Sonntag, 7. Juli 2013

Heute rundum positiv


Letztens meinte jemand zu mir, wenn man meinen Blog lese, könnte man meinen, ich sei verbittert. Leider führte er nicht aus, wie er das genau meinte, aber ich muss gestehen, es beschäftigte mich schon ein wenig. Sicher wird in der Bloggerszene mehr gemosert als anderswo. Das liegt unter anderem daran, dass die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verschwimmen und viele kommerzielle Medien in ihren Netzauftritten zunehmend Belangloses oder Hofberichterstattung liefern. Daraus aber, dass ich mich regelmäßig über so was auslasse, zu schließen, ich liefe den ganzen Tag mit einem Gesicht herum wie sechs Wochen Regenwetter und hätte quasi schon den Strick um den Hals, ist schlicht Quatsch. Daher gibt es heute einen ernst gemeinten, positiven, beinahe völlig kritikfreien Beitrag über etwas, das bei mir fast in jedem Jahr für gute Stimmung sorgt.

Normalerweise sind mir Großveranstaltungen, bei denen Gevatter Mitmensch obsessiv seinem Herdentrieb frönt, eher suspekt. Das heißt aber nicht, dass es keine Ausnahmen gäbe. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, mag ich die alljährlich in meiner Heimatregion steigende Extraschicht sehr gern. (Für Nicht-Ruhris: Das bedeutet, dass an einem Samstag im Juli über das gesamte Ruhrgebiet an zirka 120 Orten von 18 Uhr abends bis 2 Uhr morgens Programm stattfindet und der gesamte ÖPNV plus extra eingerichtete Shuttlebusse im Ticketpreis inbegriffen sind). Aus bescheidenen Anfängen hat das Ganze sich zu einer stattlichen Angelegenheit gemausert.

(inferiore Handyfotos, pardon)
Trotzdem stört's mich nicht. Seit etlichen Jahren tue ich mir das schon an und meine Erfahrungen waren durchaus gemischt, was aber nie die Schuld der Veranstalter war: Wer konnte vor ein paar Jahren schon etwas dafür, dass es widerlich schwül war und mehrere schwere Gewitterschauer herunterklatschten? Ein Stiesel, der sich davon die Laune verderben lässt. Dieses Jahr hingegen passte alles. Das Wetter war perfekt: Schön, sonnig, aber nicht heiß und die Leutchen, mit denen ich unterwegs war, waren gewohnt klasse. So schmeckt das Leben.


Es mag welche geben, die meinen, an vielen Stellen werde eigentlich nicht mehr geboten als dass irgendwelche verranzten Industrieruinen bunt illuminiert werden, aber das wäre mehr als kleinlich. Man muss ja nicht hingehen. Außerdem stimmt das nicht. Es gibt noch eine ganze Menge anderes Programm. Dort, wo ich zugegen war, spielte unter anderem eine streckenweise durchaus ordentliche Coverband auf, und zwar in einer Lautstärke, die es in einiger Entfernung ermöglichte, sich noch zu unterhalten.


Die ganze Atmosphäre gefällt mir, weil sie für deutschländische Verhältnisse geradezu südländisch entspannt ist. Obwohl mehrere Hunderttausend auf den Beinen sind, drängelt niemand herum oder wird aggressiv. Zumindest da, wo ich mich so bisher bewegt habe, schienen alle irgendwie gut gelaunt, auch wenn die Busse und Bahnen einem jedes Jahr eine Ahnung davon geben, was Berufspendler in Tokio jeden Tag so erleiden. Sicherheitsdienste sind sicher vor Ort, aber nicht zu sehen. Sogar jenes herumlärmende Partyvolk, das sonst immer alle größeren Events zwanghaft voll grölen muss, hält sich entweder bedeckt oder hat anderes zu tun. Klar, an zentralen Punkten wie der Zeche Zollverein in Essen oder der Jahrhunderthalle in Bochum nerven hier und da ein paar hach wie Kulturbeflissene herum, aber die machen keinen Lärm und stören nicht weiter.


