Samstag, 14. September 2013

Hiiilfeee, ein Finger!


Irgendwie hegt man ja immer noch diesen seltsamen, irrationalen Optimismus in Bezug auf gesellschaftlichen Fortschritt. Man ist geneigt zu glauben, wenn die Alten langsam ausstürben und weniger würden, dann würde das Leben besser, freier und ein Stück weniger verkrampft. Dann käme ein wenig Schwung in die Bude, würde es nicht mehr so verknöchert zugehen, den verbiesterten Spießern endlich der Staub aus der Jacke geschüttelt. Irgendwann muss doch mal Schluss sein, denkt man, mit diesem oberflächlichen, gouvernantenhaften Gemaßregel a'la: Zieh die die gute Hose an, was sollen die Nachbarn denken? Gib dem Onkel das schöne Händchen. Geh mal zum Friseur, wie siehst du überhaupt aus? Ihh, so ein schlechtes Vorbild! Und wie der Vorgarten von denen wieder aussieht! Immer wieder glaubt man, nein hofft man, so was müsse doch irgendwann mal erledigt sein im 21. Jahrhundert. Und immer wieder freut man sich zu früh.

Jetzt hat Peer Steinbrück es gewagt, einen Fotowitz im Magazin der 'Süddeutschen Zeitung' zu machen. In der Fotogalerie aus der Serie 'Sagen Sie jetzt nichts' hat er auf die Frage, wie er mit Spitznamen wie Pleiten-Peer oder Peerlusconi umgeht, den Stinkefinger gezeigt. Und sofort jaulten sie los und bliesen die Backen auf, die alten Tanten im Geiste: Um Himmels Willen! Geht ja gar nicht! Interessanterweise jaulte es am lautesten aus den Reihen der Partei, die ihrerseits gar nicht geht und die sich selbst liberal nennt (man wird den Eindruck nicht los, dass da auch ein wenig Neid im Spiel sein könnte):

Unerhört, so was! So einer will Kanzler werden! So einer will - Tusch, feierliches Tremolo in die Stimme! - Deutschland vertreten. Bin ich denn nur noch von Spießbürgern umgeben? Aber sicher doch! Im unwahrscheinlichen Falle einer Kanzlerschaft wird Steinbrück vermutlich allen den Finger zeigen, auf G20-Gipfeln rumrülpsen und der nächstbesten ausländischen Regierungschefin auf den Po klatschen. Im Wahlkampf ist es ja noch verständlich, dass gegnerische Parteizentralen so was raushauen. (Wobei mir ein gelegentlicher Mittelfinger, ehrlich gesagt, weit lieber ist als mir noch weitere vier Jahre lang das anhören zu müssen, was diverse FDP-Granden so von sich geben.) Alle anderen aber, die sich jetzt ernsthaft über Steinbrücks Geste aufregen, sind vermutlich dieselben viel zu früh erwachsen Gewordenen, die einem sonst immer die Jacke vollheulen, dass es einfach keine Typen mit Ecken und Kanten mehr gäbe, sondern überall nur noch glattgebügelte, stromlinienförmige Durchschnittsgeölte. In zehn Jahren werden sie immer noch dasselbe jallern und vermutlich sagen: Ja, der Steinbrück, der hatte Eier! Der hat den Leuten damals den Stinkefinger gezeigt.

An Peer Steinbrück gibt es gewiss vieles zu kritisieren, aber man muss kein Fan von ihm sein, um ihn gegen solch moralinsaures Geknötter zu verteidigen. Wenn das Foto eine Inszenierung ist, dann ist es eine gute. Es polarisiert, es fällt auf und hat tatsächlich das Zeug, im kollektiven Gedächtnis haften zu bleiben. Im Übrigen ist das eine durchaus verständliche Reaktion auf eine Journaille – und der galt die Geste – die die herrschende Regierung, von Ausnahmen abgesehen, geradezu mit Samthandschuhen anfasst, die sich im Falle Steinbrücks aber schier auf die Schenkel haut, wenn sie sich mal wieder einen dämlichen Spitznamen ausgedacht hat. Sagen wir, ein Rainer Brüderle hätte eine solche Pose geliefert: Wären die Reaktionen dann auch so? Kaum. Dieselben, die jetzt meinen, Steinbrück gutes Benehmen beibringen zu müssen, würden die liberale Weinkönigin vermutlich beklatschen dafür, wie authentisch er doch geblieben sei, wie wenig er sich habe verbiegen lassen und wie recht er doch habe, wenn man bedenke, wie schlimm doch alle immer auf ihm herumhackten.

