Sonntag, 27. Oktober 2013

Ein Männerding, immer noch


Ron Howards Film 'Rush - Alles für den Sieg', Formel 1 und der ganze Rest

Es ist schwer zu bestreiten, dass es auf der Welt eine ganze Reihe vernünftigere und sinnvollere Dinge gibt als Motorsport. Kann sein, dass Motorsport wirklich eines der dümmsten und unvernünftigsten Dinge der Welt ist. Trotzdem kann und will ich nicht leugnen, dass Autorennen mich von jeher fasziniert haben. Vielleicht, weil ich mir ein Leben so ganz ohne jede Verrücktheit nicht vorstellen kann. Ferner mag ich nicht darüber diskutieren, ob das ein Sport ist oder nicht. Auch wenn es allen Kritikern, die sicher mit vielem recht haben, nicht passt: Ein derart groteskes Geschoss auf Rädern wie einen Formel 1-Wagen knapp zwei Stunden lang permanent im Grenzbereich zu bewegen oder in einem noch groteskeres Geschoss auf Rädern ein Langstreckenrennen wie das in Le Mans durchzustehen, ist körperlich und mental sehr wohl großer Sport. Ein Bleifuß und ein Pkw-Führerschein reichen lange nicht aus dafür.

Vor allem zwei Spielfilme lassen die Herzen von Motorsportfreunden höher schlagen: John Frankenheimers 'Grand Prix' von 1968 und Steve McQueens 'Le Mans' von 1970. So faszinierend Frankenheimers Bilder von den Rennen sind, so hölzern ist die notdürftig drumherum gestrickte Rahmenhandlung. McQueen verzichtet gleich fast ganz auf so etwas wie eine Handlung und berauscht sich über weite Strecken lieber am Röhren der Porsche- und Ferrari-Prototypen. Mit Ron Howards 'Rush – Alles für den Sieg' könnte nun ein dritter Film hinzukommen. 'Rush' handelt vom Duell zwischen Niki Lauda und James Hunt während der Formel 1-Saison 1976, in der Hunt Weltmeister wurde und Lauda auf dem Nürburgring beinahe tödlich verunglückte. Der Film ist angelegt als etwas, was man heutzutage so ungelenk 'Biopic' nennt. Zu Beginn tönt aus dem Off Laudas unverkennbare Stimme, dazu die Bilder seines Unfalls. Dann Schnitt und Rückblende zur Vorgeschichte, bis die Handlung wieder am Anfang angekommen ist. Es folgt die Geschichte von Laudas Genesung, sein Wiedereinstieg nach gerade zwei Monaten, seine knappe Niederlage gegen Hunt, weil das letzte Rennen in strömendem Regen stattfand und er ausstieg.

An der heutigen Formel 1 gibt es in der Tat vieles zu kritisieren. Den Wahnwitz, andauernd ganze mittelständische Betriebe in LKWs oder Flugzeuge zu verpacken und rings um den Globus zu schippern. Überhaupt, die aberwitzigen Summen, die da verbraten werden. Dass in Zeiten eines überlegenen Fahrers wie Sebastian Vettel in einem überlegenen Auto auch technische Spielereien wie KERS und DRS oder unverständliche Reifenregelungen nicht mehr für Spannung sorgen. Die Verlogenheit, Steuerflucht bei millionenschweren Rennfahrern nonchalant zu übersehen, sie bei anderen Schwerreichen hingegen empörend zu finden. Dass immer mehr milliardenteure Strecken zum Pläsier einer zahlungskräftigen Mittel- und Oberschicht in Landstriche betoniert werden, in denen rundherum bittere Armut herrscht. Die hochtechnisierte Sterilität des Ganzen, die keinerlei Werkstatt-Charme mehr hat. Dass es immer mehr auf das Auto ankommt und immer weniger auf fahrerisches Können. Nicht zuletzt schließlich, dass man echte Typen unter den Fahrern meist vergebens sucht. Der wortkarge Kimi Räikkönen ist wohl eine der letzten coolen Säue, den dieser Betrieb sich leistet. Früher war das alles anders. Zum Beispiel in den Siebzigern.

Kinder, das waren Zeiten! (via ausmotive.com)
Die Siebziger, das waren Zeiten, in denen zum Beispiel ein Alexander Hesketh, dritter Lord of Hesketh, aus purem Spaß an der Freude einen Rennstall unterhielt. Seine Autos trugen keine Sponsorenlogos, das war ihm zu popelig. Dafür hatten seine Fahrer Aufnäher mit eindeutigen Botschaften auf den Overalls. Auch sonst legte der exzentrische Aristokrat Wert darauf, dass das Leben nicht nur aus Rennen fahren bestand und der Spaß nicht zu kurz kam. Ein Verrückter nach heutigen Maßstäben. Ein Fahrer wie James Hunt war wie gemacht für dieses Team. Der war bekannt dafür, es nicht nur auf, sondern auch neben der Strecke mächtig krachen zu lassen. Über den bekennenden Kettenraucher und heftigen Trinker kursiert die Geschichte, er habe einmal in zwei Wochen nicht weniger als 33 Stewardessen flachgelegt. Noch ein Verrückter, ein Rock 'n Roller. Aber auch ein Romantiker. In den Boxengassen roch es nach Schmieröl, Benzin und verbranntem Gummi. Die Mechaniker waren keine blitzsauberen Weißkittel mit Uni-Abschluss, sondern zottelige Freaks mit Öl an den Händen. In den Fahrerlagern und den Hotels, in denen der Rennzirkus logierte, muss es zuweilen zugegangen sein wie auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Dem kann man hinterhertrauern, wenn man mag. Aber man sollte es sich gründlich überlegen.

