Dienstag, 3. September 2013

Kuschelmutti und der Metzger


Ein paar lose Gedanken zum TV-Duell vom Sonntag

Also schön, gut, ja. Ich gebs zu. Meine Neugier hatte gesiegt. Ich habe mir am Sonntagabend die zweite Hälfte des TV-Duells angesehen. Oder besser angehört, denn es lief eher im Hintergrund. Viel Erhellendes darf man sich von diesem Format eh nicht erhoffen. Allzu klare Ansagen gibt das – übrigens immer noch verfassungswidrige – deutsche Wahlrecht eh nicht her. Anders als in den USA, wo die Präsidentenwahl eine Personenwahl ist, wird hierzulande der Bundestag gewählt, nicht der nächste Kanzler. Außerdem sind Koalitionsregierungen, die Kompromisse nötig machen, die Regel. Ein Kanzlerkandidat bzw. eine amtierende Kanzlerin wäre also schön blöd, sich in so einer Sendung allzusehr festzulegen. Dass es Steinbrück gelungen ist, Merkel ein klares Nein zu einer PKW-Maut abzunötigen, ist vor diesem Hintergrund keine Kleinigkeit und dürfte zwischen der CDU und ihrem bayerischen Ableger für Unstimmigkeiten sorgen.

Angela Merkel fuhr ihre bewährte Taktik der kuscheligen politischen Demobilisierung. Ihre politische Linie, so man überhaupt davon sprechen kann, lässt sich im wesentlichen wie folgt zusammenfassen: Die Momentane ist die erfolgreichste Regierung überhaupt, Deutschland geht es Gold, wo's trotzdem noch haken sollte, da müssen wir halt dran arbeiten und überhaupt, Mutti kümmert sich schon. Steinbrück hat es mit seiner Formulierung vom Einlullen durchaus getroffen. Ansonsten offenbarte sie beim heiklen Thema des Ausspähens der Online-Kommunikation durch NSA und GCHQ erschreckende Ahnungslosigkeit. Man mag sich nicht lieber nicht vorstellen, wie ihr Informationsstand auf anderen Gebieten ist. Andere momentan mindestens ebenso wichtige Themen wie Außenpolitik (Syrien) und Rassismus (NSU und die Geheimdienste) kamen gar nicht erst zur Sprache.

Steinbrück dagegen hat immerhin eines erreicht. Er hat die Kampagne, die in den letzten Monaten gegen ihn gefahren wurde, Lügen gestraft. Politische Gegner und merkeltreue Medien haben nichts unversucht gelassen, ihn als unbeherrschten, cholerischen Schreihals hinzustellen, der mit hochroter Rübe beidfüßig von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpft und sorgsam darauf bedacht ist, bloß keines auszulassen (man muss sagen, dass er einiges dazu beigetragen hat). Am Sonntag hat er gezeigt, dass er, wenigstens neunzig Minuten lang, sehr wohl auch anders kann. Zwar dürfte er damit ein paar Punkte gemacht haben bei noch unentschlossenen Wählern, aber wohl zu wenig, um Rot-Grün am 22. September zur Mehrheit zu verhelfen. Zwar hat er eine Koalition mit der Linken ausgeschlossen, doch nicht jegliche Zusammenarbeit. Eine tolerierte Minderheitsregierung wäre durchaus noch im Rahmen des Möglichen.

In dem immer noch ziemlich unterhaltsamen Film Ein Fisch namens Wanda gibt Kevin Kline die Karikatur eines verpeilten, superpatriotischen Amerikaners. Als einer ihn auf den Vietnamkrieg anspricht, wirft er sich in die Brust und bölkt: "Das war unentschieden!" So ist es ein wenig überraschend, dass nicht nur die Mehrheit der Medien, sondern auch die der CDU-nahen Kommentatoren die Veranstaltung als ein Unentschieden bewerteten. Traute man Merkel im eigenen Lager so wenig zu?  Oder beginnt man zu ahnen, dass die traumhaften Umfragewerte allein der überproportionalen Beliebtheit Angela Merkels zu verdanken sind?

