Montag, 15. Juli 2013

Feine Idee!


Es ist eine Binse, dass in den USA in vieler Hinsicht andere Sitten und Gebräuche herrschen als bei uns. So auch bei der Art und Weise, wie Firmen ihre Angestellten bezahlen. Während es bei uns die Regel ist, den Lohn der Mühen monatlich aufs Girokonto geschaufelt zu bekommen, beherrscht in Amiland vielerorts noch immer der gute alte Gehaltsscheck (paycheck) die Szene. Wer sich noch erinnert: Im Gegensatz zu einer Überweisung verursacht so ein Scheck ein wenig Arbeit: Wer ihn bekommt, muss ihn persönlich bei einer Bankfiliale einlösen. Die Bank muss den Betrag dann dem Konto gutschreiben bzw. das Scheckformular einscannen und sich vom Scheckaussteller das Geld zurückholen.

Jetzt ist man auf eine geniale Idee gekommen, wie sich nicht nur Arbeit sparen, sondern sich auch noch ein ein wenig Cash extra verdienen lässt: Immer mehr Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern das Gehalt bzw. den Lohn aus, indem sie Prepaid-Kreditkarten von Partnerbanken wie der Bank of America, Wells Fargo oder der Citigroup ausgeben, die jeden Monat mit dem entsprechenden Betrag aufgeladen werden. Die Karten können benutzt werden wie eine Bankkarte, d.h. man kann am Automaten Geld damit ziehen und man kann sie auch wie eine normale Kreditkarte benutzen. Klingt zunächst nach einer guten Idee, wenn da nicht ein Haken wäre: Die Banken, die die Gehaltskarten ausgeben, lassen sich ihre Dienste natürlich in Form diverser Gebühren bezahlen. Und die gehen - richtig geraten - natürlich komplett zu Lasten der Karteninhaber.
(Jen Sorensen via jensorensen.com)
Je nach Kartenanbieter kommen da ganz hübsche Sümmchen zusammen: Mal werden 1,75 Dollar für jede Barauszahlung an einem Automaten fällig, mal sind es 2,95 Dollar für einen schriftlichen Kontoauszug. Manchmal werden sogar allen Ernstes 7 Dollar Gebühren erhoben, wenn die Karte nicht benutzt wird (inactivity fee). Der 21jähriger McDonald’s-Mitarbeiter aus Milwaukee, der für 7,25 Dollar pro Stunde an einem Drive-in arbeitet, erzählte der New York Times, dass bei ihm jeden Monat  40 bis 50 Dollar an Kartengebühren zusammenkämen. Die Bezahlung in dieser Form zu verweigern, ist auch nicht immer möglich. Zwar gibt es Firmen, die ihren Mitarbeitern die Wahl lassen, doch machen die es ihnen so schwer wie möglich, die Teilnahme an einem solchen Kartenprogramm zu verweigern. Zum Beispiel, indem man sie riesige Stapel an Papierkram ausfüllen lässt.

Chuck Harris, CEO von NetSpend aus Austin, Texas, des größten Anbieters für solche Gehaltskarten, meint, das System biete eine Menge Vorteile: Kostenersparnis für die Arbeitgeber und Bequemlichkeit für die Karteninhaber. In der Tat, nur sind letztere auch die einzigen, die bei der ganzen Sache draufzahlen.

Vorteile haben dabei nämlich nur die Banken bzw. Kartengesellschaften und vor allem die Arbeitgeber. Sie sparen nicht nur Verwaltungskosten, sondern werden teilweise auch von den Kartenfirmen finanziell an den Erlösen beteiligt, die in Form von Gebühren bei den Karteninhabern kassiert werden. Und schließlich ist es für Kreditkartenfirmen in den Staaten seit langem üblich, die gesammelten Zahlungsdaten der Kunden zu verwenden, um mehr über deren Kaufverhalten und ihre Bewegungen zu erfahren. Auch Polizei und andere Ermittlungsbehörden bedienen sich im Verdachtsfall gern an den Daten. Eine echte Win-win-win-Situation also, außer für die Arbeitnehmer, versteht sich.

Und wer jetzt in schönstem alteuropäischen Dünkel den Kopf schütteln will über diese Amis und ihre Verrücktheiten, sei daran erinnert: Bislang hat es noch jede durchgeknallte Idee irgendwie über den großen Teil geschafft – vor allem, wenn sich mit der Idee irgendwie Geld abgreifen lässt.



Kommentare :

  1. Der nächste Schritt, und auch das hatten wir schon, Die Firmen schmieden Allianzen mit Dienstleistern wie der lokalen Supermarktkette und nur dort kannst Du mit deiner Gehaltskarte einkaufen. Läßt sich beliebig erweitern, hatten wir analog alles schon, so vor 150 Jahren, oder meinetwegen auch noch aktuell im 3.Welt-Steinbruch. So bleibt die Kohle sauber in der eigenen Tasche.

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    1. Gute Idee. Und wenn der Mitarbeiter woanders einkaufen will, kann er sich gegen eine geringe Gebühr bestimmte Beträge "freischalten" bzw. aus firmeninterner Verrechnungseinheit in nationale Währung konvertieren.

      Wenn man das konsequent weiterdenkt, landet man bei dem "väterlichen" Arbeitgeber, der das ganze Leben der Mitarbeiter regelt (Betriebskindergarten, Firmenbibliothek, firmeneigenes Ferienheim, Betriebskranken- und -rentenkasse usw.) und genau weiß, wer was wo wie wann macht. Was nicht problematisch ist, weil, wie man ja immer wieder hört, nichts zu verbergen hat, wer nichts böses tut. Brave New World...

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