Montag, 1. Juli 2013

Wir bau'n uns ein Schloss


Vorab ein Geständnis: Als Kind bin ich meinen Eltern einige Zeit lang zwei mal pro Jahr (vor Weihnachten und vor meinem Geburtstag) damit auf die Nerven gegangen, unbedingt eine Playmobil-Ritterburg haben zu wollen. Meine Nerverei dauerte so lang wie ich mich nicht zu alt fühlte für Playmobil. Also etwa das Grundschulalter hindurch und noch ein wenig länger. Ich hatte da nämlich eine Vision: Die mächtige Burg, die sich in immer neuen Konstellationen zusammenstecken ließ, würde der unverzichtbare Mittelpunkt meines Kinderzimmers sein, malte ich mir aus. Es würde Leben sein in der Bude: Belagerungen würde sie ehern stand halten, prachtvolle Turniere würden veranstaltet werden, in denen edle Ritter um die Gunst keuscher Burgfräuleins stritten. Alles Kompetenzen, die im späteren Leben für einen Kavalier alter Schule sehr sinnvoll sein konnten, fand ich. Überhaupt, ein echter Junge ohne Ritterburg, das ginge eigentlich gar nicht.

Damals... (via parents.at)
Doch alles Betteln war vergebens, die Erzeuger blieben eisern. Weil die meinen Durchhaltewillen bzw. mangelnden Durchhaltewillen kannten, den ich an den Tag zu legen pflegte, wenn ich sagte, ich würde jetzt mein Taschengeld sparen und selbst etwas beisteuern, brauchte ich auch mit solchen Deals gar nicht erst anzukommen. Die trutzige Burg blieb für immer ein unerfüllter Kindertraum. (Ich sollte hinzufügen, dass ich glaube, dies Trauma inzwischen verschmerzt zu haben.) Bald wurden eh andere Dinge wichtiger. Zum Beispiel wurden Mädchen auf einmal weniger doof, und so ein Ding im Zimmer wäre mir da nur noch peinlich gewesen. Vielleicht hätte ich mehr Erfolg gehabt, wenn ich einen Förderverein gegründet hätte wie Wilhelm von Boddien und seine Kumpels. Die kriegen nämlich ihren Willen. Und ihre Ritterburg. So was ähnliches zumindest. Die haben es 2002 nach zäher Lobbyarbeit geschafft, fast zwei Drittel des Bundestages für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses zu gewinnen. Das Volk wurde sicherheitshalber nicht gefragt. Es hätte ja nein sagen können. Oder am Ende noch fragen, was das eigentlich soll. Oder ob es nichts Wichtigeres gäbe.

Über zehn quälende Jahre hat die Exorzierung der DDR im Herzen der Hauptstadt sich hingezogen. So lange dauerte es, bis der Palast der Republik endlich abgetragen war. In einem Tempo, als sei man mit Teelöffeln und Spielzeugkippern zu Werke gegangen. Egal, der Bau war DDR, eines von Honeckers Lieblingsprojekten zudem, und durfte daher einfach nicht sein. Man kann über die architektonische Qualität des Palastes sicherlich streiten, aber dass nicht einmal eine echte Debatte in Gang gekommen ist und nicht einmal ernsthaft gestritten wurde darüber, was mit dem Areal sonst geschehen könnte, ist schon befremdlich. Dass es zudem nicht wenige DDR-Bürger gab, die den Palast durchaus schätzten, weil er mit seinen Restaurants und ein wenig weite Welt in die realsozialistische Einöde Ost-Berlins gebracht hat, wurde ebenso weggewischt wie am Ende der Kasten selbst.

Jetzt also wird nicht nur Honeckers Schuhkarton, sondern auch das Wirken des Sprengmeisters Ulbricht ungeschehen gemacht und Berlin kriegt sein klotziges Stadtschloss fast 1:1 wieder. Über dessen zukünftige Nutzung musste man sich übrigens lange einen Kopf machen, weil die Stadt eigentlich schon randvoll ist mit Ausstellungsflächen. Es ist verrückt. In diesem Land wird alles auf den letzten Cent durchgerechnet und auf Effizienz getrimmt. Aber wenn es gilt, was staatstragendes Altes aufwändigst wieder hin zu stellen, lässt man plötzlich gern Fünfe gerade sein und die Milliönchen kommen geflossen. Gut, hier und da scheint man sich dann doch irgendwie zu einem Zugeständnis an die Moderne genötigt. Daher wird die Rückseite, die man nicht so sieht, modern ausgeführt. Sehr zum Unwillen der Nostalgiker, die gern die volle Ladung Barock gehabt hätten

