Sonntag, 28. Juli 2013

Sei mal tolerant, du Arsch!


Die momentan herrschende Bullenhitze hat nicht für alle Vorteile. Zum Beispiel für Menschen wie mich. Dass ich Hitze nicht gut vertrage und es lieber etliche Grade kühler hätte, mag ich hier nicht noch einmal groß ausbreiten. An den Temperaturen lässt sich eh nix ändern, man muss sich halt irgendwie arrangieren und Wege finden, damit umzugehen. Übel ist es aber, wenn man zu denen gehört, die sich als körperlichen Ausgleich Schwimmen gewählt haben. Es ist wirklich schön, in einer Stadt zu siedeln, die dankenswerterweise noch nicht dem Spaß- und Wellnessbadvirus anheim gefallen ist und mehrere klassische Schwimmbäder vorhält, in denen sich nicht nur Bahnen ziehen lassen, sondern auch der Eintritt bzw. eine Jahreskarte noch gut bezahlbar ist.

In einem heißen Sommer ist die Freude darüber jedoch arg getrübt. Denn zum Schwimmen kommt man da nur noch ganz selten. Ich kann ja verstehen, dass die Kommune sich über sprudelnde Eintrittsgelder freut, aber für den Schwimmer sind proppenvolle Freibäder eine Pest. Die Anderen haben die Sportstätte flächendeckend geentert und sie sind in der Überzahl, immer. Ernsthaft betrieben ist schwimmen, wie jede sportliche Tätigkeit, die man mit einer gewissen Ambition betreibt, keine sonderlich gesellige Angelegenheit. Eine halbwegs saubere Schwimmtechnik, egal ob Brust oder Kraul, lässt reden nicht zu, da man zeitweise den Kopf unter Wasser hat. Und es ist eben nicht kein Problem, wenn man permanent auf dem Quivive sein muss, welchen Hindernissen es auszuweichen gilt, sondern über die Maßen lästig, weil es einen aus dem Rhythmus bringt. Überdies führt das auf Dauer zu Nackenschmerzen.

Es mag müßig klingen und kleingeistig, sich über Mitmenschen zu mokieren, die, kaum dass sie im Wasser sind, dieses in einen Hindernisparcours verwandeln, oder über Spaßbacken, für die es das Höchste zu sein scheint, möglichst knapp neben den Köpfen anderer Badegäste Arschbomben zu vollführen. Ach, lass sie doch, bekommt man da zu hören. Sei doch mal ein bisschen tolerant.

Nicht mehr ganz neu, doch hoch aktuell (via feisar.de)
Reg' dich nicht auf, lass den Leuten halt ihren Spaß, heißt es. Schau mal, auch die, die ein Schwimmbecken nicht zum Schwimmen nutzen, sondern zum Planschen oder die quasselnden Köpfchenausdemwasser-Brustschwimmerinnen, die, in Dreier- und Vierergrüppchen nebeneinander dümpelnd, locker zwei Drittel des Beckens in Beschlag nehmen, haben schließlich auch ein Recht auf ihr Vergnügen. Die haben genauso Eintritt bezahlt wie du. Also nimm gefälligst mal Rücksicht. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?

Doch, ist es unter Umständen sehr wohl. Vor allem dann, wenn man das Gefühl nicht los wird, man sei der Einzige, der überall und andauernd Rücksicht zu nehmen und Toleranz zu üben hat, nur damit andere sich ungestört möglichst rücksichtslos und intolerant benehmen können. Gern wird Rücksicht nämlich von denen am lautesten eingefordert, die meinen, das gelte für alle, außer für sie.

Die Liste an Zumutungen ist lang und jeden Tag wächst sie ein bisschen mehr. In meinem Häuserblock sollte man zum Beispiel ab einer bestimmten Temperatur tunlichst die nach hinten weisenden Fenster fest geschlossen halten, weil da die gesamte Nachbarschaft geschlossen zum Grillen schreitet und man am nächsten Morgen eine dezente Räuchernote am Leibe hat, wenn man nicht aufpasst. Warum soll man in einem Konzert gezwungen sein, Gekreisch und Gequassel von kleinen Kindern widerspruchslos zu ertragen, weil deren Eltern es für eine nicht hinzunehmende Zumutung halten, von ihrem Nachwuchs zu verlangen, sich ein wenig zu benehmen? Ein Freund von mir ist passionierter Läufer und und eigentlich ein friedfertiger, ausgeglichener Zeitgenosse. Einen Hals bekommt er allerdings, wenn in dem Wald, den er als Laufrevier bevorzugt, die Wege auf ganzer Breite von schnatternden Nordic-Walking-Clubs blockiert werden, weil die meinen, ein Anrecht darauf zu haben und finden, da müssten wir halt alle mal ein wenig Rücksicht nehmen.

Dabei ist es doch so einfach. Mit der Rücksicht verhält es sich ähnlich wie mit der Liebe. Schön und beglückend ist es, wenn sie herrscht und einfach vorhanden ist. Wer sie jedoch patzig für sich fordert, hat es meist gewaltig nötig und gilt nicht zu Unrecht als armseliger Wicht.


Kommentare :

  1. Scheint immer mehr Leuten so eine Art Kick zu geben , Einem mit voller Absicht in den Weg latschen , irgendein Teil (Koffer oder so ) in den Weg stellen , bewußt zum Ausweichen zwingen , alles mit Beschlag belegen ,usw.usw. , überall dort , wo sich eine größere Zahl von Leuten im öffentlichen Raum bewegt .

    Muß furchtbar zufrieden machen , muß eine ganz tolle Sache sein , so eine Art neuer Breitensport...

