Samstag, 15. Juni 2013

Ein Augapfel am Tag bringt den Doktor auf Zack


Gar schmackhaft kann ein Apfel sein. Vorausgesetzt, es handelt sich um keinen turbogezüchteten Wassersack und der brave Erzeuger hat nicht zu tief in den Giftschrank gegriffen. Darüber hinaus sind Äpfel gesund, stecken voller Vitamine und haben wenig Kalorien, sodass die Branche der Ernährungsberatung sich gar nicht mehr einkriegt ob der segensreichen Effekte des Kernobstes. Dass einige Leute, nebenbei bemerkt, Äpfel überhaupt nicht vertragen, ist etwas anderes und würde hier den Rahmen sprengen. Japanische Jugendliche scheinen da offenbar etwas falsch verstanden zu haben. Denn die lecken sich seit Neuestem, so ist zu hören, gegenseitig die Augäpfel ab zum Zwecke sexueller Stimulation. Lecker! (Schön, das Wortspiel funktioniert wohl nur im deutschen Sprachraum, weil der Augapfel vermutlich nur hier Augapfel heißt. Wie der ungelenke Reim im Titel, bloß ein schamloser Versuch meinerseits, ums Verrecken einen originellen Einstieg zu finden und Aufmerksamkeit zu generieren.)

Zahlreiche Organe des deutschen Qualitätsjournalismus berichteten pflichtschuldigst mit jener bewährten Mischung aus Ekel und wohligem Voyeurismus. Ja, was täte die Medienwelt bloß ohne diese Meldungen darüber, was die Jugend schon wieder Bizarres treibt? Wenn's dann auch noch irgendwie mit Sex zu tun hat und aus den USA oder Japan kommt - Bingo! Den Japanern traut man ja eh so ziemlich alles zu. Ist Japan doch bekanntlich ein Land, in dem man rohen Fisch verzehrt, klapprige Kernkraftwerke baut und sich ein Kurzschwert ins Abdomen rammt, wenn man mal was verbockt hat, nöch? Und sogleich sind auch die unvermeidlichen Experten zur Stelle, die mit mahnend erhobenen Zeigefingern vor den erschröcklichen Folgen solchen Treibens warnen. Übrigens ist in Timbuktu gerade eine Tür zugefallen.

Als ob es etwas Neues wäre, dass Jugendliche die absonderlichsten Dinge treiben. Sei es aus Überdruss, aus Langeweile, aus Rebellion, aus Neugierde, als Provokation, als Mutprobe oder einfach, um cool zu sein bzw. um dazu zu gehören. Letztens sah ich doch tatsächlich ein paar Adoleszente, wie sie ohne Helm Fahrrad fuhren. Tss, tss, tss. Und kein Sprecher des Bundesverbandes der Unfallchirurgen weit und breit, der vor den möglichen Folgen hätte warnen können. Nicht auszudenken! Ich erinnere mich noch gut an ähnliche Katastrophenmeldungen, wie zum Beispiel die, dass angeblich massenweise Schüler sich gegenseitig per Kompression des Brustkorbes in die Ohnmacht treiben. Oder wie exzessives Tauschen von Pokemón-Kärtchen den Nachwuchs millionenfach am Lernen hindert. Und jetzt ist eben Augen auslecken angesagt. Na und? Solche Phänomene pflegen so schnell wieder zu verschwinden wie sie gekommen sind. Jede Wette, die Welt geht davon wieder mal nicht unter und die ophthalmologischen Praxen quellen nicht über. Außerdem immer noch besser als Augen auskratzen.

Weil jede Generation neu darin sei, alt zu sein, denke jede von ihnen, als sei es das erste Mal, mit der Jugend ginge es echt abwärts, meinte der kluge Matthias Lohre einmal. Immer wieder erheiternd ist es nämlich, wenn Erwachsene kopfschüttelnd die Stirn in Sorgenfalten legen über solches Treiben, um dann mit schwärmerisch verklärtem Blick von den teils lebensgefährlichen Dummheiten zu erzählen, die sie selbst in ihrer Jugend so angestellt haben. Immer mit dem Hinweis, man habe ja auch weiß Gott viel Mist getrieben damals, aber auf so eine blöde Idee sei man wirklich nicht gekommen. Aha. Neidisch?

Aber abgesehen davon, was kapieren diese Agenturabschreiber eigentlich nicht? Würden sie über so etwas gar nicht erst berichten, dann bliebe das die Schnurre von ein paar abgedrehten Japanerinnen, die wohl bald die Lust daran verlieren würden, weil niemand hinguckt und kein Schwein sich aufregt. Zumal eine Bindehautentzündung zwar unangenehm ist, aber keineswegs lebensbedrohlich. Sie ist meines Wissens gut behandelbar und man kann sich auch beim unsexuellen, gesunden Baden im Meer schnell eine einfangen. Wenn man nun unter dem Deckmäntelchen der Chronistenpflicht regelmäßig ein Riesentrara um solche Bagatellen veranstaltet, dürfte das nur dazu führen, dass es erst recht interessant wird und auch hierzulande die Kids anfangen, sich an den Glupschern rumzulullern. Mission erfüllt. Vielen Dank auch und zurück zur Tagesordnung, bitte.



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