Freitag, 12. Juli 2013

20 Prozent - auf nichts mehr


Am härtesten trifft die Insolvenz der aufdringlich werbenden Baumarkt-Kette Praktiker zweifellos die ca. 20.000 Mitarbeiter. Sollten die blaugelben Märkte demnächst alle dicht machen, dann werden Konkurrenten, wie schon im Fall Schlecker, sich bald darauf einige gut gehende Filialen unter den Nagel reißen. Daher werden einige ehemalige Praktiker-Mitarbeiter sich sicher bald in der Montur eines anderen Anbieters wiederfinden. Nur eben längst nicht alle. Und auch die, die das Glück haben, woanders unterzukommen, werden höchstwahrscheinlich Nachteile in Kauf nehmen müssen. Niedrigere Löhne, befristete Verträge, prekäre Arbeitsverhältnisse und möglicherweise längere Anfahrtswege, um nur drei zu nennen. Ein paar wenige werden sich vielleicht sogar besser stellen als zuvor. Das ist ihnen nur zu wünschen.

Was die Ursachen der Praktiker-Pleite angeht, war in der Presse meist zu lesen: Die Billig-Strategie des Ladens ("20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung!") ist nicht aufgegangen. Geiz ist geil! und immer nur noch billiger funktionieren eben auf Dauer nicht. Das geht irgendwann zu Lasten der Qualität des Angebotes und der Qualifikation der Mitarbeiter, was dann letztlich Kunden vergrault. Das ist natürlich nicht ganz falsch. Man kann ferner sagen, dass solche Konzentrationsprozesse in einer Marktwirtschaft etwas ziemlich Normales sind. Pleiten, Preiswettbewerbe und Rabattschlachten hat es immer gegeben, wenn auch vielleicht weniger häufig und weniger aggressiv. Nicht ganz falsch auch das. Aber eben auch nicht ganz richtig.

So wenig es stimmt, allein Praktiker als Billigheimer hinzustellen, so unfair ist es, den Deutschen pauschal eine Schnäppchenmentalität anzudichten. Wer sich in Baumärkten umschaut, stellt fest, dass das Preisniveau der großen Ketten in etwa so ausgeglichen ist wie beispielsweise im Lebensmitteldiscount. Jede Kette hat ihre günstigen Eigenmarken, beim übrigen Angebot ist mal beim einen etwas billiger als woanders, mal ist es anders herum. Praktiker stach da nicht besonders hervor (das mit den 20 Prozent war eh meist Blendwerk). Fragt sich, warum man sich bei solchen Analysen immer um einen Aspekt herumdrückt, nämlich den, dass der Kuchen, von dem der Einzelhandel seine Gewinnstücke abschneidet, nicht größer wird. Mit anderen Worten: Dass die ganzen Jubelmeldungen vom Wi-Wa-Wirtschaftswunderland Deutschland, vom Jobwunder und dem großartigen Konsumklima zumindest in Bezug auf die Kaufkraft vieler Konsumenten schlicht Quatsch sind.

Dass die Arbeitsbedingungen in Teilen des Einzelhandels seit Jahren eher schlechter werden als besser, ist weder Zufall noch unbedingt auf die Inkompetenz oder den bösen Willen raffgieriger Manager zurückzuführen. In einer Volkswirtschaft, in der die Reallöhne des Großteils einer zahlenmäßig weitgehend stabilen Bevölkerung seit zwanzig Jahren sinken oder bestenfalls stagnieren, kann im Einzelhandel nur prosperieren, wer anderen zu deren Lasten Kunden abjagt und im Zweifel alles immer noch billiger macht. Das kann durch Zentralisierung geschehen, zum Beispiel beim Einkauf oder in der Logistik, vor allem aber durch Senken der Personalkosten. Wo sonst sollen Überschüsse herkommen? Auf lange Sicht aber muss immer irgendwo wer auf der Strecke bleiben.

Die ersten Opfer dieser Entwicklung waren kleine, inhabergeführte Tante-Emma-Läden, danach kamen alt eingesessene Fachgeschäfte dran. Dann gerieten die klassischen Supermärkte durch die Discounter zunehmend unter Druck. Jetzt scheint auch hier ein Ende der Fahnenstange erreicht und der Verdrängungswettbewerb hat auf den Discountsektor übergegriffen. Paradoxerweise dürften es gerade Baumärkte gewesen sein, die lange Zeit von sinkenden Reallöhnen profitiert haben. Sie verkauften denen, die, freiwillig oder nicht, bei Renovierungsarbeiten und anderen praktischen Tätigkeiten in Haus und Garten, lieber selbst Hand anlegten, weil sie sich Handwerker nicht leisten konnten oder wollten, das nötige Material.

Man kommt sich anmaßend vor, weil man zu meinen scheint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Dabei geht es nur um volkswirtschaftliche Zusammenhänge, die so simpel sind, dass sogar ich sie verstehe. Es finden sich genügend Menschen, die das Gerede vom Modell Deutschland, vom Fachkräftemangel und der Lokomotive Europas für bare Münze nehmen. Es gibt immer noch genug arbeitende Menschen, die glauben, mit einer Nullrunde seien sie noch gut bedient, weil sie ja nichts weniger hätten und den anderen ginge es schließlich noch schlechter. Es gibt immer noch genug, die sich einreden lassen, die Binnennachfrage sei nicht so wichtig, weil wir doch Exportweltmeister sind. So lange sich daran nichts ändert, wird schon bald die nächste Handelskette Pleite machen, billig oder nicht.




1 Kommentar :

  1. "so unfair ist es, den Deutschen pauschal eine Schnäppchenmentalität anzudichten. "

    So ist es , wie sollten sonst die "renommierten" Marken überleben?
    Es ist immer wieder erstaunlich , wie blind und taub die Billigheimer-Kritiker gegenüber der simplen Tatsache der prekären Einkommen sind. Absicht?

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