Montag, 16. September 2013

Splitter und Balken


Alternativ: Ein Finger gegen drei

Es heißt, wer für alles offen sei, der sei meistens nicht ganz dicht. Es gibt keinen Zweifel, dass Teile der Grünen bis in die 1980er hinein aus einem falsch verstandenen Toleranzbegriff heraus organisierten Pädophilengruppen eine politische Heimat geboten haben. Ferner kann es keinen Zweifel geben, dass die Grünen sich längst davon distanziert haben und heute so ziemlich alle ihre Mitglieder diese peinliche Episode gern ungeschehen machen würden. Auf die Gefahr hin, Offensichtliches auszusprechen, sei es, um Missverständnissen vorzubeugen, dennoch gleich zu Beginn klar gestellt: Es ist nicht verhandelbar, dass gelebte Pädophilie, sprich Kindesmissbrauch, gleich von wem und an wem, eines der schlimmsten Verbrechen ist, das zu recht verfolgt und bestraft wird. Komme mir keiner mit den alten Griechen! Etwas anderes ist es aber, das Thema aus vordergründigen wahlkampftaktischen Motiven auszuschlachten.

In ihrer frühen Phase waren die Grünen auch ein Sammelbecken für alle möglichen, höflich ausgedrückt, exotischen Strömungen und damit auch für falsch Verdrahtete aller Art. So liegt man sicher nicht falsch, wenn man zum Beispiel die Forderung, einvernehmliche sexuelle Handlungen mit Kindern - was immer das sein soll - zu legalisieren, für reichlich durchgebraten hält. Noch 1985 schaffte es eine Arbeitsgruppe namens LAG SchwuP (Landesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle) auf dem Lüdenscheider Parteitag, ein entsprechendes Arbeitspapier durchzubekommen. Die Grünen in ihrem Bestreben, irgendwie für alles offen zu sein und bloß niemandem auf den Schlips zu treten, taten sich offenbar schwer damit, dazu eine klare Position zu beziehen und so was als das abzulehnen, was es ist und damals schon war: Nicht etwa einfach ein weiterer alternativer Lebensstil, sondern schlicht verbrecherisch. Der Fehler der Ökopartei war, zu lange geglaubt zu haben, das Thema aussitzen zu können und gehofft zu haben, es würde schon irgendwie Gras darüber wachsen.

Und so kochte die Geschichte dieses Jahr anlässlich der Weigerung Andreas Voßkuhles, bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit die Laudatio zu halten, wieder hoch. Man weiß nicht, wie oft das altgrüne WG-Möbel sein unsägliches Geschreibsel von 1975 schon aufessen oder einstampfen lassen wollte, aber es hilft nichts, das müffelnde Gesaftel ist in der Welt und es wird dem Verein weiter mit der Regelmäßigkeit des sprichwörtlichen Amens in der Kirche um die Ohren fliegen, wenn man sich der Sache nicht endlich stellt.

Es spricht für die Grünen, dass sie selbst die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas durch das Institut des Göttinger Parteienforschers Franz Walter in Auftrag gegeben haben, noch bevor es andere getan haben. Man kann fragen, ob das Vorgehen Walters angemessen ist, immer wieder Zwischenergebnisse unters Volk zu streuen. Normalerweise ist es üblich, eine Studie erst dann öffentlich vorzustellen und zur Diskussion zu stellen, wenn sie abgeschlossen ist.

Schwer zu sagen, welcher Teufel Jürgen Trittin 1980 geritten hat, für ein obskures Kommunalwahlprogramm der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) verantwortlich im Sinne des Presserechts zu zeichnen, in dem für Sex zwischen Kindern und Erwachsenen Straffreiheit gefordert wurde. Trittin war damals Mitte zwanzig und hatte einige verquaste politische Ideen im Kopf, von denen auch er sich inzwischen längst distanziert hat. Das soll nichts entschuldigen, der Mann war volljährig und muss für seine damaligen Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen gerade stehen. Doch sollte man schon das Klima jener Zeit berücksichtigen und bedenken, wie sich die Welt seitdem weiter gedreht hat.

