Mittwoch, 14. August 2013

Der Beweis: Privat ist besser


Gleich an mehreren Stellen auf einmal kann man sich dieser Tage von der Effizienz und der Überlegenheit privatwirtschaftlicher Strukturen überzeugen, die uns bekanntlich dem Idealzustand der Menschheit nahebringen werden: Bei den privaten Pflegediensten und der privatisierten Bahn.

Die Geschichte des Gesundheitssektors in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten ist eine der fortschreitenden Privatisierung und eine fortlaufender Kürzungen. Vor allem zu Lasten der Patienten, versteht sich. Denn die Zahl derer, die vom Gesundheitswesen teils erheblich profitieren, scheint von Jahr zu Jahr größer zu werden. Und wenn jetzt, wie in einer Studie von Transparency International herauskommt, dass die privaten Pflegedienste in Deutschland ein ziemlich korrupter Sumpf sind, in dem die Pflegebedürftigen, um die es doch eigentlich gehen sollte, an allerletzter Stelle kommen, geht wieder das große Überraschtsein der Verantwortlichen los. Nein, das konnte ja wohl niemand ahnen. Also wirklich, erschreckend, so was. Wir versprechen brutalstmögliche Aufklärung.

Das andauernde Hochkommen des Frühstücks zu vermeiden wäre bedeutend einfacher, wenn nicht andauernd dieses gespielte öffentliche Staunen und Entsetzen der Verantwortlichen anheben würde, wenn mal wieder irgendwas aufkippt. Wie naiv muss man sein, um sich mit derart eiserner Konsequenz der an sich simplen Erkenntnis zu verweigern, dass mehr Marktwirtschaft im Gesundheitssektor zwangsläufig dazu führt, dass Kranke, Patienten und Pflegebedürftige zu bloßen Kostenstellen werden, und zwar mit allen Konsequenzen? Seit wann kann man Naivität so hoch stapeln?

Auch bei der Deutschen Bahn heißt es seit zwei Jahrzehnten: Sparen, sparen, sparen, billich, billich, billich! In den Chefetagen selbstredend nicht, wo kämen wir denn da hin? Dort müssen international konkurrenzfähige Gehälter gezahlt werden, damit ja keiner der großkopferten Superperformer am Ende ins Ausland abwandert. Da kann es dann schon mal passieren, dass im Sommer, der ja jedes Jahr aufs Neue völlig überraschend und unvorhergesehen über die Menschheit hereinbricht, in den zu kurz erprobten und zu billig gebauten ICEs die Klimaanlagen ausfallen und die Fahrgäste massenhaft nach Luft ringen. Oder dass gleich ein ganzer Bahnhof lahmgelegt ist, wie jetzt in Mainz, weil keine Fahrdienstleiter mehr da sind.

Zu wenig Personal, zu viele im Krankenstand und im Urlaub. Das klingt wirklich nach vorausschauender und professioneller Personalplanung. Klassischer Fall von totgespart. Patrick Döring von der FDP forderte bereits, Fahrdienstleiter per Zulage zum Abbruch ihres Urlaubs zu motivieren. Womit er gleich einen schönen Einblick lieferte, wie marktkonforme Demokratie funktioniert: Die am Ende der Nahrungskette sollen gefälligst den Mist ausbügeln, den Leistungsträger in ihrem raffgierigen Spar- und Effizienzwahn in einer Tour anrichten. Würde mich nicht wundern, wenn schon bald jemand mit dem Vorschlag um die Ecke kommt, den jährlichen gesetzlichen Mindesturlaubsanspruch für Arbeitnehmer auf zwei Wochen zu reduzieren und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ganz abzuschaffen. Damit der Standort Deutschland nicht gar so arg leidet.

Erinnert sich noch jemand an die späten Achtziger? Da wurden in westdeutschen Zeitschriften schockierende Bilder veröffentlicht, die aus der arg verranzten DDR durchgesickert waren. 'Kommunistische Misswirtschaft', so lautete das verbreitete Schlagwort angesichts der Ruinen, die man im Osten den Bürgern zwecks wohnen und arbeiten zumutete. Warum redet eigentlich nie jemand von 'kapitalistischer Misswirtschaft', wenn es in der bankrotten ehemaligen Autometropole Detroit ähnlich apokalyptische Bilder zu bestaunen gibt?

Übrigens, Rainer Brüderle schob in einem Interview mit der Mainzer Allgemeinen Zeitung sicherheitshalber gleich hinterher, es hülfe jetzt nicht, den Bahnvorstand Grube abzusetzen. (Jeder kleine Dienststellenleiter wäre vermutlich längst gefeuert, wenn er so ein Chaos zu verantworten hätte.) Außerdem müsse man die staatliche Unterstützung der Bahn überdenken, so was könne sich ein im internationalen Wettbewerb stehendes Unternehmen eigentlich nicht leisten. Mit anderen Worten: Gegen die Zumutungen des freien Marktes hilft nur noch mehr freier Markt.

Entschuldigung, ich muss dringend mal weg. Mein Frühstück. 