Sie sind überall, die Vernünftigen, die Gouvernanten. Die, denen zum Tode des großen, des einzigen, des überragenden Otto Sander nichts anderes einfällt, als gespitzten Mündchens anzumerken, dass er noch viel älter hätte werden können, wenn er nicht so viel gesoffen und geraucht hätte. Nix begriffen vom Leben, aber die Fresse aufreißen und ungefragt Ratschläge erteilen.

Wirklich schlimm wird es aber, wenn die PR-Berater herausfinden sollten, dass der Finger Steinbrück am Ende tatsächlich ein paar Prozente gebracht hat. Weil nicht wenige PR-Fuzzis es bekanntlich für eine kreative Leistung auszugeben pflegen, Erfolgreiches sofort zu kopieren, dürfen wir uns jetzt schon darauf freuen, wie Angela Merkel a'la Miley Cyrus die Zunge rausstreckt, Fipsi Rösler wie ein Rapper herumgestikuliert und Jürgen Trittin die Pommesgabel macht.




Kommentare :

  1. Hihi. Na, geht ja auch anders herum. Ich warte noch auf Renate Künast im Dirndl. Volksnähe und so. Zum Konterkarieren feministischer Bräuche :-)

    AntwortenLöschen
  2. Jetzt, wo Berlusconi als Regierungschef endgültig aus dem Rennen scheint, muss ja wer das Derbe übernehmen bei den ganzen Gipfeln, sonst langweilen die sich dort doch :)

    AntwortenLöschen
  3. Stimmt schon , die Spießer reißen das Maul auf , das ist völlig lachhaft. Finde nur , daß die Geste Steinbrücks selber spießig ist , weil da nur Einer den Coolen geben will , aber tatsächlich nicht so "locker" ist , wie er da tut.
    "Cool" , oder wirklich unkleinbürgerlich wäre es , mal den ganzen Medienbetrieb mit seiner Scheißpropaganda auf die Rolle und ins Visier zu nehmen ,bislang aber ist Steinbrück nicht als Punk aufgefallen , als es darauf ankgekommen wäre , also in der Regierungszeit Schröder.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. «bislang aber ist Steinbrück nicht als Punk aufgefallen , als es darauf ankgekommen wäre»

      so sieht's aus ;)

      und stimmt, der Medienbetrieb unterscheidet sich in seiner Oberflächlich- & Scheinheiligkeit gar nicht so groß von der Politik...
      die Monopolsituation Bertelsmann/Springer, die Regierungsergebenheit mancher Verlage oder das Gebaren als NATO-Hausblätter noch nicht mal eingerechnet.

      es müsste sowas wie ne P.A.R.T.E.I. des Medienbetriebs geben.

      @gnaddrig:
      Berlusconi war einmalig. Sowas kann man nicht "übernehmen", so wird man geboren ;)

      Löschen
    2. @ Garfield

      "DIE ZEITUNG. Meinungen überwinden."

      Löschen
  4. Sozialdemokraten ( oder man suche sich eine Farbe aus ) mit jugendaffinen Attitüden fand ich eigentlich schon immer recht unentspannt. Steinbrücks Stinker ist ungefähr so cool wie Lafontaines Zuckungen zu Techno Beats auf dem SPD Jugendparteitag 1996. Das sieht nur bemüht aus und der Stock im A.... läßt sich nicht negieren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wobei ein Stinkefinger nicht mehr wirklich jugendaffin ist. Ich fand das Bild nicht wirklich auf jugendlich getrimmt (und der A... ist glücklicherweise nicht drauf).
      Und, schon durch mit Wolli & Co.?

      Löschen
  5. Den Sammelband hatte ich schon durch. Drecksgeschäfte ist letzte Woche gekommen und in Arbeit. Ein Schatzkästchen von Zitaten, die rülpsend nachhallen. Wer man gern Freund des Hauses. Bring auch was zum Süffeln mit.

    AntwortenLöschen