Die Ablehnung, die Co-Moderator Stefan Raab im Vorfeld entgegenschlug und teilweise noch entgegenschlägt, ist Ausdruck eines sklerotischen, bildungsbürgerlichen Dünkels und einer Kastenmentalität der etablierten Politjournaille. Hui, darf so einer das denn? Hat der das überhaupt studiert? Nö hat er nicht, sondern er ist gelernter Metzger. Nur ist Raab deshalb noch lange kein hergelaufener Hallodri, der mal eben irgendwas sagt, sondern ein mindestens ebenso versierter Medienprofi wie die anderen Moderatoren, gleich ob man ihn und seine Sendungen nun mag oder nicht. Was soll so schlimm daran sein, wenn jemand mal ein paar andere Fragen stellt als die üblichen? Allein dass die Kanzlerin gegenüber Raab patzig darauf beharrte, gefälligst ausreden zu dürfen und ihre Maske der gütig lächelnden Kümmerin einen Moment lang fiel, war den Spaß schon wert.



Kommentare :

  1. 'Steinbrück dagegen hat immerhin eines erreicht. Er hat die Kampagne, die in den letzten Monaten gegen ihn gefahren wurde, Lügen gestraft. Politische Gegner und merkeltreue Medien haben nichts unversucht gelassen, ihn als unbeherrschten, cholerischen Schreihals hinzustellen, der mit hochroter Rübe beidfüßig von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpft und sorgsam darauf bedacht ist, bloß keines auszulassen (man muss sagen, dass er einiges dazu beigetragen hat).'

    Obwohl ich dem sonstigen Text zustimme, muss ich Dir hier widersprechen:
    Steinbrück loost nicht (als Oppositons-Kandidat der sPD) deswegen, weil er als zu unbeherrscht und zu cholerisch daher käme. Sondern weil er unglaubwürdig ist. Er hat sich in der Vergangenheit als Deregulierer der Finanzmarktspekulationen eingesetzt, und auch abgesehen davon, nimmt ihm niemand den Verfechter der sozialen Gerechtigkeit ab. Und überhaupt der SPD, die in einer nibelungentreuen Festhaltung an der Agenda 2010 festhält, einer Eintretung für soziale Gerechtigkeit.

    Es geht doch nicht darum, wie sich Steinbrück im Duell oder überhaupt im Wahlkampf schlägt. Es geht um die Glaubwürdigkeit für einen (wirklichen) Politikwechsel.

    Diesen hat er nicht - und das zu Recht!

    Wie die Amerikaner so schön sagen:
    You fool me once, shame on you! You fool my twice, shame on me!'

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    1. Da hast du sicher recht, die SPD hat ein Riesenglaubwürdigkeitsproblem in Bezug auf die Agenda 2010 - wie soll man, die Erfahrung der Schröder-Ära im Rücken, einem Kandidaten seine Wandlung zum sozialpolitischen Paulus abnehmen, wenn der noch kurz zuvor eben jene Agenda in den höchsten Tönen gepriesen hat? Mir ging es auch eher um eine unmittelbare Bilanz dieser Veranstaltung. Mal sehen, vielleicht werde ich mich bis zum 22. noch mit dem Wahldilemma auseinandersetzen...

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  2. Bei Raab geb ich dir sogar mehr als recht. Wie heißt es so schön. In der Hölle, ist der Teufel eine Lichtgestalt. Mein Zusatz; "und plötzlich der ehrlichste von allen." So unbequem das auch ist. Er lebt das, was die anderen forciert haben. Nur eben besser. Die Gewinner bekommen ihren eigenen Wettbewerb. Die Richtung, bleibt aber trotzdem die Gleiche. Schnurstracks nach unten.

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