Donnerstag, 3. Oktober 2013

Am Ende des Regenbogens


... und des guten Geschmacks 

"Mein Oppa hatte ja überhaupt keinen Respekt vor großen Namen. Meine Omma schon. Wenn sie zum Beispiel von Vico Torriani schwärmte, dann meinte Oppa nur: Na und? Der geht auch nur kacken." (Frank Goosen)

(via topfvollgold.de)
Zu Beginn eine hypothetische Frage: Angenommen, Ihnen geriete, wie und warum auch immer, eine bunte Zeitschrift wie die links abgebildete in die Finger. Nehmen wir an, dass auf dem Titel zwei fröhlich lächelnde Leute namens Helene Fischer (29, Sängerin) und Henning Baum (41, Schauspieler) abgebildet sind (wie man sehen kann, handelt es sich um zwei einzelne Portraitaufnahmen, die per Layout zusammen geflanscht wurden). Nehmen wir weiterhin an, als Schlagzeile prangte auf eben jenem Titel: "Baby-Geflüster! Jetzt lüften sie alle Geheimnisse" - in welche Richtung ginge Ihre erste, spontane Assoziation?

 1. Nu ja, das sind halt zwei mehr oder weniger prominente Menschen, die privat wohl etwas miteinander haben und jetzt ist eben Nachwuchs unterwegs. Who cares?

2. Die beiden sind natürlich nicht miteinander verbandelt und es ist auch nirgends ein Baby im Anmarsch. Wie kann man denn auf so eine abstruse Idee kommen? Vielmehr hat Frau Fischer gerade ein neues Album in der Mache, das sie als ihr 'Baby' bezeichnet bzw. bezeichnet Herr Baum die Fernsehserie, in der er mitspielt, als sein 'Baby'. Was haben Sie denn gedacht, Sie denunziantisch veranlagtes Ferkel?

Wenn Sie Antwort 1 ankreuzen würden: Herzlichen Glückwunsch! Ihnen geht das Geschreibsel der Regenbogenpresse mindestens genauso am Arsch vorbei wie mir. Wenn Sie jedoch spontan Antwort 2 wählen würden, dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass sie mit solcher, nennen wir es: Berichterstattung eventuell vertrauter sind als es für einen Menschen gesund ist.

Ich war ja ein wenig aus der Übung gekommen, seitdem meine liebe Oma vor gut zwanzig Jahren verstorben ist. Wie viele ihres Alters und Geschlechts, hatte sie zu Hause immer stapelweise diese Hefte herumliegen: 'Goldenes Blatt', 'Frau im Spiegel', 'Neues Blatt' etzetera. Schon als gerade einmal Heranwachsender wusste ich genau, dass diese Organe ausschließlich Mumpitz verbreiten, der eigentlich nur Leute interessieren kann, in deren Leben absolut nichts los ist. Meiner seligen Großmutter selbst muss das wohl auch ein wenig peinlich gewesen sein, denn sie behauptete immer steif und fest, die Dinger nur wegen der Kreuzworträtsel zu kaufen. Klar, und die 'Bild'-Zeitung nur wegen des Sportteils (gegen den 'Playboy' wegen der Interviews hätte ich übrigens nichts einzuwenden gehabt, aber das nur am Rande). Wenigstens hatte ich damals immer hoch amüsante Unterhaltung zur Hand, wenn mich während eines Besuches ein Bedürfnis überkam. Ich hegte seinerzeit nämlich eine Vorliebe für ausgiebige, von Lektüre begleitete Toilettensitzungen.

Wie sehr ich aus der Übung war, wurde mir bewusst, als ich vor kurzem durch Mats Schönauers und Moritz Tschermaks Blog 'Topf voll Gold' stöberte, in dem die beiden Journalistikstudenten die bunten Blätter näher unter die Lupe nehmen. In besonders schlimmen Fällen machen sie auch Meldung beim Presserat, der der betreffenden Redaktion meistens eine Rüge erteilt. Recht so! Mir war, wie gesagt, immer klar, dass die Regenbogenpresse vornehmlich Stuss verbreitet, aber auf das, was ich da sah, war ich dann doch nicht recht vorbereitet. Entweder, ich werde älter, oder die Schamlosigkeit dieser Schmieranten hat in den letzten beiden Jahrzehnten noch einmal beträchtlich zugenommen. Gut, so lange offensichtlicher Schwachsinn im vollen Bewusstsein konsumiert wird, dass es sich um welchen handelt, gibt es kein Problem. Nur ist dieser Stuss längst nicht so harmlos wie man annehmen sollte. Die eingangs zitierte Geschichte mit dem "Baby-Geflüster" mag ja noch irgendwie witzig sein, wie auch andere köstliche Beispiele für die Fähigkeit dieser Blättchen, aus weniger als nichts noch eine reißerische Schlagzeile zu basteln. Anderes hingegen ist nicht mehr witzig.