In den Siebzigern ging es in der Formel 1 nicht nur um Sieg oder Niederlage, sondern auch um Leben und Tod. Russisches Roulette mit Autos. Oder Krieg. Denn die Fahrer machten regelmäßig Erfahrungen, wie sie normalerweise nur Soldaten zugemutet werden. In jeder Saison verloren im Schnitt zwei von ihnen ihr Leben. Es heißt, Bernie Ecclestone habe den blutverschmierten Helm seines tödlich verunglückten Freundes Jochen Rindt an der Unfallstelle eingesammelt und zurück zur Box getragen. Nachdem James Hunt seinen sterbenden Freund Ronnie Peterson aus seinem brennenden Autowrack befreit hatte, hängte er die Fahrerei am Ende der Saison an den Nagel. Die Angst saß allen im Nacken. Hunt ging damit um, indem er feierte, soff und vögelte, was das Zeug hielt. Dennoch musste er sich vor dem Rennen meist übergeben. Lauda, indem er sich akribisch jedes Risiko ausrechnete und damit rationalisierte. Aber auch er, vielleicht der technisch versierteste und kontrollierteste Fahrer von allen, entkam diesem Wahnwitz nur um Haaresbreite und blieb gezeichnet fürs Leben. Nicht nur die Fahrer, auch die Zuschauer lebten gefährlich. Niemand war sicher, wenn bei einem Crash Teile oder Reifen ungebremst in die Menge flogen. Das alles sollte man bedenken, wenn wieder einmal die Rede davon ist, wie viel spannender und faszinierender die Formel 1 damals gewesen sei.

Vielleicht war Niki Lauda der erste moderne Rennfahrer. Geld mit Autorennen zu verdienen, hatte für ihn nichts mit Leidenschaft zu tun, sondern war bloß die logische Folge rationaler Überlegungen. Er wusste, dass er ein Talent dafür hatte und verfügte über stupendes Verständnis für die Technik. Also fuhr er eben Rennen. Hätte er mehr Talent für anderes gehabt, hätte er eben das gemacht. Damit wurde er zum Vorläufer dessen, was heute auf den Strecken dominiert: Statistik, Kalkül, Hightech, Excel-Tabellen. Rennfahrer sein nicht als Herzensangelegenheit, sondern als Karriereoption. Sein Unfall von 1976 war, nebenbei bemerkt, kein Fahrfehler. Eine Hinterradaufhängung war gebrochen. Mangels Computersimulationen testete man neue Bauteile damals gleich auf der Strecke.

Zu den Stärken von 'Rush' gehört es, einem all diese Ambivalenzen zuzumuten, keine platte Heldengeschichte aufzutischen und einen mit mehr Fragen als Antworten zu entlassen. Howard und sein Drehbuchautor Peter Morgan stellen den Gegensatz zwischen Lauda (Daniel Brühl) und Hunt (Chris Hemsworth) in den Mittelpunkt. Hier der kühle Rechner, für den das Ganze bloß ein Job ist, den man bestmöglich erledigt, dort der coole Heißsporn, der sich in der Tradition der Ritter und Gladiatoren sieht. Völlig recht hat keiner von beiden. Am Ende sind sie Freunde geworden und sehen ein, dass der eine nichts ist ohne den anderen. Das mag etwas dürftig sein, reicht aber aus, dass man sich über zwei Stunden nicht langweilt. Die Rennszenen sind spektakulär, die schauspielerischen Leistungen mehr als untadelig (klasse: Daniel Brühl mit Überbiss und Wiener Akzent) und das Zeitkolorit ist schön eingefangen. Ein ehernes Gesetz des Genres Autorennfilm aber kann auch Howard nicht überwinden: Das Ganze ist und bleibt ein Männerding, bei dem Frauen nur am Rande eine Rolle spielen. In 'Rush' bleibt für Hunts Frau Suzie (Olivia Wilde) wenig mehr als ihrem Tunichtgut beizeiten den Laufpass zu geben und Laudas Frau Marlene (Alexandra Maria Lara) darf den schwer verletzten Gemahl unter Tränen anflehen, doch bitte mit der Fahrerei aufzuhören. Vergeblich, wie man weiß. Ein Mann muss eben tun, was ein Mann tun muss.

Der echte James Hunt starb 1993 mit nur 45 Jahren an einem Herzinfarkt. Der echte Niki Lauda ist inzwischen im Rentenalter, ein erfolgreicher Unternehmer und Co-Kommentator bei RTL. Es verwundert nicht, dass er besonders die technische Überlegenheit der Schumachers und Vettels in den Himmel lobt. Dass diesen Herren ansonsten jeder Witz und jedes Charisma abgeht, dass sie mit ihren Start-Ziel-Siegen meist bratwurstene Langeweile verbreiten, findet er irrelevant. Im wahren Leben haben die Laudas längst gewonnen, nicht nur in der Formel 1. Ob das eine gute Sache ist oder nicht, möge jeder mit sich selbst ausmachen, zumindest was den Motorsport angeht.

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Rush – Alles für den Sieg. GB/D 2013, 123 min. Mit: Daniel Brühl, Chris Hemsworth, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara u.a. Buch: Peter Morgan, Regie: Ron Howard.



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