Samstag, 19. Oktober 2013

Der schizoide Michel und sein Wille


Herbert Wehner hat es einmal ziemlich genau getroffen. Sein berühmter Ausspruch "Dieser Herr badet gern lau!", war eigentlich auf Willy Brandt gemünzt. In Wahrheit war das eine perfekte Charakterisierung des wahlberechtigten deutschen Durchschnittsdödels. Wie richtig der alte Bollerkopp gelegen hat, wird sehr schön deutlich, wenn man sich einmal das anschaut, was seit der Bundestagswahl als 'Wählerwille' gehandelt wird. Das ist natürlich Kokolores, denn so etwas wie ein Wählerwille ist in der Verfassung überhaupt nicht vorgesehen. Das ist eine Erfindung von Politikern, die gern vorgeben, die Wahrheit gepachtet zu haben, und sie wird willfährig nachgeplappert von Journalisten, die panische Angst haben, irgendwen intellektuell zu überfordern und deswegen vorgeben, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen (wobei sie verschweigen, dass sie damit sich selbst meinen). Praktiziert man das ein paar Jahrzehnte lang konsequent genug, dann können die Ergebnisse mitunter verheerend sein.

Man muss daran erinnern, dass der Wählerwille nichts anderes ist als jene Mehrheitsverhältnisse, die sich rechnerisch aus Wahlen ergeben, alles andere ist Spökenkiekerei. Es geht um Mehrheiten und sonst nichts. Apropos Mehrheiten: Genau so wenig hat übrigens die stärkste Fraktion einen 'Auftrag zur Regierungsbildung', wie die Journaille auch nach jeder Wahl auch nicht müde wird unters Volk zu bringen. Wo steht das? In Deutschland regiert und stellt den Bundeskanzler, der im Bundestag die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereint und fertig. Fragen wie die, ob der/die Kanzler/in nun besonders sympathisch ist oder von der zahlenmäßig stärksten Fraktion kommt, sind dabei ziemlich irrelevant.

Nimmt man das Herumgedeute an diesem ominösen Wählerwillen nämlich ernst, dann stellt sich bald heraus, dass es sich dabei um eine reichlich komplizierte Angelegenheit handelt, zumindest wenn man man einschlägigen Umfragen glaubt. Weil die Mehrheit der Deutschen längst verlernt zu haben scheint, einigermaßen nüchtern und selbstkritisch mit sich umzugehen, lässt dieser Wählerwille sich ungefähr wie folgt zusammenfassen: Wasch mich, aber wage es bloß nicht, mich nass zu machen. Macht, was ihr wollt, so lange es nur die anderen trifft. Und: Mit Angela Merkel sind zwei Drittel von uns zufrieden und sie sollte unbedingt Kanzlerin bleiben, solange sie sich nicht zu sehr an das Wahlprogramm ihrer Partei hält. Parteipolitisch ergibt sich daraus unter anderem, dass zwei Drittel der Deutschen zentrale Forderungen der Linkspartei für sehr sinnvoll halten, vermutlich die selben zwei Drittel aber gleichzeitig der Meinung sind, diese Partei sei ein unwählbarer Haufen von Volksverhetzern und Altstalinisten. Im Einzelnen sieht das dann in etwa so aus:

Man ist für Steuererhöhungen, aber nur für Reiche. Man ist mehrheitlich für einen gesetzlichen Mindestlohn, am besten nicht unter zehn Euro, findet es aber eine Frechheit, wenn der Haarschnitt beim Friseur deswegen zwei Euro mehr kosten würde. Man ist knallhart wirtschaftsliberal, aber nur bei den Hartz-IV-Faulenzern sowie bei europäischen Pleitestaaten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und die man deswegen bluten sehen will. Man will natürlich Ökostrom, spuckt aber Gift und Galle, wenn einem Windräder die Aussicht verschandeln. Man hält Lehrer für überbezahlte faule Säcke, erwartet aber wahre Wunderdinge von ihnen, wenn's um die Bildung der eigenen verzogenen Bälger geht. Man ist gegen die Todesstrafe, findet sie bei Kinderschändern aber gar nicht so verkehrt. Man erheitert sich über die Ernährung von Amerikanern, hält sein Zigeunerschnitzel mit Fertigsauce aber für eine kulturelle Errungenschaft erster Güte. Man lässt sich jeden Mist von amazon liefern, am liebsten versandkostenfrei, findet es aber voll doof, dass die ihre Leute mies behandeln und findet es noch doofer, wenn der kleine Buchladen an der Ecke dicht macht und dass die Sklaven Mitarbeiter von Subunternehmern von Paketdiensten unmenschliche Arbeitsbedingungen haben. Sozial Schwachen rechnet man gnadenlos jeden Penny Steuergelder vor, stört sich aber nicht weiter an den Milliardensummen, mit denen Banken, die sich schlicht verzockt haben, vor der Pleite gerettet wurden. Man ist stolz darauf, eine - tschingbumm! - Kulturnation zu sein, findet den subventionierten Kulturbetrieb aber eigentlich überflüssig und viel zu teuer, hat andererseits aber Schaum vor dem Mund, wenn ein Stadttheater schließen oder das örtliche Symphonieorchester, dessen Konzerte man übrigens nie besuchen würde, Stellen einsparen muss. Und so weiter und so weiter.

