Mittwoch, 24. Juli 2013

Wo der freie Markt waltet


Die Privatisierung der Telekommunikation würde vieles im Leben der vom staatseigenen Monopolisten geknebelten Telefonierer einfacher machen, hieß es damals. In der Tat kommt man sich schnell vor wie Opa, der vom Krieg erzählt, wenn man etwa Menschen, die deutlich jünger als dreißig sind, klarmachen möchte, dass es mal Zeiten gab, in denen die Deutsche Bundespost ("Opa, was hat die Post mit telefonieren zu tun?") Standardtelefone in drei bis vier Farben (mausgrau, schleimocker, popelgrün, signalorange) mit maximal drei Metern Schnur ("Opa, wozu braucht ein Telefon eine Schnur?") erlaubte und man auf einen Telefonanschluss schon mal mehrere Monate warten musste ("Und warum habt ihr euch dann nicht einen anderen Anbieter gesucht, Opa?").

Seien wir fair. Für den Endkunden hat die Privatisierung im Telekommunikationssektor zweifellos ein paar Vorteile gebracht. Es ist natürlich Spekulation, aber man kann sich schon fragen, ob Handys bzw. Smartphones sich ohne private Anbieter so schnell hätten  flächendeckend durchsetzen können wie das in den letzten zwanzig Jahren geschehen ist (ob das immer nur zum Vorteil der Menschheit gewesen ist, steht natürlich auf einem anderem Blatt). Durchaus möglich, dass wir alle immer noch mit Minutenpreisen hantieren und uns über horrende Online-Rechnungen die Haare raufen würden, hätte Konkurrenzdruck nicht irgendwann Internet-Flatrates zum Standard werden lassen. Der Preis dafür ist, dass die meisten von uns weitaus mehr Zeit damit verbringen als früher, uns um unsere diversen Verträge einen Kopf zu machen. Möglich weiterhin, dass die guten alten Zeiten bald in neuer Verkleidung zurückkehren könnten.

Denn man sollte sich nichts vormachen. Die Vielfalt auf dem Mobilfunkmarkt war von jeher eine Scheinvielfalt, bei der sich hinter einer Fülle von Marken letztlich ein Oligopol aus vier echten Netzbetreibern verbarg: Deutsche Telekom, vodafone (ex-Mannesmann), O2 (ex-VIAG, jetzt Telefonica) und e-plus. Alle anderen (Mobilcom, Base, Alditalk und wie sie alle heißen) sind streng genommen Zwischenhändler. Sie kaufen bei den großen Vier möglichst große Kontingente, die sie mit möglichst kreativen Kalkulationen gewinnbringend an den Käufer bringen. Wenn O2 sich demnächst e-plus einverleibt, mag das eine normale Erscheinung sein, lässt aber nur noch drei echte Anbieter zurück. Das könnte sich zum Problem entwickeln. Und zwar nicht nur für die Mitarbeiter, die aufgrund der gefürchteten Synergie-Effekte überzählig werden.

Dass ein deregulierter freier Markt eben nicht zu jenem seligen, von dessen Verfechtern so gepriesenen Mehr an Vielfalt führt, sondern auf lange Sicht meist zu Konzentration in Richtung weniger Großer, wenn nicht zu Monopolen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Dass Firmen, die durch freie Marktwirtschaft groß geworden sind, dieselbe am liebsten abschaffen wollen, sobald sie oben angekommen sind, auch nicht. Zudem werden Preisabsprachen innerhalb eines Oligopols in dem Maße einfacher, je weniger Marktteilnehmer übrig sind. Ein Blick unter anderem auf die Geschichte der Erdölindustrie leistet da gute Dienste.

Die eilfertigen Versprechungen des Telefonica-Sprechers, nach denen sich für den Kunden zunächst nichts ändern würde, lassen jedenfalls nichts Gutes ahnen. Normalerweise bedeutet das: Es wird teurer. Im Namen aller Kunden, die gemeint haben und immer noch meinen, durch freie Wahl des Anbieters Geld sparen zu können: Dank und ewig Dank der unsichtbaren Hand.


Kommentare :

  1. Hast recht, solche Verlautbarungen, nichts werde sich ändern, sind allzu oft Ankündigungen (meist unangenehmer) Änderungen. Wenn die Firmenleitung mit sowas kommt, ist man gut beraten, schnellstmöglich das Weite zu suchen.

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    1. So man denn eine Alternative hat - das ist immer ein wenig das Problem...

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    2. Der Markt wird's richten. Da gibt es den Regen, die Traufe, die undichte Stelle im Dach und, äh, ja.

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  2. "Dass Firmen, die durch freie Marktwirtschaft groß geworden sind, dieselbe am liebsten abschaffen wollen, sobald sie oben angekommen sind, auch nicht. "

    Scheint auch bei einem Teil der neoliberalen Protagonisten so zu sein , gar nicht so selten sind die Schlimmsten der Zunft Leute , die erst durch die Forderung der Bildungschancen für alle nach oben kamen.

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