Donnerstag, 8. August 2013

Wie, keine Wurst heute?


Hätte man mich vor zehn, oder besser: fünfzehn Jahren gefragt, ob zu einer täglichen Mahlzeit in jedem Fall ein Stück Fleisch oder eine Wurst gehört, dann wäre meine Antwort ein aus der Pistole geschossenes Ja gewesen. Das CMA-Diktum vom Stück Lebenskraft war von klein auf ein ehernes Mantra meines Speiseplans. Wie so viele, bin ich mir da inzwischen längst nicht mehr so sicher. Mittlerweile esse ich zwischendurch gern fleischlos. Nicht vegan allerdings. Ein Leben ohne Milchprodukte und Käse dünkt mir machbar, aber sinnlos. Meine langsame Mutation zum Flexitarier, wie das die jungen Leute heute nennen, hat mehrere Gründe. Zum einen bin ich mit den Auswüchsen moderner Massentierhaltung alles andere als einverstanden, auch wenn es teilweise unangebracht ist, sie pauschal zu verteufeln. Weiterhin probiere ich gern Neues aus und bin zunehmend angetan, was sich fleischlos so alles Leckeres und Nahrhaftes bereiten lässt.

Möglicherweise ist es auch familiäre Prägung. Weil mein Vater mit vier Brüdern in der Nachkriegszeit groß geworden ist, war es für ihn als Kind völlig normal, nur ein oder zwei Mal in der Woche Fleisch zu bekommen. Sonntags und vielleicht noch montags, wenn etwas vom sonntäglichen Braten oder Gulasch übrig geblieben war. Später, als er bei einer Bank arbeitete, nervte er das Kantinenpersonal damit, dass er auf das Fleisch dankend verzichtete und lieber einen Extraschlag Gemüse und Kartoffeln nahm. Das genügte ihm. Nicht, weil er Vegetarier gewesen wäre (das ist er bis heute nicht), sondern weil er es einfach gern mochte. Weil ich um Kantinen einen Bogen mache, wäre ein Veggie Day, also ein fleischfreier Tag, in deutschen Kantinen und Mensen, für mich kein Problem. Vermutlich würde ich überhaupt nichts davon bemerken.

Ich bin übrigens sehr dafür, dass Kantinen und andere Massenverpflegungseinrichtungen vegetarisch und vegan lebenden Menschen selbstverständlich ein entsprechendes tägliches Angebot machen. Kantinen und Mensen sind etwas anderes als Restaurants. Sie werden meist von Leuten aufgesucht, für die ein Essen dort die preisgünstigste Möglichkeit ist, an eine ordentliche Mahlzeit zu kommen. Somit ist es ein Gebot der Fairness, auch vegetarische und vegane Gerichte anzubieten. Außerdem schätze ich es, wenn möglichst viele glücklich und zufrieden sind.

Der deutsche Durchschnittsuntertan lässt sich normalerweise nicht von allzuviel aus der Ruhe bringen. Kinkerlitzchen wie das Ausschnüffeln seiner Privatsphäre, das Verramschen öffentlichen Eigentums, die immer weiter gehende Beschneidung von Arbeitnehmerrechten oder die sich verschlimmernde schleichende Verelendung immer größerer Bevölkerungsgruppen etc. ihm mehrheitlich am Arsch vorbei und er sagt sich achselzuckend: Die da oben machen doch eh was sie wollen. Kann man eh nichts machen. Bei ein paar Dingen aber hört sich der Spaß auf und er entdeckt den leidenschaftlichen Basisdemokraten in sich: schnell Auto fahren, billig in Urlaub fliegen, billig Fleisch essen. Wer es wagt dass auch nur ansatzweise infrage zu stellen, sollte sich für den Shitstorm seines Lebens wappnen.

So auch jetzt geschehen. Der Vorschlag der Grünen, in deutschen Kantinen einen fleischlosen Tag für alle einzuführen, löste das zu erwartende Geblöke aus. Skandal! Die grünlinken Volxerzieher wollen uns unser Stück Lebenskraft wegnehmen, lautete der Tenor. Die Aufregung darum ist heillos überzogen. Denn es geht nicht etwa um einen rechtlich verpflichtenden fleischlosen Tag für alle, sondern lediglich eine entsprechende Empfehlung. Andererseits kann man die Aufregung schon ein klein wenig verstehen. Immerhin kommt der Vorschlag von den Grünen. Und die haben eine gewisse Tradition darin, Menschen in ihren Alltag und ihre Lebensgewohnheiten hineinregieren bzw. sich anzumaßen, Menschen im Sinne eines öko-kompatiblen Idealbildes umzuerziehen.

Zudem Erfahrung zeigt, dass man am besten die Salamitaktik anwendet, wenn man die Gesellschaft gründlich umgestalten will. Zu Anfang ist immer alles harmlos und klein: Wir wollen keinem etwas wegnehmen, wir wollen doch nur..., so klingt das zunächst. Sind die ersten Erfolge mal errungen, werden die Forderungen dreister und gehen immer weiter. Vielleicht bin ich etwas paranoid – mag daran liegen, dass ich Raucher bin – aber auch wenn es eines Tages tatsächlich einen bundesweiten Veggie Day geben sollte, fürchte ich, wird das nicht das Ende der Fahnenstange sein. Es braucht nicht allzuviel Phantasie, um sich die nächsten Vorschläge vorzustellen, wie etwa nach einer fleischlosen Woche im Monat oder die nach einem Gesetz, dass Restaurantbetreiber und Wirte vegetarische und vegane Gerichte auf ihren Karten anzubieten haben.

Um das klar zu stellen: Der tägliche Konsum von Fleisch ist alles andere als ein unveräußerliches Menschenrecht und öfter auf Fleischernes zu verzichten, ist sicher auch gesünder. Will ich alles gar nicht bestreiten. Wer sich freiwillig dafür entscheidet, schön. Aber die Menschen müssen in einer demokratischen Gesellschaft verdammt noch mal die Wahl haben, ob sie das möchten oder nicht. Wer den Staatsapparat dazu verwenden will, anderen seine höchstpersönlichen ethisch-moralischen Minderheitenmaßstäbe aufzuzwingen, handelt totalitär.

Trotzdem, das Gezeter, das um die entsprechende Forderung der Grünen veranstaltet wird, ist maßlos. Man kann davon ausgehen, dass sich in den Reihen der Grünen von allen im Bundestag vertretenen Parteien die meisten Vegetarier und Veganer tummeln, eine überwiegende Mehrheit der potenziellen und tatsächlichen Wähler der Grünen für die Idee eines Veggie Day also zumindest gewisse Sympathien hegen dürfte. Wenn die Grünen so etwas im Bundestagswahlkampf fordern, dann machen sie damit nichts anderes als – Klientelpolitik. Wenn jedesmal ein ähnliches Tamtam veranstaltet würde, wenn zum Beispiel die FDP mal wieder etwas fordert, das wenigen nützt und den meisten schadet, die politische Landschaft wäre eine andere.


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