Dienstag, 9. Juli 2013

Selig, die verzichten


„Wer niemals einen Rausch gehabt, / der ist kein braver Mann.“ (Joachim Perinet, 1765-1816)
Na auch immer geglaubt, kleine Sünden seien die Würze des Lebens? Dass ein paar nette kleine Exzesse dem Dasein erst den richtigen Pep verleihen? Zum Beispiel der eine oder andere komplett durchgammelte Tag, ein gelegentliches üppiges, herrlich ungesundes Essen, vielleicht sogar fettes Fast Food, ein gepflegtes Besäufnis, ein Stück Kuchen hier und da oder ein paar Süßigkeiten, vielleicht auch eine komplett unsinnige Anschaffung? Tja, dumm gelaufen. Denn jetzt haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, dass die Selbstdisziplinierten, die sich dauerhaft jegliche solcher Ausschweifungen konsequent abklemmen, statistisch die größte Chance hätten, auf lange Sicht wirklich glücklich zu sein. Die wahre Seligkeit liege also im permanenten Entsagen.

(via spreadshirt.de)
Interessant ist ja immer wieder die Frage, wie die Psycho-Einsteins, die solche Studien verzapfen, Glück eigentlich genau messen. Ist Glücksempfinden nicht irgendwie etwas sehr Individuelles und Subjektives? Ist es nicht zumindest vorstellbar, dass etwas, das den einen sehr glücklich macht, zum Beispiel einen ganzen Tag unter einem Baum herumsitzen und ein Buch lesen oder einfach in die Gegend stieren, für den anderen stinklangweilig sein könnte? Ist es nicht auch irgendwie die Frage, was und wieviel im Einzelnen jemand sich so vom Leben erwartet, womit jemand zufrieden ist? Also, wie stellen die das fest? Drücken die einer gewissen Anzahl Leute einen Fragebogen in die Hand, auf dem sie von -5 ("total unglücklich") bis +5 ("obersuperglücklich") ankreuzen können? Messen die irgendwelche Gehirnaktivitäten oder Hormonspiegel?

Nun könnte man das natürlich einfach so als Erkenntnis stehen lassen und gut. Das wird aber nicht passieren, denn zu verlockend dürfte es sein, die Studie als Rechtfertigung dafür zu verwenden, genusssüchtigen Sport- und Diätmuffeln sowie anderen verweichlichten Bonvivants wissenschaftlich fundiert den Hahn abzudrehen. Die Asketen, die Effizienzprediger, die drahtigen Selbstoptimierer, die sich heldenhaft alles abklemmen und sich deswegen überlegen dünken, können sich bestätigt fühlen und denen, die nicht so prima willensstark sind oder es einfach nicht sein wollen, so richtig schön ein schlechtes Gewissen machen. Auch behauptet die Studie nicht, Glück sei von Materiellem abhängig, aber es passt halt so gut. Durchaus möglich, dass wer fortan rumjammert, weil er arbeitslos geworden ist oder, wenn nicht, vielleicht das Gehalt gekürzt bekommt, wessen Rente hinten und vorn nicht zum Leben reicht, sich anhören darf, der Mensch lebe nicht vom Brote allein, es sei viel gesünder, auch mal verzichten zu können.

