Sonntag, 11. August 2013

Die nächste feine Idee


Dass Arbeit eine Gnade ist, für die man gefälligst dankbar zu sein hat und dass das Schaffen von ArbeitsplätzenTM so ziemlich jede unmenschliche Zumutung rechtfertigt, ist bekannt. Aus Großbritannien kommt jetzt eine neue Idee zur weiteren Auslagerung jeglichen unternehmerischen Risikos an die Arbeitnehmer. Es handelt sich um so genannte Zero-hour contracts. Das sind Arbeitsverträge, in denen keine Stundenzahl mehr festgelegt ist. Man hat sich auf Abruf zu halten und wird nach Bedarf eingesetzt. Oder auch nicht. Wenn man Pech hat, verdient man überhaupt nichts. Weil sie fürchten, in ein schlechtes Licht zu geraten, garantieren einige Kaffeebarketten ihren Baristas - man ist ja kein Unmensch - jetzt immerhin acht volle Mindeststunden pro Woche. Das wären bei einem Stundenlohn von 8,50 Pfund immerhin satte 68 Pfund Sterling. Beim momentanen Wechselkurs entspricht das 78,95 Euro.

Stellenweise gibt es Vergleichbares auch bei uns, aber auf der Insel ist man, scheint's, noch konsequenter. Als ob solche Verhältnisse nicht schon grotesk genug wären, setzt das orwellianische Verharmlosungsgelaber, mit dem so etwas als großer Fortschritt und Gewinn für alle Beteiligten verkauft wird, dem Ganzen die Krone auf. Man sollte sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, was der Tory-Abgeordnete Jacob Rees-Mogg dazu meinte:

"Zero-hours contracts are a low proportion of the workforce, they provide a route into employment and flexibility for staff. They benefit business, consumers and taxpayers by keeping costs down and they boost productivity, allowing the efficient use of labour. Those who always know best for individuals are against them. It is surely better to trust people to decide for themselves."

(„Zero-hours contracts betreffen nur einen kleinen Teil der Arbeitnehmer, sie bieten einen Einstieg in Arbeitsverhältnisse und dem Personal Flexibilität. Sie kommen Unternehmen, Konsumenten und Steuerzahlern zugute, weil sie die Kosten gering halten. Sie kurbeln die Produktivität an und ermöglichen, Arbeit effizient einzusetzen. Diejenigen, die immer wissen, was für Individuen am besten ist, sind [in Wahrheit] gegen sie. Es ist sicher besser, Menschen zuzutrauen für sich selbst zu entscheiden.“)

Abgesehen davon, dass mittlerweile eine Million Menschen in Großbritannien solche Zero-hour-Verträge haben, vier mal so viele wie offiziell geschätzt übrigens, könnte man noch eine ganze Menge sagen über diese ignorante, menschenverachtende Frechheit. Belassen wir es mal dabei: Warum profitieren eigentlich alle Beteiligten materiell von diesen Verträgen, nur die Arbeitnehmer nicht? Ach so, die bekommen ja Flexibilität. Das ist doch was! Nur kann man dummerweise davon leider keine Miete und keine Stromrechnung bezahlen. Und Essen kann man sich dafür auch nicht kaufen. Aber das ist auch nicht wichtig, denn was gut ist für die Wirtschaft, ist bekanntlich gut für uns alle. Auch wenn einige Meckerpötte das ums Verrecken nicht einsehen wollen.

Der Vollständigkeit halber sollte man noch darauf hinweisen dass der Abgeordnete Rees-Mogg nicht müde wird, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass er praktizierender Katholik ist.



Kommentare :

  1. Ich bin dafür,dass vor allem Politiker solche Zero-hours contracts bekommen^^Da gilt dann endlich,wer nix leistet,verdient auch nix!!!
    Irgendwann gibt es einen großen Knall und unser Stimmvieh erwacht.Tja,dann merkt auch der sogenannte Leistungsträger/Politiker/die Wirtschaftselite,dass man sich auch wehren kann.

    AntwortenLöschen
  2. So menschenverachtend diese neue Eskalationsstufe der Arbeitsverhältnisse auch sind: Sie sollten niemanden überraschen. Sie folgen schlicht und ergreifend der kapitalistischen Logik der Gewinnmaximierung, sind sozusagen systemimmanent.
    Solange unsere Gesellschaftsordnung kapitalistischen Prinzipien folgt, solange wird auch eine immer weiter fortschreitende Entrechtung der Lohnabhängigen vorangetrieben.
    Ein stetig ansteigendes Wirtschaftswachstum wird uns als erstrebenswert verkauft, wohlweislich verschweigend, dass dies nur wenigen Privilegierten zu gute kommt.