(via topfvollgold.de)
Ich bin weiß Gott kein Anhänger von Monarchie und Aristokratie. Ferner bin ich der Ansicht, dass der Adel einiges selbst dazu beigetragen hat, dass er politisch zur Zeit eine eher randständige Rolle einnimmt. Adlige sind für mich Menschen, die ohne eigenes Zutun einen längeren Namen haben als andere (vernünftigere Mitglieder dieses Standes sehen das übrigens ähnlich). Aber es sind und bleiben Menschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als ich daher die komplett hysterische, von keinerlei Fakten getrübte Fabuliererei sah, die diverse Klatschblätter zum Beispiel um den Tod des lange komatösen stellvertretenden niederländischen Thronfolgers veranstalteten, da dachte ich spontan: Bei aller Kritik an aristokratischem Gewese aller Art, ein solcher Umgang mit Menschen ist durch nichts zu rechtfertigen. Diese Blätter geben vor, Adlige und andere Objekte ihrer Storys lägen ihnen irgendwie am Herzen. In Wahrheit treten sie deren Menschenwürde mit derart geschmacklosen, schmierigen und übergriffigen Phantasiegeschichten weit übler in den Dreck als es die flammendsten Aufrufe eingefleischter Republikaner je vermochten.

Überhaupt ist das Heile-Heile-Weltbild, das da ausgebreitet wird, ziemlich verlogen und das dahinter stehende Menschenbild nicht unproblematisch. Klar, man kann sagen, Klatsch und Tratsch gehöre zum Menschsein dazu und das habe es schon immer gegeben. Mag sein, nur muss man sich auch klar machen, dass die jährliche Gesamtauflage dieser Gazetten in Deutschland bei nicht weniger als einer halben Milliarde (!) Exemplaren liegt und Klatschweibern somit noch nie zuvor von so vielen Druckerzeugnissen suggeriert wurde, ihr Mäulerzerreißen über anderer Leute Privatangelegenheiten ginge irgendwie voll in Ordnung. Das wirklich Fiese ist dieser erpresserische Untertanengeist, der den Leuten da eingeimpft wird bzw. in dem sie bestätigt werden.

Denn was für Adlige gilt, das gilt ähnlich auch für Prominente. Bei Prominenten handelt sich um Menschen, über die wegen irgendetwas öffentlich geredet wird. Im besten Fall wegen etwas, für das ein gewisses Talent oder eine bestimmte Fähigkeit vonnöten ist. Aber es sind und bleiben Menschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Daher hat für mich jeder, der ernsthaft glaubt, solche Leute seien jenseits dessen, für das sie prominent sind, irgendwie extra interessant, ein mindestens mittelgroßes Rad ab. Genau das Gegenteil aber vermittelt die Regenbogenpresse ihrem Publikum: Einerseits muss, wer prominent ist, ein besonderer, höher stehender Mensch sein, zu dem man aufschauen muss und den man gefälligst zu bewundern hat. Andererseits verpflichtet ein Prominentenstatus dazu, so etwas wie Menschenwürde oder Privatsphäre an der Garderobe abzugeben und jedes noch so schamlose Gestöber in privatesten Belangen hinzunehmen, weil die Fans eben ein Recht darauf haben.

Ein Rätsel übrigens wird wohl auf ewig ungelöst bleiben: Warum ausgerechnet die brave 'Heim und Welt' eine der größten Plattformen für erotische Stellenanzeigen privater und gewerblicher Art ist. Aber was macht das schon? Wie viel an Romantik käme der Welt abhanden ohne ungelöste Rätsel?



Kommentare :

  1. Wer seinen drei aktiven Gehirnzellen hin und wieder Ausgang gewährt, wird diesen Postillen sicher kaum Beachtung schenken.
    Dennoch ist es müßig darüber zu gründeln, was jemanden bewegen mag, in diese Machwerke zu investieren.
    Offensichtlich besteht ein dauerhaft unstillbares Vergnügen am und im Falschen.
    Die zynischen Macher und Herausgeber dieser "Illusions-Panoptiken" wissen um ihre Macht über ihre Klienten beider Seiten, überdehnen sie im stillschweigendem Einverständnis und Nutzen mit Vorsatz und regelmäßig.

    AntwortenLöschen
  2. Nu ratet mal, wem all diese Sch...blätter "gehören"?

    AntwortenLöschen
  3. "erpresserische Untertanengeist"

    Kurz und treffend , die andere Seite der Unterwerfung , die nicht so uneigennützig ist , wie es auf den ersten Blick den Anschein hat , auch in der Politik - Obrigkeitshörigkeit bietet auch die Chance , Verantwortung für das eigene Denken abzuschieben.

    AntwortenLöschen
  4. Schön, dass Du den "topfvollgold" entdeckt hast; ich lese seit Beginn mit und bin seither nur noch mehr am Staunen, warum PatientInnen eigentlich über zu lange Wartezeiten in Arztpraxen klagen [wem das Alles zuviel sein sollte: die "gelben Blätter" haben alleine in Deutschland eine Auflage von sage und schreibe und Bäume vernichte 500 MILLIONEN!!!]

    AntwortenLöschen
  5. Da ich mal eine zeitlang das verzweifelte Mißvergnügen hatte in einer Zeitschriftenspedition zu arbeiten, möchte ich mal einwerfen, daß ein Großteil deutschen Printgeweses ungelesen retour geht. Mit den Auflagenzahlen bescheißen die Verlage dann nochmal zusätzlich. Ganz sicher aber ist, daß jeder Baum, der dafür fällt einer zuviel ist. Es ist jetzt zwar schon 15 Jahre her, daß ich dort geplöckt habe, aber schon dunnemals war ich erschrocken, wieviel unrelevanter, schlecht zusammengewxxxter Müll auf den Markt gehauen wurde. Erkenntnis war, wunder,wunder, es geht nur um die Umrandung der Werbung. Nun kein Heureka-Erlebnis.

    AntwortenLöschen