Man kann einwenden, der Hinweis, es seien andere Zeiten gewesen damals, diene der Verharmlosung und Relativierung. Das soll er keineswegs sein. Man sollte aber schon an gewisse Dinge erinnern. Zum Beispiel, dass Diskussionen über die Entkriminalisierung pädophiler Handlungen vor dreißig, vierzig Jahren eine schwer begreifliche Konjunktur hatten und sogar in Teilen der Wissenschaft ernsthaft geführt wurden. Kaum noch vorstellbar heute, denn zu sehr ist die allgemeine Sensibilität in Bezug auf Pädophilie seitdem gestiegen. Sicher gab und gibt es auch da Auswüchse. Das an Hysterie grenzende Klima der Neunziger zum Beispiel, das allerdings erst den Weg zu einer offenen Debatte ebnete. Sicher ist es ärgerlich, dass Kinderschänder seit einiger Zeit zu den Lieblingspopanzen von Rechtsextremen gehören, die schon mal pogromartige Aufläufe organisieren, um bei braven Schwanz-ab-Nachbarn zu punkten, die wiederum mehr oder minder heimliche Sympathien für Todesstrafe und Lager hegen. Daran aber, dass Opfer heutzutage ernst genommen werden und Kindesmissbrauch eben nicht mehr die Tat ist, über die man nicht spricht, vermag ich nichts Schlechtes zu sehen.

Es wäre falsch, vergangene Verfehlungen gegeneinander aufzurechnen, aber jeder hat das Recht auf Lernprozesse. Wie gewisse Konservative und Liberale sich zur Zeit im Gefühl moralischer Überlegenheit suhlen, weil sie endlich etwas gefunden haben, den grünen Weltverbesserern am Zeug zu flicken, denen sie ihrerseits gern moralisches Überlegenheitsgehabe vorwerfen, ist nicht nur schäbig, sondern auch scheinheilig. Wer auf dem Rücken missbrauchter Kinder derart schamlos Wahlkampf betreibt und mit Dreck wirft, in der Hoffnung, es werde schon was hängen bleiben, muss sich seinerseits die eine oder andere Frage nach eigenen Leichen im Parteikeller gefallen lassen. Denn die sind weiß Gott keine exklusive Spezialität der Grünen, gleich ob einem die Partei der urbanen, etablierten, vegetarischen und Raucher verbannenden Bessermenschen besonders sympathisch ist oder nicht.

Wie war das denn damals in den frühen Jahren der CDU, als etliche prominente Altnazis in der Partei aktiv waren? Als die honorige FDP noch einen stramm nationalliberalen Flügel um den Ritterkreuzträger Erich Mende beherbergte? Nehmen wir die jüngere Vergangenheit: Warum sperrte sich die Union bis 1997, Vergewaltigung in der Ehe endlich unter Strafe zu stellen, bis ein parteiübergreifender Antrag der Frauen im Bundestag dem Spuk endlich ein Ende setzte? Oder, als sie noch im Jahr 2000 im Bundestag gegen das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung stimmte? Käme jemand auf die Idee, die CDU in die Nähe von Vergewaltigern und notorischen Kinderverdreschern zu rücken, weil sie sich dem sich wandelnden Zeitgeist entgegen stellte? Eben.

Bringt man so was zur Sprache, dann wiegeln gerade Unionsleute und ihre Anhänger gern genervt ab und meinen, das seien halt andere Zeiten gewesen. Schön, gerne doch. Aber dann möge das bitte sehr für alle anderen auch gelten.



Kommentare :

  1. Ich weiss nicht, wie alt Du bist, Stefan, aber ich war zu der Zeit, als diese Forderungen aufkamen Teenager und fand die Forderung durchaus diskutabel - man muss das ganze ja auch vor dem Hintergrund der Zeit sehen. Die ganzen Kinderschändungsdiskussionen und die ganze Hysterie um Kinderpornographie, um Zensur und Massenüberwachung durchzusetzen gab es damals noch nicht. Dort gab es einmal die Frage nach Freiheit für den einzelnen - und ich als damals Teenager fand natürlich, ich hätte durchaus das Recht, mich möglichst auszuleben und einengende Paragraphen gehörten abgeschafft - auch wenn damals schon diskutiert wurde, dass diese Freiheit auch missbraucht werden könnte! Wir hatten uns damals aber mehrheitlich für möglichst viel Freiheit ausgesprochen. Schliesslich zwinge niemand eine 14-Jährige mit einem 54-jährigen ins Bett zu gehen - und wenn doch sei das Vergewaltigung und sowieso strafbar.
    Heute sehe ich das auch etwas anders und sehe die Jugend, grade das Alter zwischen sexueller Reife und der Entwicklung der erwachsenen Persönlichkeit als eine sensible Phase an, die von etwa 12 bis in den Anfang der 20er reicht. In dieser Phase benötigt der Jugendliche schon noch den Schutz der Gesellschaft, um die gröbsten Dummheiten zu vermeiden - und zwar sowohl die, die er selbst anstellen kann als auch die, die ihm angetan werden könnten, ohne strafrechtlich relevant zu sein.