Ja, das hättet ihr wohl gern, was? Dass der Pöbel bloß nicht auf die Idee kommt, die Verheißungen der Konsumgesellschaft auf sich zu beziehen und ein wenig teilhaben zu wollen am jenem Glück der Bedürfnisbefriedigung. Der alte puritanische Muff von der irdischen Welt als Jammertal und der wahren Seligkeit, die erst im Jenseits sich einstelle miefelt da durch. Aber nur für den, der hinnieden immer brav gekargt und geknausert hat, versteht sich. Georg Büchner fällt einem da ein. In 'Dantons Tod' gibt es diese wunderbare Szene im ersten Akt, in der der sinnenfrohe Danton und der asketische Robespierre aufeinandertreffen. Die Sätze, mit denen Danton dem blutleeren Tugendbold die Luft herauslässt, wirken bis heute wie eine frische Brise und bleiben gültig:
„Du hast kein Geld genommen, du hast keine Schulden gemacht, du hast bei keinem Weibe geschlafen, du hast immer einen anständigen Rock getragen und dich nie betrunken. [...] Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen, bloß um des elenden Vergnügens willen, andre schlechter zu finden als mich. – Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte: du lügst, du lügst!? […] Jeder mag sich wehren, wenn ein andrer ihm den Spaß verdirbt. Hast du das Recht, aus der Guillotine einen Waschzuber für die unreine Wäsche anderer Leute und aus ihren abgeschlagenen Köpfen Fleckkugeln für ihre schmutzigen Kleider zu machen, weil du immer einen sauber gebürsteten Rock trägst? Ja, du kannst dich wehren, wenn sie dir drauf spucken oder Löcher hineinreißen; aber was geht es dich an, solang sie dich in Ruhe lassen? Wenn sie sich nicht genieren, so herumzugehn, hast du deswegen das Recht, sie ins Grabloch zu sperren? Bist du der Polizeisoldat des Himmels? Und kannst du es nicht ebensogut mitansehn als dein lieber Herrgott, so halte dir dein Schnupftuch vor die Augen."
Apropos Politik: Da eine Mehrheit der Union bei der Bundestagswahl im September zunehmend unausweichlicher scheint, plädiere ich dafür, wenigstens Peter Altmaier (CDU) zum nächsten Gesundheitsminister zu machen. Sicher wird auch er an den Leistungen der Krankenkassen herumkürzen, das machen eh alle. Aber wenn Altmaier die Deutschen im Namen der Volxgesundheit zum Sporteln und Salat mümmeln auffordert, wird’s lustig. Und ein bisschen Spaß muss schließlich sein.


Kommentare :

  1. Propagierter Konsumverzicht durch den Staat?
    Das kann ich nicht glauben. Trinkt Steinbrück jetzt seinen Wein aus dem Tetra-Pack?
    Neinnein. Konsumverzicht sollen nur die üben, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind (ALG II-Bezieher, Rentner, Erwerbsunfähige, ...).
    Die anderen sollen schön weiter ihr Heil im Konsum suchen! Auch gerne zum Preis der Verschuldung.
    Wer schon alles hat und trotzdem zu viel Geld auf dem Konto dem sei dieser Artikel empfohlen:
    http://www.goldenstore.de/product_info.php/info/p528_24--Karat-Echtgold-gepraegtes-Toilettentissue.html

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  2. Dazu kenne ich folgenden, mit möglichst theatralisch mit grotesk übersteigerter Betonung und ausladender Gestik zu deklamierenden Vers:
    "Das Glück, oh liebes Menschenkind,
    so glaube doch mitnichten,
    dass es erfüllte Wünsche sind,
    es sind erfüllte Pflichten!"

    Auf die Idee, dass Menschen verschiedener Persönlichkeitstypen auf unterschiedliche Weise glücklich werden können könnten, kommt mal wieder keiner.

    Aber von Altmaier zum Salatessen aufgefordert zu werden hätte ich mir auch witzig vorgestellt.

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  3. @Duderich: Das ist schon klar, nur geht es ja eben nicht nur ums Konsumieren, sondern darum, dass behauptet wird, glücklich sei, wer 365/24/7 immer schön supervernünftig ist - brrr.
    @gnaddrig: Ah, diese herrliche Poesiealbumpoesie Marke: Sei immer schön dankbar für jeden Arschtritt...

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    1. Genau. Wenn was Spaß macht, ist es schon deshalb verdächtig. Medizin muss bitter schmecken, sonst wirkt sie nicht, und so.

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    2. Zu dem Thema empfehle ich folgendes Interview mit Udo Pollmer.

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    3. Glück ist eh ein temporärer Zustand. Die emotionalen Spitzen des Glücks erreicht man aber nur, wenn man eben ab und zu mal auf die Vernunft scheißt.
      Ein ausschließlich vernünftiges Leben zu leben wäre für mich persönlich eine Horror-Show...

      Gut, gut. Die Vernunft hat durchaus ihre Daseinsberechtigung. Diese aber als Humus des Glücks zu betrachten ist total daneben - oder deckt sich zumindest nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen.

      Es ist genauso dumm sein Glück im Konsum zu suchen wie im Verzicht.

      Da bin ich ganz bei Dir.

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    4. Sehe ich auch so!

      Glück und Konsum passen so oder so eher selten zusammen.

      Wenn man sich einmal anhört, was Menschen in hohem Alter in Erinnerung geblieben ist, dann erahnt man, was glücklich machen und Glück bedeuten kann: Familie, Freunde, Kinder, Liebe, Reisen, Gesundheit, Leidenschaften...

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