Sonntag, 29. September 2013

Weh dem, der Steuern erhöht!


Sind wir nicht alle ein bisschen Mittelschicht?

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten, so meinte einst Karl Kraus. Lang ist's her, da galten Journalisten als vierte Gewalt, als außerparlamentarisches Korrektiv, einigen gar als fünfte Kolonne Moskaus. Zahllose junge Menschen wollten einmal Journalisten werden, weil sie sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden wollten. Sie waren entschlossen, die Ränke und Machenschaften der Herrschenden in Politik und Wirtschaft zu enttarnen und das Volk aufzuklären. Sicher gibt es hie und da noch Vertreter der Zunft, die das immer noch so halten, doch wird man das Gefühl nicht los, es werden stetig weniger. Wie sehr der gemeine Qualitätsjournalist mittlerweile zur bloßen Sockenpuppe der Mächtigen degeneriert ist, lässt sich an vielen Stellen beobachten. Am deutlichsten aber an der Schamlosigkeit, in der momentan gegen geplante Steuererhöhungen agitiert wird und mit welch düsteren Farben deren desaströse Folgen ausgemalt werden.

Jürgen Reents hat sich die Mühe gemacht, Reaktionen diverser Blätter auf dräuende Steuererhöhungen zusammenzutragen (von denen übrigens noch keine einzige auch nur annähernd beschlossen ist): So wird bei der Süddeutschen Zeitung jeder, der Steuern erhöhen will, als "gieriger Robin Hood" hingestellt, weil Ehepaare schon ab einem Einkommen von 5.151 Euro (!) mehr Steuern zahlen müssten. Wer 6.000 Euro verdiene, müsse gar 105,97 Euro berappen. Shocking! In bester basta-Manier befindet die FAZ: "Nichts spricht für höhere Steuern". Die Info-Eliten-Postille Focus fürchtet, Rot-Grün plane mittels "zerstörerischer Steuerpläne" einen "Anschlag auf die Mittelschicht", ohne sich freilich mit Details aufzuhalten wie etwa dem, dass Rot-Grün überhaupt keine Mehrheit hat. Beim Berliner Tagesspiegel entblödet man sich nicht, den soeben zurückgetretenen Jürgen Trittin zum "Göttinger Kim Il-Sung" zu machen, der schon zum nächsten "Amoklauf" ansetze. Und der Spiegel schließlich bringt diese Woche ein Titelbild, auf dem Angela Merkel und Sigmar Gabriel als Räuber zurecht gemacht fordern: "Geld her!". Geht's noch oder tut es sehr weh im Hintern?

Ins Werk gesetzt wird diese Panikmache vor allem mittels schauriger Einzelschicksale. Da werden wohlhabende Unternehmer portraitiert, gut situierte Familien mit gediegenen Eigenheimen, wohl versorgte Erben – sie alle eint eines: Wenn deren Steuern auch nur minimalst erhöht würden, dann wären sie alle sofort am Bettelstab. Mir kommen die Tränen! In der Tat, Mitleid soll da aufkommen. Sieh mal, deren Leben ist nicht so leicht, wie der kleine Mann immer denkt, auch die habens schwer. Die Botschaften: Steuern erhöhen ist unsozial und zerstörerisch, und: Sind wir nicht alle irgendwie Mittelschicht?

Es geht ja nicht darum, dass man Steuererhöhungen nicht kritisch diskutieren dürfte. Wenn das denn mal passieren würde. Das Problem ist die Einseitigkeit und Unsachlichkeit, mit der hier Stimmung gemacht wird. Zur Erinnerung: Seit zwanzig Jahren werden kontinuierlich die Steuern zugunsten derer gesenkt, die's dicke haben. Der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer, Kapitalertragssteuer, Körperschaftssteuer und so weiter. Erhöht wurde, wenn überhaupt, die Mehrwertsteuer. Und die trifft überproportional Menschen mit niedrigem Einkommen.

Aber mit denen, die's nicht so dicke haben, hat man in der Regel weit weniger Mitgefühl und käme auch nicht auf die Idee, welches zu fordern. Wie ist das mit dem Arbeiter, der nach dreißig Jahren harter körperlicher Maloche dem Arbeitsmarkt überantwortet wird, wo er allenfalls die Aussicht hat auf irgendwelche entwürdigenden Tätigkeiten für einen Hungerlohn? Tja, hatta wohl Pech gehabt, es können eben nicht alle nur gewinnen. Hätte er mal was Anständiges gelernt. Wie ist das mit der allein erziehenden Mutter, die aus verschiedenen Gründen ihr Leben nie recht in den Griff bekommen hat und von Hartz IV lebt? Mitgefühl? Nö, selber schuld, höhnt es da, soll sich halt nicht so anstellen und was arbeiten. Oder wie ist das mit denen, die in den vergangenen Jahrzehnten konstant Reallohnverluste hinnehmen mussten, unter anderem, weil sie in Branchen arbeiten, die besonders von Lohndrückerei betroffen sind? Pöööh ja, nicht schön so was, aber das ist eben Marktwirtschaft. Und überhaupt: Mit Einzelschicksalen Stimmung machen, ist unseriös.

Wenn die Jounaille sich auch nur ansatzweise mit ähnlicher Verve für solche Menschen in die Bresche werfen würde, ich würde nichts sagen. Aber das hieße ja, die Hand zu beißen, die einen ordentlich füttert.


Kommentare :

  1. "Den deutschen Journalisten muß man nicht kaufen , man muß ihn nur einladen." , so Tucholskys berühmtes Zitat , so aktuell wie eh und je.

    Immer öfter beschleicht Einen das Gefühl , diese "Eliten" wären ihrer selbst überdrüssig , und weil sie eine "innere" Reform nicht hinkriegen , betteln sie bei den sozial Schwachen , daß diese endlich kommen mögen , ihre jämmerliche Existenz zu beenden , wie anders soll noch länger dieses ständige Gepöbel erklärt werden , wenn ich meine Pfründe sichern will , halt ich die Schnauze und wecke nicht in einer Tour schlafende Hunde auf.
    Steuern zahlen ist ein Privileg , keine Verpflichtung , die Alternative dazu findet sich in den Geschichtsbüchern , z.B. Russland 1917 ff.

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  2. Wenn sich die sogenannte Mittelschicht vor den Propagandakarren spannen läßt, der ihr von Lohnschreibern des Großkapitals vor die Nase gesetzt wird, dann sollen sie ziehen. Langfristig wird auch sie nicht von der Geldelite geschont werden. Aber anstatt den Kutscher abzuschmeißen, werden sie weiter auf das Kleinvieh schimpfen, das ihnen das gute Futter streitig macht. Mich würde allerdings interessieren, was die Motivation bei den heute Jungen ist, in den Journalismus zu gehen. Auch nur nen Job, .... der dem Ego vielleicht mehr schmeichelt ? Keine Ahnung.

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  3. In der Tat hat es wohl Ulrike Herrmann am besten getroffen, wenn sie meint, die Mittelschicht betrüge sich selbst mit ihrer Orientierung nach oben und ihrem Treten nach unten, wodurch sie nicht merkt, wie sie sich zum Lackel des Großen Geldes macht. Und was der Teil des journalistischen Nachwuchses will, der bei den Qualitätsmedien landet: Karriere machen, bei den Großen und Mächtigen am Tisch sitzen.
    @Art: Interessanter Gedanke.

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