Schön auch, dass das Ganze, obwohl irgendwie auch eine kommerzielle Werbeveranstaltung, offen für alle und sehr wohl sozialverträglich ist. Man kann sicher monieren, dass die Tickets nicht ganz billig sind. Wer sich aber an den größeren Spielorten einfach nur das Volksfest antun will und nicht auf die Öffis angewiesen ist, kann sich das Ticket im Prinzip sparen, weil einem der Zutritt außerhalb gewisser Zonen nicht verwehrt wird. Wir nutzten die regulären Nahverkehrsmittel, weil wir genug Pendler unter uns hatten, die auf ihre Dauerkarten jeweils eine Person mitnehmen konnten. Bleiben noch die Kosten für Essen und Trinken vor Ort. Aber auch dass muss nicht sein, weil nirgends Verzehrzwang herrscht und man selbstverständlich eigenen Proviant mitbringen kann.


Und das Negative? Abgesehen davon, dass ich es auch in diesem Jahr über die Zeche Ewald in Herten nicht hinaus geschafft habe (selbst Schuld), nervte es schon ein wenig, dass die dortigen Getränke- und Essensstände so dürftig waren und das bemitleidenswerte Personal überfordert sein musste. Eine halbe Stunde anstehen müssen für eine Bratwurst oder ein Bier, das sollte im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr vorkommen. Und dass einem bei der Heimkehr grundsätzlich immer die Füße schmerzen und man kaputt ist wie sonstwas, ist nicht schön, gehört aber dazu. Und ich liebe es.



Kommentare :

  1. Letztens meinte jemand zu mir, wenn man meinen Blog lese, könnte man meinen, ich sei verbittert. Leider führte er nicht aus, wie er das genau meinte, aber ich muss gestehen, es beschäftigte mich schon ein wenig. Sicher wird in der Bloggerszene mehr gemosert als anderswo.

    Es ist kein mosern, meckern, schimpfen - Kritik ist das Fundament des aufgeklärten Bürgers (auch wenn man genau diesen mittlerweile mit der Lupe suchen muss^^). Warum sich dem Zwangsoptimismus ergeben? Lass Dir nicht einreden, weil Du Deinen Kopf benutzt, die Dinge so sehen willst wie sie sind (ohne Verdrängung, Schönrederei und Fatalismus), deshalb seist Du "immer negativ" und siehst ja "alles immer nur schwarz". Glaub mir, wir kritischen Blogger kennen diese Vorwürfe nur zu gut ;-)

    Zwangsoptimismus ist heutzutage ein perfides Herrschaftsinstrument. Jeder, der kritisiere, sei am Ende selbst für die Zustände schuld, denn es liege ja alles nur an seiner Einstellung. Darauf antworte ich:

    Warum kritisches Denken glücklich macht!

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    1. Da rennst du bei mir natürlich offene Türen ein. Wer eine kritische Grundhaltung hat oder so was betreibt wie Ideologiekritik, gilt schnell als kleinlicher Nörgler, der immer alles nur hinterfragen muss und am Ende noch unbequeme Schlüsse zieht.
      Aber die Veranstaltung am Samstag hat mir trotzdem gefallen.

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  2. Diese Aussagen gibt es immer wieder , wer kritisiert , kann nur frustriert sein.
    Dabei muß man schon ein veritabler Idiot sein , um alles immer dolle und supiklasse finden zu können.
    Nicht verrückt machen lassen , den besten Humor haben nicht selten diejenigen , die die Welt auch mal richtig Scheiße finden können...

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    1. Ja, unsere Aufgabe ist Glücklichsein, sonst glaubt nämlich keiner die Jubelmeldungen von Jobwunder und Fachkräftemangel und dass Deutschland alles richtig macht...
      Aber verrückt machen lassen - wie komm ich denn dazu? ;-)

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