    Kurz gesagt: ich finde, die damalige Diskussion innerhalb der Grünen wirkt nur aus heutiger Sicht schräg. Damals erschien sie legitim. Und auch heute kann man meiner Meinung nach noch durchaus berechtigt über die Freiheitsrechte diskutieren, die wir Kindern und Jugendlichen einräumen wollen.
    Die Idee der Straffreiheit wurde übrigens damit begründet, dass die meisten Fälle (damals wie heute) von Jugendlichen untereinander seien, also 18-jähriger mit 16-jähriger. Die Jugendlichen damit zu kriminalisieren ging und geht an der Wirklichkeit vorbei.

    Grüsse vom Lautenist

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  2. Etwa darauf wollte ich hinaus, Lautenist, wenngleich ich Wert darauf lege, dass Kindesmissbrauch auch in den 70er/80er-Jahren ein Straftatbestand war. Ich war ab Beginn der Achtziger auch Teenager und ich kann mich erinnern, wie ein Sowi-Lehrer einen taz-Artikel mitbrachte, in dem jemand seine Liebe zu kleinen Jungs ausbreitete, der bei uns (wir waren unreif) einiges an Spott und Heiterkeit auslöste.
    Darüber hinaus sollte man noch festhalten, dass die Geschichte mit den Grünen und den Pädophilen nichts ist, was man groß hätte aufdecken müssen, die entsprechenden Dokumente liegen öffentlich vor. Das macht die Empörung von Dreckschleudern wie diesem Dobrindt doppelt scheinheilig.

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  3. Was mir in den Sinn gekommen ist ist, wie sehr sich die Diskussionen seit damals verändert haben - und ich finde, nicht zum Guten.
    Damals diskutierte man über möglichst viel Freiraum, es ging darum, die Regelungswut einzudämmen während wir heute froh sind, wenn unsere Grundrechte noch halbwegs gewahrt bleiben und diskutieren, ob diese oder jene Einschränkung unserer Freiheit hinzunehmen ist.

    Was mir bei der Diskussion weiterhin aufgefallen ist, wie sehr sie durch Schlagworte bestimmt ist: Irgendjemand schreit "Pädophilie" und schon wird vom widerwärtigsten ausgegangen, ohne sich überhaupt mit dem, worum es da ging auseinanderzusetzen.
    Das scheint inzwischen typisch für die politische Diskussion zu sein.

    Ich will nicht sagen "früher war alles besser", doch fände ich erstrebenswert, die Richtung der Diskussionen neu zu bestimmen und aus der Defensive endlich wieder herauszukommen. Es muss doch auch heute möglich sein, über Sachverhalte zu sprechen und dabei mehr als 3 Sätze zu gebrauchen.

    Übrigens lege ich genauso Wert auf die Tatsache, dass Kindesmissbrauch ein Straftatbestand war und ist und es auch bleiben muss - ich finde halt auch heute noch, das reicht als Schutz prinzipiell aus.

    Gruss vom Lautenist

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  4. Warum nicht mit den alten Griechen? Die vollkommen verquere Interpretation einer platonischen Liebe aus Platons Gastmahl ist eines der abscheulichsten und doppelmoralinsten Handhabungen dessen, was wir heute erleben. Ich mag die Grünen nicht, aber sie waren nun mal auch vor den Christdemokraten diejenigen, welche deren eigene inzenstiösen und unglaublich doppelmoralinen Umgang damit auf den Teppich gebracht hatten. Wäre z.B. die katholische Kirche eine politische Partei, - wie würden wir wohl jetzt damit umgehen? Die Mutter meines Sohnes, hat gut zwei Jahrzehnte ihres Lebens damit verbracht, sich in praktischer sozialpädadogischer Betätigung für Hilfe sowohl für Opfer wie Täter zu verbrennen, nur um letztendlich darüber zu versuchen aufzuklären zu können, dass diese sogenannten Pädophilen, Leute wie du und ich und wie wir alle sind. Es wird einfach Zeit, das Thema ehrlich anzugehen. Sonst wird das in hundert Jahren noch so laufen. Und niemals wird es so missbrauchten Kindern helfen können. Hier laviert sich einfach nur jeder um die Realität drum herum. Regeln, - ja. Unbedingt sogar. Zum Schutz der Kinder. Aber dieses Spiel ums Eingemachte herum, - müssen wir alle selber reflektieren. Und für Wahlkämpfe, ist es einfach nur noch schmutzig. Das ist das abstrus Schlimme daran. Wir realisieren nicht die Instrumentalisierung dabei, - und werden uns dabei nicht bewusst, - um was es geht.