Kommentare :

  1. [i]" ... Seit wann kann man Naivität so hoch stapeln? ..."[/i]

    Gibt es irgend etwas, welches man höher stapeln könnte? Schau ich mir all die Ereignisse an ... Man bedenke all die Gesten, die eine solche Naivität in der Regel begleiten, jedoch im digitalen Zeitalter in Vergessenheit geraten.

    Aktuell oder zurück in die Vergangenheit ... Im Großen wie im Kleinen ... Immer diese im Nachhinein aufgerissenen Augen. Man bedenke, sie sind gegen das Firmament gerichtet und mitnichten nur diese Augenpaare. Himmel, das ist doch schon sehr hoch gegriffen, für solch menscheninitierte, irdische Geschehnisse. Zumal ein solche Blick stets auf eine Unendlichkeit in noch weiterer Ferne hinzuweisen scheint. Ein Stoßseufzer wird die Geste gekonnt zu unterstreichen wissen, begleitet von gleichfalls himmelwärts gezogenen Schultern und Handinnenflächen.

    Und dann, ja dann passiert es. Der Mund öffnet sich und Geräusche finden Eingang in meine Gedanken. Sie reißen mich heraus, aus meiner Bewunderung für dieses nahezu in Perfektion nachgestellte Heiligenbild. [i]„ Dieser Heilige spricht“[/i], nehme ich mit Erschrecken zur Kenntnis. Worte, sie klingen sanft. Nein, sie sollen sanft klingen, sie beginnen sanft, oder hatte ich nur erwartet, sie würden sanft klingen? Doch die ob einer möglichen Klage vorauseilende Entrüstung zerstört mir diese Illusion, zerfetzt die friedlich anmutende Darstellung:

    [i]"Das haben wir nicht gewusst, das konnten wir nicht wissen, nein, wirklich nicht. So etwas haben wir nicht geahnt, das haben wir doch gar nicht ahnen können ...."[/i]

    Usw. usf..

    Ganz so, als hätte es ins Gewölbe gebrannt werde müssen, um Eingang in die Gedanken zu finden und man vergewissere sich gerade, ob dort immer noch nichts stünde. Ja, wäre dem so gewesen, dann, ja dann hätte man es sicher erkannt. Doch niemand hatte es in den Himmel geschrieben.

    Vergessen sind dabei gleichwohl die irdischen Mahnungen, die Mahner, die Kritiken, die Kritiker. Diese Unken, diese Miesmacher und sonstiges Getier dort unten, wohin sich der Blick nicht richtet. Alles nur Zufallstreffer, auch sie haben es nicht sehen und niemals solches ins Elysium schreiben können.

    Nein, nein, lieber Autor, ich kenne nichts, gar nichts, was sich höher stapeln lässt. Naivität, eine solche, die in der Lage ist, über vorher absehbare Kausalketten und deren Folgen schon in der Geste der Körpersprache immer noch nach den Zeichen im Himmel zu suchen, statt im Gehirn.

    Möglich, es hat es etwas mit dem Lesen lernen zu tun ... was weiß ich ... Vll. sind die Hirne aber auch einfach zu leer, also zu leicht und deswegen mehr von der Schwerkraft befreit, als jene der Irdischen ...

    LG
    Rosi

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  2. Was totsparen fast im wahrsten Sinne bedeutet,hat eine gute Freundin gerade mit ihrer Mutter im Krankenhaus erlebt.Komplizierter Beinbruch mit 89 Jahren.Bis dahin noch körperlich und geistig rüstig zu Hause mit einer "Gesellschafterin wohnend.Auf der Intensiv durften die Verwandten sie nicht betreuen.Versorgung durch das Pflegepersonal bestand aber nur aus ruhigstellen mit Medikamenten und hinstellen des Essens.Komisch das diese Frau keinen Hunger/Durst hatte^^(oder kam sie nur nicht ans Essen ran? Bzw war durch die Medikamente zu schwach zum Essen?!)Aber kann man dem Pflegepersonal einen Vorwurf machen,wenn 2 Vollzeitkräfte und einen Stundenkraft(zum reinkarren der Mahlzeiten) ca.40!!!! alte,schwache zum Teil schwerstverletzte Patienten versorgen müssen.Das die Mutter das überlebt hat,lag daran,dass dann auf der "Normalstation" 15/18 Std ständig ein Verwandter dabei war,sie wurde gefüttert,gewaschen und ständig versorgt.Und auch jetzt im Altenheim ist ständig einer da.Diese Frau hat 50 Jahre gearbeitet,einen Betrieb aufgebaut,und immer Krankenkassenbeiträge gezahlt.Um dann solche "Versorgung" von staatlicher Seite zu verdienen?
    Ich denke,jeder hat in seinem Bekanntenkreis ähnliche traurige Beispiele oder gar an eigenem Leib erfahren.
    Es gibt da einen Sketch,der gerne auf Geburtstagen älterer Herrschaften aufgeführt wird.Da geht ein älterer Mensch lieber für viel Geld auf Kreuzfahrt,statt ins Altersheim.Denn dort bekommt er für das gleiche Geld eine luxuriöse Vollverpflegung, mit Top Animationsprogramm und exklusiver ärzlicher Versorgung.Das Lachen würde so manchen dabei im Halse stecken bleiben,wenn er wüsste,wie nahe die Realität ist!

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