Sonntag, 1. September 2013

Mittelschichtsnobismus a'la Oliver


Es ist wichtig zu bedenken, dass Jamie Oliver nicht in erster Linie Koch ist, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann und Selbstdarsteller, der auch passabel kochen kann. Sein Geschäftsmodell basiert schon längst nicht mehr auf dem Verkauf von Kochbüchern und dem Moderieren von Kochsendungen, sondern auf der öffentlich zelebrierten Bekehrung des angeblich minderwertig futternden Pöbels zu gesunder Ernährung. Denn er verkauft seinen Fans vor allem die Illusion, dass jemand, der besser isst, auch ein besserer Mensch ist. Das funktioniert hervorragend und hat ihn zu einem steinreichen Mann gemacht. Damit das ohnehin schon recht stattliche Vermögen der Firma Jamie Oliver sich aber auch weiterhin mehrt, ist es nötig, dass der Mann sich von Zeit zu Zeit ins Gerede bringt, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Letzte Woche hat er in einem Radiointerview mal wieder kräftig gegen proletarische Schlechtesser vom Leder gezogen: Die Menschen in westlichen Ländern seien nicht mehr in der Lage, sich gesund zu ernähren. Statt ihr Geld für gute Lebensmittel auszugeben und gefälligst daheim zu kochen, kauften sie lieber Flachbildschirme und fräßen Fastfood. Nun ja, man sollte vielleicht darauf hinweisen, dass täglicher Konsum von Fastfood und Fertiggerichten auf Dauer ausgesprochen teuer ist, also für finanziell schlecht aufgestellte Menschen kaum infrage kommt. Ferner sollte man klarstellen, dass ein Flachbildschirm im Wohnzimmer, ähnlich wie ein Handy, schon lange kein Luxusgegenstand mehr ist, sondern Standard. Aber wen interessiert das schon, wenn man von einer Autorität so nett seine Vorurteile bestätigt bekommt? Noch einen drauf setzte er mit dem Klassiker aller bourgeoisen Snobs: In vielen armen Ländern seien die Menschen aus Mangel viel kreativer bei der Zubereitung gesunder Speisen. Alle Menschen auf der Welt, die froh sind, sich jeden Tag an Reis satt zu essen zu können und an nicht viel anderem, werden es mit Freude vernommen haben. Armut ist eben ein großer Glanz von innen.

Erwähnen wir, der Ausgewogenheit halber, die unbestreitbaren Verdienste des Mannes. Oliver kann für sich in Anspruch nehmen, vielen Menschen den Spaß am Selberkochen vermittelt zu haben. Vergleicht man das Sortiment englischer Supermärkte zu Anfang des Jahrtausends mit dem von heute, dann ist der Unterschied mit Händen zu greifen. Jeder, dem ein wenig an Esskultur gelegen ist, sollte das zumindest anerkennen. Damit sollte es dann auch gut sein. Denn sein missionarisches Gehabe ist schlicht Blödsinn und entbehrt auch meist jeglicher Grundlage.

Schaut man sich nämlich einige Fakten an, dann bleibt vom großen Essenskreuzzug des Heiligen Jamie nicht viel übrig. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil sind zum Beispiel ordentlich zubereitete Pommes Frites mitnichten üble Fettbomben. Eine normale Portion enthält weniger Fett als ein Butterbrot ohne Wurst oder Käse drauf. Die beliebten Backofenfritten sind noch harmloser. Ein reiner Rindfleischburger enthält so wenig Fett, dass er furztrocken ist und ohne Beigaben wie Ketchup, Gurken- und Tomatenscheiben kaum essbar wäre. Jede selbst gemachte Frikadelle, gleich ob gekauft oder hausgemacht, ist weitaus fettiger. Schaut man sich darüber hinaus Olivers eigene Rezepte an, stellt man fest, dass die oft auch nicht eben wenig Fett enthalten. Seine Pasta-Gerichte strotzen zum Teil vor Olivenöl und Sahne, Saucen werden gern mit Butter gebunden. Aber das ist natürlich gutes Fett, weil von Meister Oliver himself in Jamie-Oliver-Rezepten verwendet. Und Fett ist ja auch ein Geschmacksträger, nicht wahr? Das jedenfalls werden die Fernsehköche nicht müde zu betonen.

Man verstehe mich nicht falsch. Schön, erfüllend und sinnreich kann es fraglos sein, selbst aus frischen Zutaten zu kochen und Freude an gutem Essen zu haben. Das ist eine Sache. Etwas anderes ist es aber, das als Mittel sozialer Abgrenzung zu missbrauchen, alle, die das, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitmachen können oder wollen, aussehen zu lassen wie grenzdebile Amöben und sich dann auch noch, wie der kochende Krawallo aus Essex, als Heilsbringer der Armen aufzuplutstern. Der ganze Zauber hat weniger mit gesunder Ernährung zu tun als mit Diskreditierung der Unterschicht. Damit, dass Mittelschichtler sich via Besseressen auf Kosten anderer besser fühlen können – Haha, guck mal, was die fetten Prolls sich alles Ungesundes reinpfeifen! Wie gut, dass wir ganz anders sind. Mit anderen Worten: Olivers Rundumschlag dient vor allem dem weiteren Prosperieren der Marke Jamie Oliver und nicht der Verbesserung der Volksgesundheit.



1 Kommentar :

  1. "Etwas anderes ist es aber, das als Mittel sozialer Abgrenzung zu missbrauchen, "

    Ein zunehmendes Phänomen , vom persönlich Angetroffenen bis hin zum Fernsehkoch , an diesem Punkt kippt das Statusdenken vom Ärgerlichen ins Lächerliche , wer es nötig hat , sich über das Essen zu erhöhen , zeigt , wie erbärmlich schwach er tatsächlich ist.

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