Montag, 22. Juli 2013

Die fröhlichen Hartzer von Pinneberg


Es muss kein Zeichen von zwanghaftem Geiz sein, seine Flocken ein wenig zusammen zu halten. Man kann es auch verantwortlichen Umgang mit Ressourcen nennen. Warum teures Super bleifrei verballern, wenn man in der glücklichen Situation ist, auch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können? Warum mittags Imbissbuden und Stehbistros reich machen, wenn man sich auch was von zu Hause mitbringen kann? Warum stilles Wasser immer neu kaufen, wenn die Flaschen sich auch ein paar Mal mit Leitungswasser neu befüllen lassen? Kühlt man das gut, bemerkt keiner einen Unterschied. Alles schön, kann man machen. Man spart nicht nur Geld dabei, sondern tut teilweise sogar etwas für Umwelt und Gesundheit.

Problematisch wird es, wenn man sich nicht freiwillig für so was entscheidet, sondern dazu gezwungen ist und sich dann noch von Leuten, die das nicht nötig haben, schlaue Ratschläge anhören darf.

Das Jobcenter Pinneberg hat bekanntlich eine Broschüre für Hartz-IV-Empfänger herausgegeben, in der am Beispiel der vierköpfigen Familie Fischer erklärt wird, wie das so läuft mit dem Jobcenter. Nebenbei gibt es Tipps, wie sich der Alltag bewältigen lässt. Vater Knut (51) hat gerade seinen Job als Bürokaufmann verloren, Mutter Sylvia (45) hat einen Minijob in der Altenpflege, die beiden Kinder Ben (16) und Lara (11) gehen noch zur Schule. Die Presse ereiferte sich prompt über den 'Hartz-IV-Comic'. Vor allem jenes Blatt, das sich in der Vergangenheit des Öfteren durch völlig wertfreie Berichterstattung über AlG2-Emfänger hervorgetan hat, drosch kräftig drauf und nahm es auch mit den Fakten nicht allzu genau.

Es lohnt sich durchaus, das so heftig kritisierte Heftchen einmal durchzusehen, denn es handelt sich keineswegs um einen 'Hartz-IV-Comic' nach Art etwa der ungelenken 'Andi'-Strips des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Es handelt sich über weite Strecken tatsächlich um einen Ratgeber, in dem relativ umfassend über Alg II bzw. Hartz IV, aufgeklärt wird. Es geht vor allem um rechtliche Fragen um Fragen zum Leistungsbescheid, zum Antrag, und darum, wer beim Jobcenter für was zuständig ist. Wenn es dabei bliebe, dann gäbe es kein Problem.

Dabei bleibt es aber leider nicht, denn eingestreut sind jene illustrierten Doppelseiten, in denen kurze Episoden aus dem Leben der frisch gebackenen Hartz-Familie erzählt werden, die jeweils als Aufhänger für bestimmte Kapitel dienen. Grundsätzlich ist diese Vorgehensweise von Ämtern und Behörden ein alter Hut. Seit den 1970ern arbeitet man gern mit solchen Comic-Elementen, um Bürger über komplizierte rechtliche Sachverhalte sowie über Rechte und Pflichten möglichst anschaulich aufzuklären. Also, alles problemlos? Nein, es gibt sogar drei ganz gewaltige Probleme:

Erstens ist die Pinneberger Hartz-IV-Broschüre, wie gesagt, kein bloßer Ratgeber. Die Geschichtchen aus dem Leben der fröhlichen Familie Fischer machen sie zu einer Propagandaschrift, zu einer penetranten Selbstfeier des dortigen Jobcenters und des Standortes Deutschland. Es wird die Botschaft vermittelt, Hartz IV sei eigentlich ganz easy und es gäbe kein Problem, das sich mithilfe der freundlichen und kompetenten Menschen vom Jobcenter nicht sofort lösen ließe. Wohnung zu teuer? Hey, der Mann einer Freundin ist bei einer Hausverwaltung und besorgt eine neue. Bewerbungsmarathons mit zig Absagen, Zwangsvermittlung in Leiharbeit? Iwo, Vatern sieht eine Stellenanzeige, verzapft eine anständige Bewerbung und heißa!, schon lacht die Koralle wieder. Er braucht mit 51 für den Job noch eine SAP-Fortbildung? Übernimmt das Jobcenter doch gern.

Das ist offener Hohn für alle, die sich im soundsovielten sinnlosen Bewerbungstraining den Hintern platt sitzen und teils seit Jahren um sinnvolle Fortbildungmaßnahmen kämpfen, sie aber nicht bewilligt bekommen. Überhaupt sollte man unangenehme Fragen wie etwa die, warum der so fluffig vermittelbare Knut während der eineinhalb Jahre, in denen er Alg I bezogen hat, nicht sofort wieder einen Job bekommen hat, lieber nicht stellen.

Man verstehe mich nicht falsch: Es wäre sicher vermessen, von einem Jobcenter zu erwarten, in schonungsloser Offenheit über alles zu reflekieren, was schief läuft. Es wäre sicher auch nicht angemessen, Menschen, die Hartz IV beantragen müssen, unnötig zu entmutigen oder ihnen gar Angst zu machen. Aber eine dermaßen überzuckerte Idylle, die so meilenweit an dem vorbei geht, was zahllose vom Jobcenter Abhängige so erleben, lässt die Heide weinen und erinnert in ihrem Zwangsoptimismus fast schon an realitätsfremde Jubel- und Durchhalteparolen aus der Spätzeit des real existierenden Sozialismus.

Zweitens sind die Geldspartipps zwar teilweise gar nicht mal unvernünftig, aber dadurch, dass sie vom Jobcenter kommen, enthalten sie unterschwellig das Eingeständnis, dass Hartz IV wohl doch nicht so ohne weiteres zum Leben reicht, wie von offizieller Seite so gern behauptet wird. Es hat schon eine gewisse Chuzpe, wenn man liest, dass man kann ja seinen alten Plunder verticken (weil die Erlöse schließlich nicht auf den Regelsatz angerechnet werden) und im Sozialkaufhaus einkaufen könne (praktischerweise sind im Anhang gleich die Adressen angegeben). Adressen örtlicher Tafeln hingegen sucht man vergebens. Warum eigentlich? Auch warum es dafür jede Menge von Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen gibt, erschließt sich nicht so recht, wenn die propere Familie Fischer angeblich so repräsentativ ist.

Drittens und letztens kann man durchaus erwähnen, dass exakt jene Medien, die das Traktätchen jetzt so maßlos verreißen und sich damit heldenhaft zu Verteidigern der Schwachen aufblasen, eben jenes System die vergangenen zehn Jahre über teils wohlwollend begleitet, wenn sie nicht gleich fröhlich an der Stigmatisierung von Hartz-IV-Empfängern mitgewirkt haben. Da kann man sich dann schon mal fragen, wer genau hier eigentlich wen veräppelt.

Wie die Geschichte ausgegangen ist? Papa Knut bekommt von seinem neuen Arbeitgeber noch einen Englischkurs bezahlt, Mama Sylvia hat dank einer vom Jobcenter finanzierten Schulung gute Aussichten auf eine Vollzeitstelle, Sohnemann Ben übt immer noch so fleißig Gitarre, dass man wohl bald schon Großes von ihm hören wird und Töchterchen Laura möchte Volleyballprofi werden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Vom Jobcenter Pinneberg.

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