Gefühlt überall werden seit einigen Jahren Vorkriegsbauten wiedererrichtet, die eigentlich komplett aus der Landschaft verschwunden waren. Nicht nur in Berlin wird eifrig rekonstruiert. In Bankfurt am Main will man einen Teil der Wiederaufbausünden der Nachkriegsära rückgängig machen. In Potsdam muss selbstredend die Garnisonkirche wieder her, weil ein bisschen Preußen uns schließlich allen gut tut und auch nicht alles schlecht war. In Braunschweig hat man gleich den totalen Kulissenzauber veranstaltet, indem man ein brandneues Einkaufszentrum einfach mit der Fassade des alten Welfenschlosses verkleidet hat. Man kann  die Liste noch lange fortsetzen. Es scheint so, als sei man sechzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs des ewigen Gedenkens müde und wild entschlossen, seine Spuren endgültig auslöschen zu wollen.

Ich bin weiß Gott kein kritikloser Verfechter zeitgenössischer Architektur und erst recht kein Fachmann, aber immer öfter scheint es nur noch die Alternative zu geben zwischen langweiligen, aus Betonteilen zusammengeflanschten 08-15-Kästen und dem äußerlich getreuen Nachbau einer weggebombten Protzbude, deren Überreste längst auf irgendeiner Schutthalde vermodern. Diese miefige, kleinbürgerliche Verzagtheit, die daraus spricht! Wo ist die Kreativität, der Mut zum großen Wurf? Wo hat einer das Rückgrat, auch mal anzuecken? Sicher, erfahrungsgemäß kommt auf zehn moderne Bauten vielleicht ein einziger, der sich am Ende als gelungen herausstellt. Aber man vergleiche nur einmal das immer noch großartige Münchner Olympiagelände mit der halbgaren nicht-so-ganz-aber-auch-nicht-richtig-Restaurierung des Berliner Olympiastadions. Mit Adolfs Feuerschalen im Wandelgang.

Eigentlich müsste es mir ja sympathisch sein, wenn Leute etwas Verrücktes, auch wirtschaftlich komplett Unvernünftiges tun. Wenn einen bei alledem nicht der Gedanke beschleichen würde, dass dieses Land sein Heil immer mehr im Gestern suchen würde, dass der neue Hang zur baulichen Restauration auch Ausdruck eines neuen restaurativen Denkens sein könnte. Weil das böse Gestern, das mit den Nazis, immer noch nicht so recht geht, das weiß man schon irgendwie, spult man in Berlin einfach zwei Tracks weiter zurück und landet gern im Wilhelminischen Kaiserreich. Ahh, die Gute alte Zeit! Sicher hatte diese Zeit so ihre modernen Seiten. In Kunst, Literatur und Wissenschaft brachte man echt was zustande. Aber die Kaiserzeit bietet auch Fans von schnoddrig-autoritärem Gehabe und straffer Obrigkeit jede Menge Zucker fürs Gemüt.

Denn damals, da herrschte noch Ordnung. Da gab es noch Herren und Knechte. Da wurde nicht jeder Hans und Franz einfach an die Uni gelassen. Und schlagende Verbindungen wurden noch nicht von Linken als lachhafte Gestrigenvereine madig gemacht. Überhaupt galten da Disziplin und Hierarchien noch etwas, und wenn nicht, man durfte man unbotmäßigem Gesocks das notfalls einprügeln. Da waren Nationalismus und Deutschland zuerst! noch nicht verpönt. Da kassierten deutsche Wissenschaftler noch Nobelpreise in Serie. Da verströmte der Staat noch Glanz und Gloria. Da durfte man auch Neger noch Neger nennen, sie in Hagenbecks Tierpark ausstellen und keiner hat etwas gefunden dabei. Da musste ein würdiges Staatsoberhaupt noch nicht zurücktreten wegen eines kleinen verbalen Ausrutschers. Und demokratische, daher ineffiziente Volksvertretungen, a.k.a. Parlamente, durfte man einfach so noch Schwatzbuden nennen.

Wenn das alles nicht so hervorragend in die Denke nicht weniger Beefsteakfressen passen würde, die sich großspurig Eliten und Leistungsträger zu schimpfen pflegen, man könnte ruhiger schlafen.


1 Kommentar :

  1. Kultur ist immer die Kultur derer, die ausreichend Einfluss haben zu bestimmen, was ihrer Meinung nach Kultur ist. Siehe
    Öttinger. Liebe Grüße aus dem Süden :-)))))

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