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    1. Bezüglich der Realität, - vielleicht noch einen Zusatz, - der finde ich gut zu den Splittern und Balken passt. Aber vielleicht auch ein wenig besser zeigt, was ich meine.

      Die Geschichte bekommt z.B. einen ganz besonderen Charme, wenn einer dieser Tod-den-Kindernschändern-Auto-Aufklebern oder/und sonst wie "didadidadia sind die Bösen und ich der Gute" mit Ü50 neben dir steht, hochgeil auf 12jährige Mädchenärsche starrt, - und dann mit diesem feisten Grinsen im Gesicht zu dir meint; "Mit der würde ich auch gerne mal....."

      Dann wird einem bewusst, dass dieses "würde", nur den Grund hat, dass er's nicht darf. Das ist gut. Schlimm ist aber, dass er's auch überhaupt nicht realisiert. Und das Beispiel ist auch überhaupt nicht krass oder selten. Es positioniert lediglich einen Punkt ungefähr in die Mitte einer Spannbreite, unter welcher man Kinder noch als Kinder sehen kann, - und einen Punkt wo Ausgewachsenen mehr als klar sein sollte, wie weit man sich über pure Symbolik selber schön anständig aussehen lassen kann, während die reine Realität die finsteren Schichten zeigt. Der Witz bei solchen Geschichten ist nämlich einfach der. Da können zusätzlich zwanzig ausgewachsene Männer und sogar Frauen drum rum stehen. Und das Ganze komplett normal finden. Und ein Teil, wird sogar süffisant mit dem Kopf nicken. Frägt man dann mal nach, wie das denn mit der Pädophilie so gesehen wird, dann hört man nicht selten. Pädophile? Das sind doch die mit den kleinen Jungs in Bangkok. Oder Grüne, - oder komplett Kranke oder wie auch immer....

      In einem Punkt, kann ich dem Lautenisten leider nicht zustimmen. Bezüglich einer neuen Richtung einer Diskussion. Es gibt keine Diskussion. Er sagt dies ja auch selber. Es gibt nur noch Symbole, auf die jeder affektiv reagiert. Und es wird auch überhaupt nicht mehr diskutiert, wofür und wovor dieser Kinderschutz eigentlich gut ist. Heute mehr denn je. Denn die Sache mit der Kinder"liebe", wie sie dunnemals bei den Grünen diskutiert wurde, ist heute obsolet und in der Funktionalität einer Leistungsgesellschaft mit zu bewältigender Triebhaftigkeit gestorben, deren Dunkelziffer und Nebelgrenzen auch um Welten größer ist, - wo es letztendlich nur noch um Macht, Befriedigung und Kick geht. Da stimmt dann auch tatsächlich nicht mehr das Bild der ollen Griechen. Hier müssen einfach auch eine Menge Fragen auf den Tisch, die auch alle angehen. Nur zwei Beispiele vom Rande, - wo vielleicht jeder jetzt meint, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Weshalb ich sie auch einfach mal so wahllos in den Raum stelle: Warum legts die Werbung immer weiter darauf an, mit Models, Bildern und Plakaten, - einem "sexy" Kindchenschema gerecht zu werden, dessen Nachfrage einfach überdeutlich ist? Warum wird in Europa immer nur eine ganz spezielle und immer gleiche Auswahl aus einem im asiatischen Raum dagegen gewaltig vielfältigen Angebot an Animes eingekauft? Schaut euch die Kulleraugen und den Rest davon mal quantitativ und ohne eigene Niveauauswahl, - mal genau an, - und dann sage mir jeder selber, - wo er den Grundtenor darin sieht.

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