Mittwoch, 26. Juni 2013

Juhu, wir sind wettbewerbsfähig!


In den letzten Tagen wurden im Fernsehen zwei Sendungen ausgestrahlt, die einen Blick hinter die Kulissen zweier Branchen hierzulande geworfen haben. Da war einmal Michael Niebergs vom NDR produzierte Dokumentation aus der Reihe 'Die Story im Ersten' über Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie. Dann kam auf RTL - ja, auf dem RTL - aus der Reihe 'Team Wallraff' ein überraschend guter Beitrag über die Arbeit von Zimmermädchen in deutschen Hotels. Zwar sind Wallraffs Verkleidungskünste legendär, aber eine Frau von Anfang zwanzig bekäme nicht mal er überzeugend hin. Daher wurde eine Redakteurin, die sich sonst beim Banalitäten-Magazin 'extra' verdingt, unter der Ägide Wallraffs undercover und mit versteckter Kamera ausgestattet als Zimmermädchen losgeschickt.

Beide Sendungen machen deutlich, wie sich das Dauergerede von der Wettbewerbsfähigkeit in der Praxis auswirkt. In immer mehr Branchen heißt das, Lohndumping zwecks Gewinnmaximierung und Kostenminimierung bis zu einem Punkt voranzutreiben, an dem Menschen bloß noch austauschbare, quasi rechtlose Produktionsmittel ohne Persönlichkeit sind. Vielleicht noch weniger. Eigentlich hatte man so was seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eigentlich überwunden geglaubt. Man fragt sich, ob es nicht ehrlicher wäre, gleich die Sklaverei wieder zuzulassen oder die Leibeigenschaft. Das hätte immerhin den Vorteil, dass niemand mehr über die Zustände, die sicher nicht nur dort herrschen, noch groß drumherum reden müsste.

In vielen Großschlachthöfen in Norddeutschland herrschen Zustände, die sich langsam wieder denen in den berüchtigten Chicagoer Fleischfabriken annähern. Die meisten Arbeitskräfte sind osteuropäische Wanderarbeiter, die über Subsubunternehmer per Werkvertrag für Hungerlöhne schuften und in marode Massenquartiere gepfercht werden, wofür ihnen selbstverständlich noch Geld abgezogen wird. Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht, die Arbeiter werden je nach Bedarf aus den Betten geholt und in die Fabrik gekarrt. Soziale Standards sucht man meist ebenso vegebens wie Arbeitsverträge. Wer sich beschwert, bekommt schon mal Morddrohungen zu hören.

In Hotels wirkt der Kontrast zwischen glitzernder Fassade und dem Schattenreich dahinter noch schärfer. Die Zimmermädchen auch in den besten und teuersten Hotels sind, wie die Fleischzerleger, oft bei Subunternehmen angestellt. Die bekommen pro Zimmer eine Pauschale vom Hotel und sie bezahlen auch die Frauen pro Zimmer, obwohl eigentlich Stundenlöhne vorgeschrieben sind. In einem Haus musste fast drei Zimmer pro Stunde schaffen, wer auf den gesetzlichen Mindestlohn in der Gebäudereinigungsbranche kommen wollte. Weil das eigentlich überhaupt nicht zu schaffen ist, arbeiten die Frauen deutlich länger als vereinbart. Unentgeltlich natürlich, was ihren Stundenlohn dann schon mal unter vier Euro drückt. Wer überhaupt noch die Kraft hat, dagegen aufzumucken, wird entweder sofort gefeuert oder mit Psychoterror gefügig gemacht.

Rein betriebswirtschaftlich haben diese Strukturen für die Schlachthöfe und die Hotels natürlich so ihre Vorteile: Würden sie die Zimmermädchen und Zerlegearbeiter direkt beschäftigen, käme das deutlich teurer. Sie müssten Sozialabgaben zahlen, Urlaub gewähren, krankheitsbedingte Ausfälle ausgleichen und so weiter. Indem sie eine Fremdfirmen beauftragen, mit denen sie Festpreise pro Einheit vereinbaren, sparen sie nicht nur eine Menge Geld, sondern lagern auch jegliches unternehmerische Risiko aus und können zudem noch ihre Preise viel bequemer kalkulieren. Auch rechtlich ist man fein raus. Kommen nämlich tatsächlich einmal Kontrolleure dahinter, was läuft, dann können die Betreffenden auf die Subunternehmer verweisen, die sie doch nach bestem Wissen und Gewissen angeheuert und die ihnen Mindestlöhne, Sozialleistungen etcetera garantiert hätten.

Auch jeglicher journalistischen Kritik an diesen Praktiken lässt sich so problemlos begegnen. Man kann jederzeit auf die Vertragsbedingungen verweisen, die man mit dem Subunternehmen ausgehandelt hat. So pflegen auch Bekleidungsketten zu reagieren, wenn man sie mit Recherchen konfrontiert, die unleugbar enthüllen, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen die Klamotten hergestellt werden, die sie sich in die Läden legen. Da können sie dann notfalls ganz überrascht und entsetzt tun: Wie? Was? Das ist uns völlig neu. Wir haben mit unseren Zulieferern strenge Auflagen vereinbart. Das kann also eigentlich überhaupt nicht sein, da muss es sich um einen bedauerlichen Einzelfall handeln. Wir werden das natürlich untersuchen.

Kritischen Betrachtern der Konsumindustrie ist das alles natürlich nicht neu. Wirklich überraschen kann das eigentlich nur die, die ernsthaft geglaubt haben, unwürdige Arbeitsbedingungen, Lohndrückerei und Lohnbetrug sowie das Fehlen so ziemlich aller sozialen Standards seien bloß ein Problem von Schwellen- und Drittweltländern. Und die glauben, in unserer von wirtschaftsfeindlichen Sozialisten überregulierten Arbeitswelt sei doch alles prima.