Vor allem eines aber wünscht sich der Deutsche: Stabilität. Alles soll so bleiben wie es ist, nur besser. Endgültig geschehen ist es nämlich um den Deutschen, wenn er an früher denkt. Gemeint ist freilich nicht das Früher, wo alles genau so scheiße war wie heute, nur eben anders. Nein, gemeint ist das andere Früher. Jenes, das der Deutsche sich aus seiner höchstpersönlichen Erinnerung und seinen Sehnsüchten zusammenglorifiziert. (Interessant nebenbei, dass die grandiosesten Loblieder auf die jute alte Zeit oft von Leuten gesungen werden, die den Eindruck machen, sie begingen schon Selbstmord, wenn sie es zwei Stunden lang ohne Internetanschluss und Smartphone aushalten müssten.) Also wählt er Merkel. Oder 'Angie', wie er witzigerweise zu sagen beliebt. Denn die steht schließlich für Stabilität, für Verlässlichkeit. Dass Angela Merkel so ziemlich das diametrale Gegenteil von beidem ist, fällt ihm dabei nicht auf, dem braven Michel. Keine Spitzenpolitikerin hat in den letzten neun Jahren so oft ihre Meinung und ihre Linie gewechselt. Das stört ihn aber nicht. Hat er wenigstens wieder was zu meckern. Das macht er nämlich auch gern, der Deutsche.

So sehr er das Meckern liebt, Streit in der Politik schätzt er deswegen noch lange nicht. Nervt, ist zu anstrengend und macht bloß Falten. Deswegen wollen so viele auch die ganz große Koalition. Völlig fremd scheint denen der Gedanke zu sein, dass Streit und offene Auseinandersetzung um politische Entscheidungen eine Demokratie erst zu einer Demokratie macht. Und daher - Stichwort: früher - kriegen so viele auch den verklärten Blick, wenn sie an Konrad Adenauer denken. Der listige Rheinländer wusste ganz genau, was sein Völkchen wollte und er gab ihm reichlich: Keine Experimente, durchregieren, Ruhe und Frieden. Er selbst soll einmal von sich gesagt haben, er sei überzeugter Demokrat, aber mit dikatorischen Zügen. Mit so was schafft man es auf der Liste der Größten Deutschen aller Zeiten ganz nach oben.

Handelte es sich bei diesem Meinungsbild nicht um das eines Kollektivs, sondern einer einzelnen Person, sie befände sich wahrscheinlich längst wegen einer besonders schweren schizoiden Persönlichkeitsstörung in Behandlung, und zwar in einer geschlossenen Einrichtung. Auch fiele wohl sehr bald dem Wahnsinn anheim, wer versuchen würde, diesen so genannten Wählerwillen getreulich in die Tat umzusetzen. Womit die nächste Enttäuschung natürlich vorprogrammiert ist. Daher mache ich jetzt etwas, was ich nur ganz selten tue: Ich äußere hiermit ein klein wenig Mitgefühl mit der politischen Klasse. Ehrlich, es passiert mir wirklich selten, aber wenn ich ihr angehörte und tagtäglich solche Umfragen auf den Schreibtisch bekäme, dann würde ich mich hin und wieder auch fragen, was das alles eigentlich soll.

Keine Sorge, ist gleich wieder vorbei, der Anfall.


Kommentare :

  1. Solch Anfälle habe ich auch sehr oft - mit ähnlicher Begründung. Vor allem diese selbst-gewählte Unmündigkeit bringt mich auf die Palme.
    Dein Beitrag passt gerade sehr gut in eine Diskussion, die ich gerade laufen habe, weshalb ich ihn dort verlinkt habe.

    Liebe Grüße
    Dude

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  2. Hahahahaha chapeau Stefan ...das hätte auch von mir sein können d'accord

    cheers

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    1. @Duderich: Freit mich, wenn ich helfen konnte.
      @Lazarus09: Danke sehr *verneig*

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  3. Klasse, Herr Rose, dieser Artikel bringt es in der Beschreibung völlig auf den Punkt ...

    Abseits des treffend transportierten Inhaltes bin ich jedoch etwas verunsichert, ob die «schizoide Persönlichkeitsstörung» die korrekte "Diagnose" wäre ;). Letztlich jedoch wurscht, denke ich :).

    Gruss
    Rosi

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  4. Erfrischender Artikel.

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    1. Besten Dank.
      @Rosi: Schön, Sie mal wieder in diesem Theater begrüßen zu dürfen.

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    2. @Stefan Rose: Schön zu hören, freut mich, als Leser bin ich regelmäßig dabei ... war nie wirklich fort ;).

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  5. Bin ich bei Rose. Ich nenne es Doppelmoral. Aber sie hat vollkommen recht. Letztendlich ist es juck. Klasse geschrieben.

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    1. Rosi, - nich Rose, - aber nee, doch bei Rose, - meine Güte :-)

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    2. Gaaanz ruhig. Wir können uns ja statt schizo einigen auf PKS (psycho-keramisches Syndrom a.k.a. Sprung in der Schüssel)... :-)

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  6. Bin gerade auf den Artikel gestoßen. Danke für diesen ehrlichen, sehr unterhaltsamen und gut geschriebenen "Anfall" :-)))). Musste sehr lachen, passt alles. Lg mary

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