Montag, 28. Oktober 2013

Danke, Dönermann!


In Fatih Akins Film 'Solino' von 2002 versucht Rosa Amato (Antonia Attili) auf dem kümmerlichen Markt ihrer Neu-Heimat Duisburg ein paar Zutaten für ein ordentliches Essen zusammen zu bekommen, wie sie es von zu Hause gewohnt ist. Das jammervolle Angebot aus Kohl, Kartoffeln und ein paar schrumpeligen Möhren beleidigt das Auge der italienischen Mamma und man fühlt mit ihr. Sicher ist die Szene überspitzt, doch gar so weit hergeholt ist sie auch wieder nicht. Gegen Ende desselben Jahrzehnts, in denen der Film spielt, besuchte meine Mutter zwecks Ehevorbereitung einen Kochkurs, wie es damals noch üblich war. Die Lehrerin war mit einem Spanier verheiratet und brachte eines Tages ein exotisches Gemüse mit, das noch keine der anwesenden angehenden Haus- und Ehefrauen jemals im Leben gesehen, geschweige denn probiert hatte. Es handelte sich um gewöhnliche Paprikaschoten.

So etwas sollte man sich vergegenwärtigen, um die Verdienste des am letzten Donnerstag im Alter von 80 Jahren verstorbenen Kadir Nurman angemessen zu würdigen. Nurman gilt als Erfinder der hierzulande bekannten Form des Döner Kebab. Es streiten sich zwar einige mit ihm über die Urheberschaft, aber das scheint mir zweitrangig. Zwar war die Zubereitung von Fleisch am drehenden Spieß, von dem nach und nach die äußeren, bereits gegarten Schichten abgeschabt werden, im Orient schon lange bekannt, aber es wurde als Tellergericht serviert. Es war Numans Idee, das würzige Grillfleisch zusammen mit Salat und Zwiebeln in ein Fladenbrot zu packen und als Imbiss auf die Hand zu verkaufen. Damit hatte er einen Nerv getroffen.

Denn ähnlich eintönig wie die Esskultur, sah zu Beginn der 1970er auch die Imbiss- und Fast Food-Kultur in weiten Teilen (West-) Deutschlands aus. Bratwurst, Bockwurst, Fritten, das war der heilige Dreiklang. Hatte man Glück, war vielleicht noch Grillhähnchen zu bekommen. Bayern muss man ausdrücklich ausnehmen, denn dort hielt man sich traditionell an eigene Spezialitäten. Wenn Salat vorkam, dann war es entweder Kraut- oder Kartoffelsalat aus dem Eimer oder er diente, wenn es sich denn wirklich um grünen handelte, besonders ambitionierten Gastronomen als traurige Tellerdekoration. Knoblauch war als stinkiges Teufelswerk verschrien, von dem ein anständiger Deutscher gefälligst die Finger zu lassen hatte. "Haben Sie Knoblauch gegessen? Das ist ja asozial!", zischte noch in den 1990ern ein Lehrerausbilder, dem ich damals ausgeliefert war, eine Kollegin an, die sich auf dem Weg zum nachmittäglichen Seminar einen Döner genehmigt hatte.

Menschen meiner Altersgruppe sind mit Nurmans Erfindung groß geworden. Döner Kebab war weniger etwas Besonderes, sondern selbstverständlicher Teil unseres Speiseplans. Zu Studentenzeiten rettete der leckere, preiswerte, sättigende und gar nicht mal ungesunde Döner ungezählte Mittagspausen, in denen man es nicht in die Mensa schaffte oder wegen des Angebots lieber nicht hinwollte. Oft war er auch Auftakt und solide Grundlage oder katermildernder Abschluss einer zünftigen Kneipentour.