Das restliche Europa jedenfalls sollte sehr genau hinsehen, was gemeint ist, wenn es aus Deutschland wieder einmal heißt, man solle gefälligst endlich Reformen ins Werk setzen, die Arbeitsmärkte deregulieren, flexibilisieren und die Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger machen. Die deutsche Fleischindustrie jedenfalls ist auf dem Rücken ihrer entrechteten Lohnsklaven inzwischen so gnadenlos wettbewerbsfähig, dass die Konkurrenz in anderen Ländern, wo man Mindestlöhne zahlen muss und so etwas noch verboten ist, unter die Räder kommt. Der nächste Exportschlager des Exportweltmeisters.

Und wer sich jetzt noch selbstzufrieden über den Lachs streicht, weil er ja schließlich was anständiges gelernt und schön alles richtig gemacht habe im Leben – wir leben schließlich in Freiheit, wo sich jeder einen ordentlichen Job suchen kann, nicht wahr? - der möge sich lieber nicht zu früh freuen. Seine Branche könnte als nächste dran sein.



Kommentare :

  1. Dass Unternehmer mit solchen Konstrukten (Auslagerung des unternehmerischen Risikos an Subunternehmer, Einsparung von Sozialabgaben usw.) arbeiten, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, und man muss sich deshalb nicht wundern, dass sie das nach Kräften ausnutzen.

    Dass sie sich damit indirekt auf Kosten der Allgemeinheit bereichern: geschenkt, das gehört ja mittlerweile fast zum guten Ton. Dass sie dann aber baff erstaunt tun und behaupten, von den Zuständen bei den Subunternehmern habe man gar nichts gewusst, ist eine Unverschämtheit.

    Die Hotels wissen ja genau, wieviel sie pro Zimmer zahlen, und sie wissen auch, wie lange man für ein Zimmer braucht, wenn man es anständig machen will. Und dass die Verantwortlichen in den Hotels nicht wissen sollen, zu was für erbärmlichen Stundenlöhnen die gezahlte Zimmerpauschale führt, lasse ich mir nicht erzählen. Die wissen ganz genau, was läuft. Wüssten sie es nicht, würden sie wegen Inkompetenz gefeuert.

    Vollends zynisch wird es dann, wenn angesichts realer Stundenlöhne von 2 oder 3 Euro Kommentare kommen wie: "Die verdienen hier mehr als sie zuhause kriegen würden. Die machen das gerne und füttern davon noch die Verwandtschaft durch." Da ist Chicago wirklich nicht mehr weit. Eine Schande für ein Land, das sich als zivilisierten, sozialen Rechtsstaat sieht.

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  2. Da gab es doch schon so einiges in der Geschichte..Unternehmer blenden gerne aus,dass Unterdrückungen immer zu großen Umbrüchen führt.Bauernaufstände,Sklavenaufstände,Aufstand der Weber,franz.Revolution,Oktoberevolution,jetzt Strassenkämpfe in etlichen Ländern.Rebellionen entstehen immer aus einer Summe von Ungerechtigkeiten.Mag sein,dass eine Rebellion niedergeschlagen wird,aber etliche von den Unterdrückern beissen dabei ins Gras.Will so ein Hotelier,oder Schlachthofeigner gerne an der nächsten Laterne hängen?(Mal krass ausgedrückt)Im Übrigen arbeite ich in einem Hotel(Familienbetrieb)Auch unser Chef muss Geld damit verdienen.Doch im Gegensatz zu den Großen weiß er,dass ein zufriedener Angestellter seine Arbeit gut macht,mitdenkt und keine LmaA Einstellung hat.Viel wert,um sich von 08/15 Betrieben zu unterscheiden.

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  3. @gnaddrig: Oh ja, das klassische Sextouristen-Pädo-Argument: "Ich habe ja auch Gutes getan, denn ohne mich wäre das Kind doch verhungert." *kotz*
    @ritick: Da liegt der Hase im Pfeffer. Es ist ohne weiteres möglich ein Hotel, ein Luxushotel zumal, gewinnbringend zu betreiben und seine Angestellten trotzdem ordentlich zu bezahlen. Die Gäste werden sich wohl kaum massenhaft, sagen wir, vom Ritz-Carlton in Berlin (kam in der Sendung vor) abwenden, wenn die Zimmerpreise nicht bei 245, sondern bei 250 Euronen anfangen. Aber die Kästen gehören internationalen Kapitalgesellschaften.
    Beim Fleisch sieht es ein wenig anders aus. Es ist nicht nur wirtschaftliche Not, sondern oft auch Bequemlichkeit, die Leute zum SB-Discounterkram greifen lässt (kann mich selbst nicht immer davon freisprechen). Beim Metzger gibt es bessere Ware für vielleicht ein, zwei Euros mehr. Aber der Umweg!

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  4. "Und wer sich jetzt noch selbstzufrieden über den Lachs streicht, weil er ja schließlich was anständiges gelernt und schön alles richtig gemacht habe im Leben "

    Das ist auch einer dieser Punkte , warum die Spaltung so leicht betrieben werden kann - und wenn ihre Branche dann tatsächlich dran ist , stehen sie verwundert herum , "ich hab doch brav gemacht , was mir gesagt wurde."

    Ganz ehrlich , das ist sogar eine der sympathischen Seiten des Neoliberalismus , die Anbiederei eines Teils der Mittelschichten wird nicht belohnt, bestenfalls wird sie benutzt.

    Frei nach Brecht , "der Neoliberalismus ist der verdiente Mörder des Mittelstands."

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