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    1. Ja bist Du denn nicht für Toleranz und Rücksichtnahme? Immer dieses Blockwartgemotze! Wo doch jeder weiß, dass diese Jogger und Bahnenschwimmer das sowieso nur machen, um sich zu produzieren. Das muss man gar nicht so ernstnehmen, dieses eitle Gespreize. Und wir sind irgendwann 2005 oder so ja auch mal diesem einen Jogger ausgewichen, es kann also nicht die Rede von Einseitigkeit sein!

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    2. Eben. Scheiß Sportler , selber schuld.

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    3. Mit mehr oder weniger Vergnügen habe ich den Text gelesen. Ich kann das so nicht unterschreiben. Gerade jetzt bei diesen Wahnsinnstemperaturen ist es doch klar, dass man seine Bahnen nicht schnell im Schwimmbad ziehen kann, es sei denn man geht um 6.30 ins Bad so wie ich in der Ferienzeit. Jeder hat jetzt das Bedürfnis sich abzukühlen und gerade in der Ferienzeit ist es doch logisch, dass das Schwimmbad voll mit Kindern und Jugendlichen ist. Übrigens empfinde ich es eigentlich genau umgekehrt, meistens nämlich sind es die kraulenden Schwimmer die ihre Bahnen ziehen ohne Rücksicht auf Verluste. Da spürt man schon mal einen Fuß im Bauch oder in den eigenen Rippen... Auch stören mich beim Joggen oder gar beim Radfahren die Nordic Walker nicht. Bei meinem Tempo habe ich die eh nach Bruchteilen von Sekunden wieder vergessen und pflege höchstens beim Vorbeifahren oder Laufen ein freundliches "Dankeschön" zu hauchen wenn diese für mich zur Seite treten. (Und das tun sie eigentlich immer)
      Auf Konzerten fühle ich mich auch nicht von unerzogenen Kindern belästigt sondern vielmehr von unerzogenen, kinderlosen Singlemännern jenseits der 40, die - frustriert mit sich selbst - den Hals vom Bier nicht voll kriegen. Ich denke die Problematik der Toleranz liegt ganz woanders. Es klingt sehr danach gar nicht tolerant sein zu wollen, sondern ehr danach seine Mitmenschen für seine eigene Unzufriedenheit verantwortlich zu machen. Solange das der Fall ist, solange wird es auch in der Liebe nicht funktionieren und man bleibe ewig der armselige Wicht.

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  2. Kann ich voll und ganz nachvollziehen. Ich denke im Sommer im Freibad in Ruhe seine Bahnen ziehen, kann man voll vergessen. Aber selbst bei allen anderen Jahreszeiten in Hallenbädern ist das sehr mühselig geworden.

    Die nächsten zwei Hallenbäder in meiner Nähe bieten großzügigerweise von Montag-Freitag von 14-19 Uhr ständig Kurse (Aquafitness, Kinderschwimmen etc.) an. Ist ja ganz toll und schön, dass es sowas gibt, leider wird dafür dann mal eine komplette Bahn gesperrt. Um in Ruhe schwimmen zu können, darf man dann also entweder am Wochenende kommen (wo nur Spass-Schwimmer sind), vormittags (wer arbeitet, hat Pech!) oder noch am Abend kurz vor Eintrittsschluss.

    Ich kann Deine Beobachtungen nur unterstützen. Ich komme mir mittlerweile fast schon unfreiwillig elitär vor, nur weil ich Bahnen ziehen will. Das macht kaum jemand. Die meisten planschen auch im 2 Meter Becken, lassen sich gleiten, labern nur rum, machen Blödsinn. Komisch angeschaut werde ich dabei auch immer. Echt schlimm, wenn ich einfach nur schwimmen will.

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  3. Naja, als genereller Chlorbrühenabstinenzler, kann ich ja eigentlich gar nicht mit reden. Aber zur Auswahl der meist in der Mehrzahl auftretenden Forderer nach Toleranzen, würde ich gerne noch die Sparte der Liebhaber von motorisierten Gartenpflegegeräten hinzufügen. Und plädiere deshalb für ein generelles Benutzungsverbot von solcherlei Gerätschaften, im Zeitraum zwischen April und November. Nennen wir es eine Schonzeit.

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    1. Pfff, besser Chlorbrühe als Naturbäder - da vögeln die Fische drin... ;-) Aber zur Sache: "Schonzeit" ist eine hervorragende Idee, denn ich hasse Verbote schließlich. Man sollte sie aber unbedingt bis November ausdehnen, denn von September an kommen die zweitaktbetriebenen Laubbläser aus dem Schuppen.
      @epikur: Stimmt, als Berufstätiger ist man in den öffentlichen Bädern auch in hiesigen Gefilden gekniffen. Hier gibt es zwar noch ein Hallenbad, das sommers am Vormittag auf hat, aber da finden jeden Tag irgendwelche Aquafitnesskurse statt, wofür dann schon mal das ganze Becken bis auf eine Bahn (!) gesperrt wird.
      @Art: Zuweilen hat man das Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich angesichts immer weniger Möglichkeiten der politischen Einflussnahme darauf verlegen, ihre Mitmenschen herumzuschurigeln...

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    2. Irgendwie fühle ich mich als Exil-Deutscher in Donegal nun doch ein wenig privilegiert: vom Wohnort Kilmacrennan bis zum Lough Glenveagh http://www.glenveaghnationalpark.ie/images/web_000.jpg
      sinds gerade mal 10 Minuten Fahrzeit - dort ist HERRLICH viel Platz zum "Bahnen ziehen" und wenn ich Fische beim vögeln erwische, werden sie zur Strafe später aufgegessen

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