Dass auf dem deutschen Döner-Markt mittlerweile ein gnadenloser Preiskampf herrscht, dass sich an vielen Spießen hackfleischerne Riesenfrikadellen drehen, dass inzwischen immer öfter zum Zwecke des Volumenschindens Dinge wie Dosenmais und Kidneybohnen in den Fladen landen und auch, dass der Döner gern in öffentlichen Verkehrsmitteln als eine Art essbare Stinkbombe zum Einsatz kommt - geschenkt. Denn es ist und bleibt die große kulturelle Leistung von Menschen wie Kadir Nurman und anderen Pionieren, den kulinarischen Horizont der Deutschen erweitert zu haben und sich dabei auch von dämlichen Anfeindungen wie Knoblauch- bzw. Spaghettifresser oder Kümmeltürke nicht beirren zu lassen. Der Döner öffnete auch die Tür für weitere orientalische Köstlichkeiten wie Pide, Şiş Kebab, Schawarma und Falafel, die seither unser kulinarisches Einerlei bereichert haben. Ein postumes Bundesverdienstkreuz wäre mehr als angemessen. Danke, Dönermann!

Wo wir gerade beim Thema Nachruf sind - es sind leider schon einige zusammen gekommen in diesem Jahr - muss nun traurigerweise auch Lou Reed genannt werden. Zwar war ich nie wirklich ein Fan von ihm, aber als ich vor vielen Jahren im Nachtprogramm das hier sah und hörte, da hatte das Wort 'cool' schlagartig eine neue Bedeutung für mich bekommen:



Kommentare :

  1. Ich kann mich noch gut an meine Begeisterung erinnern nach dem ich im neueröffneten griechischen Imbiss meinen ersten Gyrosteller bekam, mit Pilawreis, selbstgemachtem Zazaki, jeder Menge Zwiebelringe und der Clou das Fleisch war noch mit Gewürzblüten garniert (keine Ahnung mehr was das war). Bis dahin war das Exotischte was die heimische Imbissszene glaubte bieten zu müssen, schlabberige McDreckhamburgerimitate und die dazugehörige totgesalzene Slimline-Pommes. Serviert in einem Ambiente, das möglichst so steril und plasteesk aussehen sollte, wie sich der 80er Möchtegernhipster einen originalen Amifresstempel vorstellte. Mit Ketchup im Tütchen und einem Eiswürfelgetränk, welches Cola darstellen sollte. Und dann beim griechischen Imbiss (kein Restaurant) wahlweise einen Tee oder einen Ouzo als Absacker, familiäres Umfeld, freundliche Leute - eine Offenbarung. Natürlich sucht man heute sowas wieder vergeblich, heute gibt´s beim Griechenimbiss das selbe Industrieknorpelfleisch, Zaziki aussem Eimer und abgezählte Zwiebelringe in der dreitagealten, frischgetoasteten Weizenbackmischung.

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    1. Oh ja, die griechischen Imbisse haben damals auch einen phantastischen Job gemacht, der keineswegs unerwähnt bleiben sollte. Ich muss aber sagen, dass ich in den Achtzigern ein ähnliches Aha-Erlebnis mit meinem ersten, seinerzeit noch prä-industriell gefertigten Döner hatte. Der bestand nur aus frischem Fladenbrot, Salat, selbst mariniertem Fleisch und Zwiebeln - und er war köstlich!

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    2. Das ging mir ähnlich. Erst kam Anfang der 80er das Gyros-Brötchen beim Griechen, verkauft durch ein Fenster neben dem Eingang des Restaurants. Schon das eine Offenbarung. Ein paar Jahre später dann das erste Döner mit echtem und gutem Fleisch und frischem Fladenbrot. Dagegen konnte die damals auch gerade grassierende Salamipizza (mit langweiliger cervelatwurstartiger "Salami") im Straßenverkauf bei weitem nicht anstinken.

      Mit Joghurtsauce aus dem Eimer kann ich leben, aber Hackfleischdöner ist ein Bild des Jammers.

      Schade, dass es hierzulande kein Schaschlik gibt. Nicht die kleinen Gulaschbröckchen, die auf Holzspieße gesteckt und in der Pfanne trockengebraten werden, sondern richtiges. Faustgroße Fleischstücke mit Zwiebeln und Paprika auf Stahlspießen über Holzfeuer gegrillt, außen knusprig, innen saftig. Das mit georgischer Sauce (z.B. Tqemali) ist genial.

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    3. Oh ja, ich hörte, die georgische Küche soll ihre ganz eigenen Reize haben. Und ein Freund von mir war mal bei einem ukrainischen Arbeitskollegen zum Schaschlik eingeladen und ist seitdem verdorben für den üblichen Kram.

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    4. Den Freund kann ich durchaus verstehen :)

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