    Solange der Kapitalismus nicht überwunden wird, solange gibt es Wirtschaftspolitik statt Menschenpolitik.

    Man muss das gesamte Gesellschaftssystem in Frage stellen - die Werte auf die es fußt.
    Menschenrechte, wie sie in Verfassungen auftauchen, lesen sich sehr schön. Eingelöst werden sie aber nur dann, wenn sie die Dynamik der Besitzverhältnisse und der Verteilung von unten nach oben nicht behindern.

    Der Kapitalismus lässt sich nicht zähmen. Macht assimiliert Geld, und Geld assimiliert Macht.
    Die sog. Demokratie hat lediglich die Aufgabe bestehende Besitzverhältnisse zu bewahren.

    Wer bspw. glaubt, dass auch nur die theoretische Möglichkeit besteht bei der kommenden Bundestagswahl die Weichen anders zu stellen, wer glaubt es gäbe eine Alternative zur Wirtschaftsdiktatur, die man herbeiwählen könnte, der sieht nicht das Gesamtbild.

    Solange wir unsere Zukunft den freien Kräften des Marktes anvertrauen, solange brauchen wir uns über die von Stefan beschriebenen Auswüchse nicht zu wundern.
    Wie gesagt: Sie folgen der Logik unserer Gesellschaftsordnung...

    Grüße, Duderich

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @ritick: Neiiin, immer diese Neiddebatten! Kannst du den Leistungsträügern(tm) nicht einfach mal ihren Wohlstand gönnen? ;-)
      @Duderich: Schon richtig. Andererseits: Es gab hier schon einmal ein paar Jahrzehnte lang einen gezähmten Kapitalismus - allerdings hat er nur unter den Vorzeichen des Kalten Krieges funktioniert, aus Angst, dass die roten Fahnen wehen, wenn man's zu dolle treibt.

      Löschen
  3. Das Konzept an sich ist gar nicht sooo schlecht, viele Freiberufler arbeiten unter ähnlichen Bedingungen. (Der Arbeitgeber kauft flexibel Leistungen / Arbeitszeit nach Marktlage. Im Gegenzug kann es natürlich passieren, dass der Freelancer für ein Projekt gerade keine Zeit hat.)

    Zum Problem wird das ganze natürlich, wenn der Arbeitnehmer einseitig benachteiligt wird und nicht mehrere solcher Verträge abschließen darf.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Problem ist aber , daß der Arbeitnehmer nicht nein sagen kann.

      Löschen
    2. Das Konzept funktioniert nur in ganz engen Rahmenbedingungen=Freiberufler ,die ihren Preis selbst gestalten können,da es nur wenige in ihrem Beruf gibt.Merke:Angebot und Nachfrage regelt es.Viele meiner Bekannten arbeiten freiberuflich.Für den Aufbau einer Familie/Hausbau,sesshaft werden ist das auch nichts.Für das Gros an AN darf so etwas nie gelten.Sobald viele AN ihre Dienste anbieten müssen und der Ag sich seine AN aussuchen kann,ist Feierabend mit fairen Löhnen

      Löschen
    3. Man denke da nur an diese Internetseiten, auf denen freiberufliche Dienstleister, z.B. Handwerker, Auktionen um den niedrigsten Preis veranstalten...

      Löschen
  4. Was regen sich die Arbeitnehmer eigentlich auf ? Wenn sie kein Brot haben , dann sollen sie halt Kuchen essen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genau ... oder sich als Arbeiter unter dem Siegel "Fair Trade" verdingen ... Uns, uns, uns ... geht es doch noch viel, viel, viel zu gut ... zuuuuh guuuht ... zgut ... jajah ... uuuunnntz!

      So sind wir erst zufrieden, wenn wir selbst dort (wieder) angelangt sind:
      http://future.arte.tv/de/thema/wie-fair-ist-fairtrade

      Daannn, jahah, dann, können wihir uuunntz dem rischitischen Jammern widmen ... und haben es vorher - wie immer - nicht gewusst, nicht gedacht ... gedacht ... gedacht ...

      Löschen