Donnerstag, 10. Oktober 2013

Aus der Zeit gefallen


Dass Timing alles sei im Leben, ist keine allzu neue Erkenntnis. Von Napoleons Außenminister Talleyrand ist die Sottise überliefert, Verrat sei eine Frage des Zeitpunkts. Bestimmt hat auch der eine oder andere alte Römer etwas darüber zum Besten gegeben, aber da bin ich zu faul zum Recherchieren. Es gab Zeiten, in denen Bischöfe im Heiligen Römischen Reich zu den Reichsfürsten gehörten, regierten wie die Fürsten und auch ihre Hofhaltung einer fürstlichen in nichts nachstand. Sehr schön studieren lässt sich das an älteren bischöflichen Residenzen, wie etwa dem Münsteraner Schloss, das heute die Verwaltung der Universität beherbergt und dem Land gehört. Dass Franz-Peter Tebartz-van Elst, noch amtierender Bischof von Limburg, also möglicherweise im falschen Jahrhundert geboren wurde, dafür kann er weiß Gott nichts. Sehr wohl kann er hingegen etwas dafür, dass ihm das bislang noch nicht wirklich aufgefallen zu sein scheint. Auch kann er etwas dafür, dass er möglicherweise auch alle, die ihm das eventuell gesagt haben, konsequent zu ignorieren scheint. Nicht sein erster Fehler.

Ein klein wenig kann man Tebartz-van Elst sogar verstehen. Der Mann scheint ein Faible zu haben für traditionell katholisches Gepränge und die katholische Kirche hatte schon immer ein Händchen für ein gutes Brimborium. Das ist nichts Verbotenes. Ebenso wie ihm eine Limousine mit Chauffeur sowie eine angemessene Unterkunft zustehen. Daher macht er nichts falsch, wenn er das für sich in Anspruch nimmt. Weiterhin kann man fairerweise einräumen, dass die Pläne zur Sanierung und zum teilweisen Neubau der Bischofsresidenz vis à vis des Domes nicht auf seinem Mist gewachsen sind. Auch der Gedanke, dass man nicht billig irgendetwas hochzieht, das in zehn Jahren erneut aufwändig saniert werden muss, sondern etwas Solides, Gediegenes, ist kein ganz falscher. Der standesbewusste Bischof aber wollte ursprünglich Architekt werden, heißt es. Dazu passt, dass er sich während des Baus zeitweise wie ein verhinderter Architekt aufgeführt und dadurch die Kosten erst richtig in die Höhe getrieben haben soll.

Sicher, unsere Welt wäre eine andere und möglicherweise auch eine ärmere ohne jene größenwahnsinnigen Kirchenmänner früherer Jahrhunderte, die sich über alle Kassenstände und gute Ratschläge hinweggesetzt haben und protzige Kirchen- und Profanbauten in die Landschaft gesetzt, Gemälde, Kompositionen und andere Kunstwerke in Auftrag gegeben haben. Die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes wäre wohl nur halb so lang. Im Zweifel konnten sich die Gesalbten immer damit herausreden, der ganze Prunk diene ja schließlich nur der höheren Ehre Gottes. Dummerweise haben sich die Rahmenbedingungen seither ein wenig geändert und jeder Würdenträger, der heutzutage so etwas in die Gegend klotzt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob nicht doch persönliche Eitelkeit dabei eine Rolle gespielt hat. Es muss einem nicht gefallen, aber man sollte zumindest anerkennen, dass ein Bischof heute kein Fürst mehr ist und in unseren Breiten auch weltliche Amtsträger Rechenschaft abzulegen haben, wenn sich die Anzeichen mehren, dass sie es zu sehr haben krachen lassen.

Auch Kritiker der Katholischen Kirche räumen zumeist ein, eventuell auch widerwillig, dass an der Basis vor Ort durchaus sinnvolle und notwendige Arbeit geleistet wird. Wer aber sieht, wie genau dort in den Gemeinden in Zeiten von Priestermangel, schwindenden Kirchensteuereinnahmen und schwindendem Kirchenbesuch gekürzt und fusioniert wird, wie zum Teil um eine viertel Hausmeisterstelle gekämpft werden muss, wie bei kirchlichen Arbeitgebern wie der Caritas Gehälter gedrückt werden, dem muss ein Bauvorhaben wie das der dreißig Millionen teuren Residenz in Limburg und eine Amtsführung wie die Tebartz-an Elsts schlicht absurd vorkommen. Auch wenn der Mehraufwand nicht aus Steuer- oder Kirchensteuermitteln, sondern aus der bischöflichen Schatulle beglichen wird, muss er sich nicht wundern, wenn die Schäfchen Fragen nach Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit stellen.

Überhaupt ist Limburg ein sensibles Pflaster für so was. Franz Kamphaus, Bischof bis 2003, nahm in vielem das vorweg, womit Papst Franziskus zurzeit so viel Aufsehen erregt. Er verzichtete darauf, die ihm zustehenden Gemächer in der Residenz zu beziehen und wohnte lieber in einem kleinen Appartement im Priesterseminar. Auch den jedem Bischof zustehenden Dienstwagen mit Fahrer ließ er links liegen und fuhr lieber mit seinem klapprigen VW Golf durch die Gegend. Seinen Lebensabend verbringt er in einer Einrichtung für Behinderte. Wer als Nachfolger dergestalt auf die Sahne haut wie Tebartz-van Elst muss sich fragen lassen, ob er wirklich mitbekommt, was  um ihn herum so geschieht. Dass er das offenbar nicht mitbekommen hat, war sein erster Fehler. Sein zweiter wiegt schon schwerer. Von Kennern der Szene wir er zu den Neokonservativen in der Kirche gezählt. Zu einer Generation von Popen, die zwar dauernd von Dialog faseln, den Zumutungen der Moderne aber bloß trotziges Beharren auf Mystischem und Hergebrachtem entgegensetzen und Rosenkränze beten für ein Allheilmittel halten, zumindest in Europa zu einer aussterbenden Minderheit gehören. Auf  Rückendeckung aus Rom dürfte der eitle Oberpfaffe von Limburg unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl vergeblich hoffen.

Man kann es sogar ein wenig verstehen, wenn er und sein Generalvikar sich einen Interkontinentalflug zu einer anstrengenden Dienstreise ein wenig versüßt haben, indem sie aus eigener Tasche den Restbetrag für die Erste Klasse draufgelegt haben. So sehr man sich, wie gesagt, um Fairness bemühen sollte, hört irgendwo dann doch der Spaß auf. Zum Beispiel bei falschen eidesstattlichen Versicherungen (§ 156 StGB). Ich bin nicht wirklich bibelfest, meine mich aber zu erinnern, dass irgendwo weiter vorn etwas steht von einem göttlichen Gebot - ich glaube, es ist das siebte - nach dem man kein falsches Zeugnis ablegen solle. Meinen bescheidenen theologischen Kenntnissen zufolge, gilt das für alle, die sich als Christen bezeichnen, ergo auch für Bischöfe. Was also ist von einem Bischof zu halten, der sich, wie es momentan aussieht, offenbar nicht an ein urchristliches Gebot gebunden fühlt, das bereits Grundschulkinder im Religionsunterricht auswendig lernen müssen?

Auf einer Medienkampagne beruhen die Vorwürfe nicht. In Journalistenkreisen nennt man das Recherche. Wie ungeschickt kann sich jemand noch anstellen?


Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen