Sonntag, 18. August 2013

Polonäse Johnnymeese


Was Jonathan Meese angeht, habe ich drei Probleme: Erstens vermag ich nicht zu beurteilen, ob das, was er so macht und treibt, Kunst ist oder nicht. Keine Ahnung. Mir fehlen auch die nötigen Kenntnisse, um das zu beurteilen. Und die, die sie mehr oder weniger haben sollten, wie etwa Feuilletonisten oder Kunsthistoriker, halten sich mit Antworten auf die Frage: "Wie, und das soll jetzt Kunst sein oder was?", in der Regel vornehm zurück. Mein zweites Problem ist, dass ich nicht qualifiziert bin zu sagen, ob Meese einen Knick in der Kappe hat oder nicht. Dazu müsste ich Psychiater sein und er mein Patient. Dann dürfte ich aber meine Erkenntnisse ohne sein Einverständnis nicht öffentlich mitteilen, wollte ich es nicht mit der Justiz zu tun bekommen kriegen. Mein drittes Problem ist, dass ich nicht sagen kann, ob der gute Mann ein Nazi ist oder entsprechende Tendenzen zeigt. Dazu wäre ich qua Ausbildung zwar noch am ehesten in der Lage, doch müsste ich mich dafür näher mit ihm und seinem Schaffen befassen. Dazu fehlen mir Zeit, Lust und Interesse.

Dass das Amtsgericht Kassel ihn im so genannten Hitlergruß-Prozess frei gesprochen hat, geht völlig in Ordnung. Gerichte haben sich aus der Frage, was Kunst sei und was nicht, so weit es geht herauszuhalten. Dass nicht wenigen der Kamm schwillt ob seiner Auftritte, ist etwas anderes. Auch Meese selbst liegt richtig, wenn er sagt, seine Performance sei zwar geschmacklos gewesen, doch habe er das Recht, geschmacklos zu sein. So wie es das, wenn auch schwer erträgliche, Recht von Privatsendern ist, beispielsweise Formate zu senden, in denen nappagesichtige, säftelnde deutsche Neokolonialherren-Opas sich an jungen Thailänderinnen vergreifen und sich dabei aufführen, dass bei mit Resten an Geschmack und Sensibilität ausgestatteten Menschen der Mageninhalt Schaum schlägt.

Wenn das bloße öffentliche Vorführen eines Hitlergrußes eine Straftat wäre und deren Schwere sich nach der Häufigkeit richtete, dann würde zum Beispiel ein gewisser Guido Knopp jetzt nicht etwa sein Gnadenbrot beim Sender Phoenix verzehren, sondern längst eine Zelle in einer Justizvollzugsanstalt bewohnen. Ist natürlich Blödsinn, denn schließlich hat er selbst ja nie das Ärmchen gehoben zum Zwecke der Agitation, sondern hat das immer andere machen lassen in seinen Hitlerfilmchen. Außerdem geschah das rein zu dokumentarischen Zwecken und im Dienste der Wissenschaft.

Meese kommt einem vor wie einer dieser Berufsbürgerschrecks, bei dem die Abgeklärteren, die sich nicht provozieren lassen mögen, gern die Vorstellung beschleicht, er habe in seinem Schreibtisch eine Strichliste mit Tabus, die es noch systematisch abzuarbeiten gilt. Und wenn alle Spießer nur laut genug aufjaulen, dann freut er sich so richtig. Seine öffentlichen Auftritte haben teils etwas rührend Anachronistisches. Er erinnert an jene kleinen Künstlerkönige, die das 19. und frühe 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, und die, umgeben von einem Kreis aus Jüngern, zu Messiassen sich stilisierten und die Menschheit mittels Kunst zu erlösen trachteten. Auch er ruft gern die "Diktatur der Kunst" aus. Dazu hängt er sich ein eisernes Kreuz um und wettert gegen die Demokratie, der er wahlweise attestiert, eine "Pupsmacht" zu sein oder eine "Weltdiktatur". Sie sei die "Basisideologie der Ich-Pest" und die "Lehre des optimierten Mittelmaßes".

Natürlich lässt sich da aus einigem eine dekadente Sehnsucht heraushören nach heroischeren Zeiten, in denen nicht Mittelmäßige sagen, wo es lang geht. Wenn er seine Tiraden gegen die Diktatur der Demokratie wirklich eins zu eins ernst meinen und einer Diktatur das Wort reden würde, dann wäre er in der Tat blöder als die Polizei erlaubt, denn es ist schon die Frage, ob ein anders tickendes System ihn so vergleichsweise frei machen ließe. Demokratisch verfasste Systeme unterscheiden sich unter anderem darin von Diktaturen, als dass sie eben keinen verbindlichen künstlerischen Kanon kennen, der allen übergestülpt wird und dass in ihnen die diesbezüglichen Grenzen immer wieder aufs Neue verhandelt werden. Besonders anstrengend wird es immer dann, wenn Religion und Kunst aneinanderrasseln.

Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, was Kunst ist und was nicht. Ich weiß nur, dass Kunst im besten Fall insofern aufklärerisch zu wirken vermag, als dass sie bestimmte Strömungen des Zeitgeistes bündeln, den Finger auf grundlegende Widersprüche und Lebenslügen einer Gesellschaft legen kann. Was nicht immer bequem ist oder gar einfach. Erst recht nicht schön. Wenn das im Falle Meesens so sein sollte, dann hat man durchaus Grund zur Beunruhigung. Es mehren sich Stimmen, die der ganzen demokratischen Streiterei müde sind und kein Problem damit hätten, wenn es wieder etwas autoritärer zuginge. So lange man nur seine Ruhe hat und es nur die anderen betrifft. Oder wie ist das mit einer freiheitlichen Demokratie, die so freiheitlich ist, dass sie diktatorische Züge annimmt, weil sich immer mehr an Reichtum, Macht und Einfluss bei immer weniger Leuten konzentriert? Kann es sein, dass wenn Meese Occupy-Demonstranten als Penner bezeichnet, die außer Landes geschafft werden müssen, er nur ausspricht, was in zu vielen Business-Gehirnen eh vorgeht?

Noch anders gefragt: Kann es sein, dass mit Meese, ohne einen Helden aus ihm machen zu wollen oder ein Genie, bloß der Überbringer der schlechten Nachrichten vor dem Kadi gestanden hat? Dass er eigentlich nur sagen wollte: Seht euch doch an, ihr Bildungsbürger und eure so genannte Kultur! Eure auf Niveau gepimpten Entpolitisierungs- und Relativierungs-Filmchen von Knopp, Hoffmann, Hirschbiegel etcetera, bei denen ihre euch eure wohligen Schauer abholt und nicht blicken wollt, dass euch längst die nächste Diktatur am Haken hat. Ihr seid es doch, die den Hals gar nicht voll kriegen können mit Hitlaa, Hitlaa und immer wieder Hitlaa. Ich bin nur der Hofnarr, ich mache nichts weiter, als euch in aller Deutlichkeit, zu der ich fähig bin, den Spiegel vor die selbstzufriedenen Nasen zu halten, nicht mehr.

Man kann Meese größenwahnsinnig, sein Auftreten, seine wirr erscheinenden Manifeste und seine teils einfallslosen Performances lachhaft, eklig, bedenklich oder auch irrelevant finden. Man muss das alles auch nicht gut finden oder gar künstlerisch wertvoll (davon bin ich weit entfernt). Vielleicht aber ist es besser als einem lieb sein kann, das alles zumindest ernst zu nehmen. Denn es ist sehr wohl möglich, dass nicht Meese verrückt ist, sondern die Zeiten, in denen wir leben.


Kommentare :

  1. Hofnarr ohne König ? "Aber bitte nichts kaputtmachen" (Spon) ! Weia der Kerl. Ich find deine Überlegungen ganz interessant, weil ich erst eindeutig Knick in der Kappe gedacht habe. Kann man eigentlich dann auch differenzierter sehen. Und nachdem ich mir Sachen von Meese, oder besser seine öffentliche Darstellung, angeschaut habe, weiß ich es jetzt. Das ist Christian Ulmen in seiner letzten Rolle als Klickediklack Schnacksack, der Priesterkünstler aus Neurosien.

    p.s. Die ersten zwei Bände Steeler-Straße sind verputzt ...

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  2. Das ist überhaupt nicht schwer. Es ist Käse-Kunst. Und natürlich hat der Mann einen Knick an der Waffel. Er versagt vor der eigenen Unmöglichkeit, der liberalen Sensationsgeilheit noch einen drauf zu setzen und erklärt dann eben die Diktatur der Kunst. End of increase across the border to freedom. Alberner, geht das gar nicht mehr. Die Clownerie am Ende ihrer Zeit. Man kann das durchaus differenziert sehen, - aber an der Grenze verdichtet sich nur jede Differenziertheit immer weiter hin bin zum Unerträglichen, - und dann explodiert sie an den eigenen Unmöglichkeiten weiterer Steigerungsmöglichkeiten. Dieser Mann, - ist das künstlerische Symbol für den Untergang einer Weltanschauung, die sich in sich selber verbissen hat. Tut mir fast leid um ihn. Aber wenn man schon mit Symbolen rum spielt, sollte man wissen, was sie zu bedeuten haben.

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