen ihren Stoff, ihre Umwelt interessiert dabei nicht. Und genau das haben Nichtraucher jahrzehntelang ertragen müssen und schlagen nun, häufig völlig übertrieben - da stimme ich Dir zu, zurück.

    Eine Anekdote hierzu. In Berlin gab es vor ca. 10 Jahren eine regelmäßige Ansage auf den U-Bahnhöfen "Bitte nehmen Sie Rücksicht auf Nichtraucher", es herrschte dort auch Rauchverbot. Interessiert hat das niemanden. Es wurde überall gepafft, rauchfreie Zonen gab es faktisch nicht. Eine tolle Sache für Nichtraucher oder Asthmatiker, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen waren. Wer Raucher darauf hinwies, dass man nicht ständig den Qualm im Gesicht haben möchte, wurde dumm angemacht oder als Gesundheitsfanatiker beschimpft.

    Dann wurden 10 Euro Strafe eingeführt und schwupps wurden die Bahnhöfe weitestgehend rauchfrei. Mir muss also niemand was über Toleranz, Rücksicht und Verständnis von Rauchern erzählen - die meisten haben sie nicht. Insofern habe ich wenig Mitleid mit Rauchern, wenn sie nun gezwungen werden Rücksicht zu nehmen. Schlimm genug, dass es erst soweit kommen musste.

    Weitere Anekdoten hierzu vielleicht an anderer Stelle ;-)

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